Sag es klar und sag es leise Umwerfend intensiv: Der Pianist Daniil Trifonov


Mit Nachwuchssorgen muss sich die Klassikwelt derzeit nicht plagen; Hoffnungsträger gibt es zuhauf. Daniil Trifonov ist aber schon weiter: Pianisten wie er gestalten die musikalische Zukunft.

Schwarzer Anzug, schmale schwarze Krawatte, weißes Hemd: Unaufgeregter geht es kaum. Und genauso sitzt Daniil Trifonov in der Laeiszhalle am Flügel und spielt die Chaconne d-Moll aus der Partita für Violine von Johann Sebastian Bach BWV 1004: unaufgeregt. Trifonov hat eine Version für die linke Hand von Johannes Brahms ausgewählt; deshalb ruht die Rechte locker auf dem Klavierhocker. Nur zweimal, als sich das Geschehen aus den Bassregionen nach oben schraubt, stützt er sich damit am Klavier ab. Ansonsten: Ruhe. Trifonov braucht keine Show. Ebenfalls allein auf die Musik konzentriert: Hélène Grimaud

Konzert vor vollem Haus

Der Russe zählt zur jungen Genaration an Pianistinnen und Pianisten, die derzeit auf den Podien der Welt Furore macht, nicht zuletzt aufgrund ihrer Jugend. Da ist der Kanadier Jan Lisiecki oder die Chinesin Yuja Wang, der eine noch jünger, die andere exaltierter als Trifonov; Hoffnungen im Musikbetrieb. Der 25-jährige Trifonov aber ist bereits ein gereifter Musiker. Das hat sich herumgesprochen; die Laeiszhalle ist ausverkauft. Das ist nicht einmal in Hamburg selbstverständlich. Auch finden sich zahlreiche junge Menschen im Publikum, obwohl Trifonovs Programm die konzertpädagogische Forderung nach neuen Formaten nicht einmal ignoriert. Dieser junge Pianist besticht einfach durch die Aura seiner Kunst.

Mit der Chaconne von Bach/Brahms tritt Trifonov selbstbewusst auf, bestimmt in der Sache und klar im Ausdruck. Der Mann weiß eben, was er sagen will, und das macht er gern leise: Er besticht durch sein umwerfend intensives Piano. In der Chaconne deutet er es bereits an, es zieht sich von da durch den ganzen Abend und gipfelt im gehauchten Lento von Sergej Rachmaninows erster Klaviersonate d-Moll op. 28. Er bewegt sich da am untersten Ende der Skala, dort, wo Töne gerade zart Gestalt annehmen, und feine Strukturen ausbilden und lockt damit tief eine filigrane musikalische Traumlandschaft. Nicht mehr ganz so jung wie Trifanov, aber künstlerisch ebenfalls spannend: Herbert Schuch und Boris Giltburg

Die Basis für seine pianistischen Höhenflüge legt Trifonov mit Bach, und zwar aus der Perspektive des romantischen Virtuosentums. Auf Bach/Brahms folgt daher die E-Dur-Violin-Partita in der Bearbeitung durch Rachmaninow: ein heiterer Kontrast zu Brahms, der den Barockmeister Bach tief in den dunklen Wald der deutschen Romantik geführt hat. Trifonov stellt das genauso detailliert dar wie Rachmaninows Verspieltheiten, in High Resolution aber, und da steckt die Kunst, lebendig und niemals technokratisch.

Die Klavierfassung von Orgelfantasie und -fuge f-Moll BWV 542 von Franz Liszt schließt Trifonovs Bach-Exequien und den ersten Teil ab. Nach der Pause folgen die großen Herausforderungen; sechs Etüden nach Paganini von Franz Liszt und, gewissermaßen als Quintessenz, die erste Sonate von Rachmaninow. Eine Stunde permanenter pianistischer Höchstleistung, die Trifonov nicht nur mit erstaunlicher, nein: unglaublicher Leichtigkeit meistert, sondern vor allem bezaubernd musikalisch.

Unter Starkstrom

So hebt er bei Liszt – exemplarisch in den „Campanella“-Variationen, aber nicht nur dort – jede pianistische Schwerkraft auf, lässt Motive mit Wucht anrollen, wahrt aber selbst im dichten Getümmel die klangliche Trennschärfe. Rachmaninow zeichnet er schließlich mit dem feinsten Gerät und schafft trotzdem ein dichtes Gemälde. In langen Bögen treibt er die Spannungskurve nach oben, Trillerketten rütteln einen durch wie Starkstrom. Dann wieder raubt einem die leise Intensität den Atem, und die Schussfahrt des letzten Satzes treibt den Adrenalin-Ausstoß auf den Höhepunkt. Und danach? Steht Trifonov auf, wischt sich hinter der Bühne den Schweiß aus dem Gesicht, spielt für sein euphorisches Publikum drei Zugaben. Unaufgeregt und große Klasse.


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