„Kommt ein Pferd in die Bar“ Großartige Vorstellung von David Grossman

Von Elke Schröder

Der israelische Autor David Grossman. Foto: dpaDer israelische Autor David Grossman. Foto: dpa

Osnabrück. Mit seinem neuen Roman „Kommt ein Pferd in die Bar“ über einen bemitleidenswerten Comedian liefert David Grossman eine großartig energiegeladene literarische Vorstellung ab.

Bühne frei für einen aufregenden, aufwühlenden und unvergesslichen Abend mit dem Comedian Dovele im israelischen Netanya! Als hätte ihn jemand geschubst, stolpert der 57-Jährige auf die Bühne, „ein mickriges, bebrilltes Männlein“ in zerschlissenen Jeans mit roten Hosenträgern und Cowboystiefeln mit beklebten silbernen Sheriffsternen. Es wird sein letzter Auftritt werden, während dessen er sich vor Publikum Stück für Stück seinem Kindheitstrauma nähert: Im Jugendcamp wurde ihm mitgeteilt, dass er nun Waise sei. Doch ob es sich dabei um Mutter oder Vater handelt, erfährt er nach einer langen Rückfahrt erst am Grab.

Der Richter und sein Jugendfreund

Von diesem denkwürdigen Abend Netanya handelt der neue Roman „Kommt ein Pferd in die Bar“ des israelischen Schriftstellers David Grossman. Im Publikum sitzt auch der Ich-Erzähler Avischai Lasar, ein kurzzeitiger Jugendfreund Doveles. Der Kleinkünstler hat ihn überredet, in seine Vorstellung zu kommen. Er soll ihn genau anschauen: „Das, was von einem Menschen ausgeht, ohne dass er Kontrolle darüber hat – das sollst du mir erzählen“, das ist der Auftrag, den Dovele dem ehemaligen Richter, der seit drei Jahren im Ruhestand ist, gibt. Sein Blick führt uns durch die Show. Wir werden Zeugen seiner Urteilsfindung, der dramatisch wechselnden Stimmungen des Publikums.

Humor als Waffe

Dovele Grinstein präsentiert die ganze Bandbreite eines Komikers von Stand-up-Comedy, Slapstick-Einlagen, schmierigen Possen, Galgenhumor bis zur bitter-bösen Politsatire über die dramatische Lage zwischen Israelis und Palästinensern und die israelische Innenpolitik. Er ist ein unangenehmer, aber auch mitleiderregender Typ. Eine schmerzhaft tragikomische Figur. An diesem Abend demontiert er sich als Comedian – und wird Schicht für Schicht sichtbar als gebrochener Mann. Ein Mann aus einem schwierigen Elternhaus, eine Kindheit überschattet vom schweren Shoah-Trauma der Eltern. Womit David Grossman wieder eines seiner großen Themen berührt. Früh hat Dovele gelernt, auf den Händen zu laufen, um seine Mutter aufzuheitern. Früh hat er gelernt, Humor als Waffe gegen die Klassenkameraden, die ihn verspotteten, einzusetzen.

Schockierender Selbsthass

Der pensionierte Richter gewinnt im Verlauf der Handlung an Format, auch, weil er sich zunehmend an die gemeinsame Vergangenheit erinnert. Seine stillen, liebevollen Gedanken an seine verstorbene Frau bilden einen Kontrast zum schroffen Ton Doveles von der Publikumsbeschimpfung bis zu seinem schockierend zur Schau gestellten Selbsthass.

Mit „Kommt ein Pferd in die Bar“ gelingt David Grossman, der 2010 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrt wurde, eine großartige literarische Vorstellung. Der Roman versprüht, allerdings mit anderen erzählerischen Mitteln, dieselbe starke Energie wie sein letztes Buch „Aus der Zeit fallen“ (2013) , eine wütende und zarte Totenklage trauernder Eltern. Es ist eine Literatur, die mit Härte und Sensibilität zugleich im schnellen Wechsel die verschiedensten Stimmungen vermittelt. Eine Literatur, die vielleicht auch nur so vor dem Hintergrund eines Lebens in ständiger Bedrohung durch den Nahostkonflikt entstehen kann. Jedes Gefühl wird mit einer Wucht ausgelebt, als ginge es um die Existenz. Denn wer weiß schon, ob der neue Tag noch Zeit für die Liebe, Wut oder Trauer lässt.


David Grossman:„Kommt ein Pferd in die Bar“. Roman. Carl Hanser Verlag. Übersetzt aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer. 256 Seiten. 19,90 Euro.