Premiere im Theater Osnabrück Annette Pullen inszeniert Tschechows „Die Möwe“

Meine Nachrichten

Um das Thema Kultur Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.


Osnabrück. Anton Tschechow lernt im Theater wieder fliegen: Schauspielleiterin Annette Pullen entlässt eine lebendige und hochreflektierte „Möwe“ auf die Bühne des Osnabrücker Stadtheaters.

Osnabrück. „Wie nervös alle sind! Wie nervös!“, stöhnt der Arzt Dorn. Er hat recht. Es wird fahrig geraucht, erregt geredet und im Überdruck der Gefühle viel gekost und geküsst auf der großen Bühne des Osnabrücker Theaters. Manchmal flattert die ganze Gesellschaft auf wie ein Schwarm Möwen und schwärmt geschlossen ihrem leuchtend bunten Leitvogel (Kostüme: Katharina Weissenborn), der Schauspielerin Arkadina, hinterher: zum Bad in den See oder zum Abschiednehmen an die Kutsche.

Arkadinas Sohn Kostja bringt auf den Punkt, was hier alle, die Jungen wie die Alten, befallen hat: Sie leben das Leben nicht, wie es ist oder sein müsste, sondern so, wie es in ihren Träumen erscheint. Und das ist zwar traumhaft intensiv, aber eben auch lebensgefährlich.

Hochreflektierte Inszenierung

Annette Pullen , Leitende Schauspielregisseurin am Theater Osnabrück, entlässt eine hochreflektierte „Möwe“ auf die Bühne des Stadttheaters, die den Autor Tschechow erfreulich beim Wort nimmt. Die Träume ihrer Figuren bringen, gepaart mit ihren Charaktereigenschaften und Verletzungen, prägnante Figuren hervor. Von der gelähmten Lethargie einer langen Tschechow-Inszenierungstradition kaum eine Spur.

Hier brennt jeder auf seine Weise. Mascha, bei Anne Hoffmann eine quirlig-burschikose Tochter des Gutsverwalters, versucht ihre Liebe zu Kostja vergeblich mit Alkohol zu löschen. Ihr ungeliebter Mann, der Lehrer Medwedenko, setzt bei Patrick Berg witzig auf betuliche Ausdauer. Kostja, der angehende Schriftsteller, ist bei Niklas Bruhn ein leidenschaftlicher Brausekopf mit Blick fürs Kommende in der Bühnenkunst („neue Formen müssen her“), aber ohne Standvermögen seiner dominanten Mutter gegenüber. Martin Schwartengräbers Arzt, Stephan Ullrichs Gutsbesitzer Sorin, Jacques Freybers Gutsverwalter und Christine Diensberg als dessen Frau: Varianten nicht erloschener Lebensträume.

Die Möwe Nina versengt sich die Flügel

Am fatalsten versengt sich aber Andrea Casabianchis „Möwe“ Nina die Flügel. Wie ihre Schauspielanfängerin mit der blauäugigen Kraft ihrer Träume von Karriere, Ruhm und großer Liebe den bereits erfolgreichen, aber innerlich schon erschlafften Schriftsteller Trigorin belagert (mal wieder souverän: Thomas Kienast), gehört zu den köstlichsten Szenen dieser Inszenierung.

Regisseurin Annette Pullen spielt ihrerseits souverän mit den Gefahren der Inszenierungsgeschichte. Sie gewährt ihren Träumern starke Einzelauftritte wie Monika Vivells Arkadina, die mit ihrer Vitalität und ihrem Charisma zum einleuchtenden Dreh- und Angelpunkt der ganzen Gutsgesellschaft wird. Doch bevor ihr Lamento oder ihr Gesang in Rührseligkeit versinken kann wie einst beim berühmten russischen Theaterreformer Konstantin Sergejewitsch Stanislawski, legt Pullen flugs und postmodern das Stimmengewirr der anderen darüber.

Kein Fortschritt, sondern Stillstand

Es dürfen auch kurz mal Bienchen summen und Vöglein zwitschern wie damals im Moskauer Künstlertheater. Doch nur um zu signalisieren: Wir lassen auch die von Tschechow schon geschmähten „melancholischen Stimmungsdramen“ hinter uns und untersuchen lieber den Stoff, aus dem hier die Träume sind: sehnsuchtsvoll, brennend, vital und total unvernünftig. Dass dabei von außen besehen kein Fortschritt, sondern Stillstand herauskommt, hat schon Tschechow gewusst.

Pullen folgt auch hierin dem Dichter, lässt Mascha im Kreis beziehungsweise im Rechteck auf den Bierbänken in Jörg Kiefels dezentem Bühnenbild balancieren. Und legt am Ende des gut zweieinhalbstündigen Abends Mutter Arkadina die gleichen beschwichtigenden Koseworte für ihren ewig kleinen Sohn Kostja in den Mund wie am Anfang.

Stillstand kann also quicklebendig daherkommen und wie schon Annette Pullens Osnabrücker „Drei Schwestern“ -Lesart die Tschechow-Irrwege des Theaters widerlegen – auch wenn ihre „Möwe“ sicher nicht zu den ganz großen, originellen Würfen zählt. Doch das Premierenpublikum spendete nachdrücklich Applaus.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN