Vorbilder für alle Kreativen 100 Jahre Dada: Revolte gegen den Irrsinn

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Zürich. Sie waren Selbstdarsteller, Kreative und Netzwerker – die Dadaisten. Mit intelligentem Nonsens protestierten sie gegen den Krieg und legten die Basis für eine Kultur der Selbstinszenierung.

In seinem Röhrenkostüm sieht er aus wie eine Mischung aus Hohepriester und Astronaut. Freunde schieben den Dichter Hugo Ball auf die Bühne. Das Publikum johlt. Ball beginnt: „Gadji beri bimba glandridi laula lonni cadori.“ Alles klar? Nein. Der Tumult bricht los. Mit Auftritten wie diesen beginnt am 5. Februar 1916 eine Revolution der Kunst. Blanker Nonsens? Nein. Hugo Ball, Tristan Tzara, Richard Hülsenbeck und andere reagieren mit kalkulierten Provokationen auf den Irrsinn des Ersten Weltkrieges. Dafür schreddern sie die Kulturbestände einer in ihren Augen ruinierten Zivilisation. Und schaffen mit Lautgedichten, Kabarett, Collagen, Fotomontagen, Manifesten und schrillen Kostümen eine Atmosphäre voll vibrierender Lust auf Neues. Hier weiterlesen: Von Lady Gaga bis Pussy Riot - wer heute den Geist von Dada lebt.

„Dada war ein Urknall der modernen Kunst“, sagt Kuratorin Astrid von Asten vom Arp-Museum in Remagen. Auch Bildhauer Jean Arp gehörte zu den Dadaisten. Von Asten wertet Dada als „Protest gegen den Kriegstaumel“. Von einer „Kunst als Widerständigkeit“ spricht Adrian Notz, Direktor des 2004 wieder eröffneten Cabaret Voltaire. Er stellt klar: Dada war kein Stil, sondern eine Haltung, die noch heute ihre Nachahmer hat. „Auch jetzt ist zum Teil extrem absurd, was in der Welt geschieht“, konstatiert Notz und bezeichnet Künstler und Aktivisten von Pussy Riot bis zu Lady Gaga als legitime Nachfolger der Dadaisten. Hier weiterlesen: Ausstellungen, Bücher, TV - alles über Dada.

„Ein undefinierbarer Rausch hat sich aller bemächtigt“, schreibt der Literat Hugo Ball 1916 und nennt das Cabaret Voltaire einen „Tummelplatz verrückter Emotionen“. Draußen explodiert die Welt, drinnen im Cabaret Voltaire implodiert die traditionelle Kultur. Dada persifliert, ironisiert, kritisiert. Mit Auftritten in schrägen Kostümen, komplexen Fotocollagen und bissigen Manifesten reagieren die Dadaisten auf die Kulturkrise Europas und setzen frische Trends. „Wir wünschen die Welt bewegt und beweglich, Unruhe statt Ruhe“, schreibt der Berliner Dadaist Raoul Hausmann 1919 in „Der deutsche Spießer ärgert sich“. Hier weiterlesen: Die Goldenen Zwanziger im Bild - „Großstadt“ von Otto Dix.

Dada: Mit dem Unsinnswort aus der Brabbelsprache der Kinder provozieren die Dadaisten das Establishment von Kaiser bis Kultur. Doch der vorgebliche Nonsens hat Methode. Die jungen Intellektuellen und Künstler, die sich unter dem Schlagwort Dada für einige Jahre in intelligentem Schwarm versammeln, reagieren auf die Sinnkrise ihrer Gesellschaften, indem sie schreddern, was den Wahnsinn des Krieges nicht hat verhindern können – den Kulturkanon von Goethe bis zur bürgerlichen Wohlanständigkeit. Hier weiterlesen: Sophie Taeuber-Arp- eine Dada-Pionierin und ihr tragisch früher Tod.

Vordenker der Bewegung reagieren mit ihrer Kunst auf die neue Unübersichtlichkeit der Zeit, sprechen von einem „simultanen Gewirr von Geräuschen, Farben und geistigen Rhythmen“. Der Dadaist „glaubt nicht mehr an die Erfassung der Dinge aus einem Punkte“, bringt Hugo Ball die Sinn- als Erkenntniskrise auf den Punkt. „Die Dadaisten schaffen aus der Destruktion etwas Neues“, sagt Astrid von Asten. Damit provozieren sie, zuweilen bis heute. So sei das Verhältnis der Stadt Pirmasens, Geburtsort von Hugo Ball, zu seinem berühmten Sohn lange „ein bisschen zwiespältig gewesen“, sagt Sonja Mäß vom Kulturamt Pirmasens. Im Jubiläumsjahr feiert die Kleinstadt Hugo Ball. Sogar eine Gedenktafel am Geburtshaus soll angebracht werden. Hier weiterlesen: Zürich feiert 100 Jahre Dada.

Ob anarchisches Krippenspiel, „Negerlieder“ oder der offene Aufruf zum Kommunismus im Berliner Dada-Manifest – diese jungen Wilden lassen keine Provokation aus. Zugleich sind sie unglaublich produktiv und kreativ. Sie arbeiten dem Surrealismus vor, bereiten Happening und Performance den Weg. Mit ihren verrückt-schrägen Auftritten nehmen sie die Inszenierungskultur der Ich-Gesellschaft vorweg. „Sie haben mit ihren Strategien vor allem Distanz zu ihrer Zeit aufgebaut, Platz für Neues geschaffen“, sieht Adrian Notz die Dadaisten als Vorläufer der modernen Kreativen. Hier weiterlesen: Im subversiven Geist von Dada: Die Künstlergruppe Irwin in Osnabrück.

Geniale Netzwerker waren sie obendrein. Surreal versponnen geben sich die Dadaisten in Zürich, politisch progressiv in Berlin, poetisch in Paris. Sogar bis New York oder in kleinere Metropolen wie Köln und Hannover strahlt die Bewegung aus. Flexibilität ist den Dadaisten alles, Stillstand verpönt. Deshalb gibt es Dada auch nur als Bewegung für einige Jahre. Experten datieren das Ende auf den Pariser Konstruktivisten-Kongress 1922. Künstler wie Max Ernst, Sophie Taeuber-Arp und Hans Arp, Marcel Duchamp und George Grosz und John Heartfield starten mit Dada in ihre großen Karrieren. „Freiheit. Dada, Dada, Dada“, heißt es bei Tristan Tzara. Hier weiterlesen: Avantgarde im Kugelhagel - Künstler im Ersten Weltkrieg.


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