Berlinale-Wettbewerb Literatur-Zeit beim Berlinale-Wettbewerb

Von Klaus Grimberg


Berlin. Literatur-Zeit auf der Berlinale: Eine Fallada-Verfilmung und die Schilderung der ambivalenten Beziehung zwischen dem US-Autor Thomas Wolfe und seinem Lektor Max Perkins sorgen im Berlinale-Wettbewerb für viel Diskussionsstoff.

Wer die Romane Hans Fallada s und insbesondere „ Jeder stirbt für sich allein “ kennt, für den ist dessen filmische Adaption für ein internationales Publikum eine herbe Enttäuschung. Unter dem Titel „Alone in Berlin“ hat Regisseur Vincent Perez das 1947 entstandene Buch als biederes Kammerstück in penibel arrangierter Kulisse inszeniert, in der noch die letzte Gürtelschnalle von Gestapo-Schergen mehr glänzt als die Geschichte selbst.

An Drehorten in Görlitz und der Umgebung von Berlin haben Set-Designer ein adrettes Nazideutschland aufgebaut, das trotz erkennbarer Detail-Versessenheit so leblos und steril wirkt wie ein Puppenstübchen.

In diesem blitzsauberen Ambiente müht sich ein prominentes Darstellerteam um Emma Thompson , Brendan Gleeson und Daniel Brühl dem von Fallada packend erzählten Drama um den stillen Widerstand des Arbeiterpaares Quangel wieder etwas von der Kraft einzuhauchen, die es durch die Übersetzung ins Englische zwangsläufig verloren hat.

Zur Ehrenrettung der Schauspieler muss man sagen, dass die Konzentration auf den einsamen Protest des Paares, das mit Postkarten gegen den Wahnsinn des Krieges anschreibt, vielleicht sogar ein Publikum außerhalb Deutschlands erreichen kann, dass noch nie etwas von Fallada, geschweige denn vom Widerstand der Quangels gehört hat. Hierzulande aber wirkt die klischeehafte Zeichnung von Gut und Böse, von aufrechten Arbeitern und Nazi-Schergen mehr als angestaubt. Falladas lebensnah geschilderte Figuren, ihre inneren Kämpfe und das imaginäre Duell der Quangels mit dem ermittelnden Kommissar – davon ist in diesem zähen Historienspiel fast nichts übriggeblieben.

Ungleich fesselnder ist das Ringen um Absätze, Sätze und Wörter zwischen der amerikanischen Schriftsteller-Legende Thomas Wolfe und seinem Lektor Max Perkins in „Genius“. Mit großer Intensität beschreibt der britische Regisseur Michael Grandage, wie Wolfe Ende der 1920er Jahre für sein Manuskript von mehr als 1.000 Seiten in Perkins einen Verbündeten findet, der an ihn glaubt.

Zugleich ist der Lektor ein strenger Kritiker, der die ausufernd-expressive Prosa des jungen Genies bündelt und in eine romanartige Form bringt. Zwischen den beiden entwickelt sich ein enges Arbeits- und Vertrauensverhältnis. Bei der Arbeit an Wolfes zweitem Roman aber schlägt die Nähe zusehends in Rivalität und Entfremdung um, weil Wolfe sich in seiner Kreativität zunehmend eingeengt und beschnitten sieht.

Jude Law als extrovertierter Schriftsteller und Colin Firth als dessen rationaler Gegenpart liefern sich schmerzende Schlachten um die monströsen Manuskripte, sie schlagen Schneisen in die Wortschöpfungen.wühlen sich durch ausladende Motiv-Kaskaden und seitenlange Beschreibungen ein und derselben Szene. Der Film, der auf der preisgekrönten Biografie „Max Perkins: Editor of Genius“ basiert, beleuchtet in vielen klugen Dialogen immer wieder die gegenseitige Abhängigkeit von Autor und Lektor und fragt danach, ob ein schriftstellerisches Genie eine ordnende, mäßigende Kraft braucht oder ob es dadurch erdrückt wird. „Genius“ ist intelligentes, amerikanisches Independent-Kino mit großartigen Schauspielern, in dem Literaturgeschichte lebendig und die ewige Frage nach dem Wesen des Genies brillant durchdekliniert wird – ein weiterer Höhepunkt im diesjährigen Berlinale-Wettbewerb, in dem es bislang viele starke Filme zu sehen gab.