Serie „Bilder und ihre Geschichte“ Max Beckmanns letztes Triptychon „Argonauten“



Osnabrück. Wie spiegelt sich Historie in Meisterwerken der Kunst? Die Serie „Bilder und ihre Geschichten“ stellt Beispiele vor. Heute: Max Beckmanns „Argonauten“.

„12 Stunden am rechten Kopf von Argo – welcher Wahnsinn“, schreibt er am 16. Dezember 1950 in sein Tagebuch. Am 26. Dezember sagt Max Beckmann seiner Frau Mathilde: „Jetzt mache ich keinen Pinselstrich mehr dran. Endlich hab ich’s geschafft!“ Am 27. Dezember bricht der Maler in New York an der Ecke 61th Street/Central Park West tot zusammen. „Argonauten“, das letzte seiner neun Triptychen, hat er buchstäblich am Vorabend seines Todes abgeschlossen. Hier weiterlesen: „Triumph des Todes“ - Felix Nussbaums letztes Bild.

Jason und sein Schiff Argo

Das Bild von Jason und seinen Gefährten, die in der griechischen Mythologie mit ihrem Schiff Argo aufbrechen, um das Goldene Vlies zu erobern, ist ein Vermächtnis an die Nachwelt. 1932 lässt er auf seinem ersten dreiteiligen Meisterwerk „Die Abfahrt“ in prophetischer Hellsicht aufeinanderprallen, was das Dritte Reich bringen würde – blindwütige Gewalt und das erzwungene Exil. Achtzehn Jahre später – Beckmann hat inzwischen seine Jahre in Amsterdam und die Ankunft in den USA hinter sich – malt er auf drei Tafeln seinen Zukunftstraum eines besseren Lebens. Hier weiterlesen: Das Jahrhundertbild - Pablo Picassos „Guernica“ .

Junge Männer am Meer

Mit Maler und Modell sowie einem Chor musizierender Frauen auf den 189 mal 84 Zentimeter großen Seitentafeln setzt er die Künste wie flankierende Schutzmächte der Zivilisation in Szene. Die mittlere Tafel – mit 203 mal 122 Zentimetern noch einmal deutlich größer – trägt das Bild des antiken Mythos. Jason und Orpheus sind keine kraftstrotzenden Heroen, eher junge Männer am Meer, wie sie der junge Beckmann schon 1905 gemalt hatte. Beckmann verwendet nicht ohne Grund so viel Zeit auf diese beiden Figuren, insbesondere den Kopf Jasons. Er will die Protagonisten der Zukunft, einer besseren Zukunft schaffen. Hinter ihnen schweben ein dunkler, vergehender Himmelskörper und zwei neue Planeten am Firmament. Das eigentliche Abenteuer, das diese Argonauten zu bestehen haben, ist nichts weniger als eine Zeitenwende. Auf einer Leiter steigt der greise Proteus als Ratgeber empor. Durch Jasons Haar fährt der Zugwind einer neuen Zeit. Hier weiterlesen: Das Bild der Goldenen Zwanziger: „Großstadt“ von Otto Dix.

Angst vor neuen Kriegen

Ob Max Beckmann insgeheim wusste, dass er diese neue Ära nicht mehr erleben würde? Für die Figur des Jason wählt er einen jungen Mann aus seiner Malklasse zum Modell. Aus dem antiken Mythos formt er eine Szene voll Hoffnung und Gefasstheit. Das ganze Triptychon wirkt aufgeräumt, geradezu klassisch ausgewogen. Dabei fürchtete der vom Exil gebeutelte Künstler neue Kriege. „Grosser Unglücksrummel in Corea“, schreibt er am 28. November 1950 in sein Tagebuch über den gerade ausgebrochenen Korea-Krieg. Beckmann sieht den dritten Weltkrieg kommen. Die Folgen des Dritten Reiches und des Zweiten Weltkrieges hatten ihn da schon getroffen. Der Kunststar muss mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten wie viele andere Künstler den Karriereknick hinnehmen. Die Professur, der eigene Raum in der Berliner Nationalgalerie – alles verloren. 1937 geht er in das holländische Exil. In Amsterdam begegnet er dem Osnabrücker Konstruktivisten Friedrich Vordemberge-Gildewart. 1943 verewigt er „VG“ und sich selbst auf dem Gruppenbild „Les Artistes mit Gemüse“. Hier weiterlesen: Friedrich Vordemberge-Gildewart - die Nachkriegszeit.

Mütter und Väter des Grundgesetzes

Vor allem in den figurenreichen, dramatisch bewegten Triptychen reflektiert er unruhige Jahre seines Lebens, vor allem aber die deutschen Katastrophen von Diktatur und Krieg. Mit dem gewalttätigen „Perseus“-Triptychon (1940) reagiert der Maler auf den Krieg, mit „Akrobaten“ (1939) oder „Schauspieler“ (1941) untersucht Beckmann seine gefährdete Künstlerexistenz. Jedes dieser dreiteiligen Werke spiegelt eine chaotische Welt voller Konflikte. Ob Lebensrollen oder menschliche Beziehungen – alles erscheint im fahlen Licht maskenhafter Doppelbödigkeit. Erst die „Argonauten“ überwinden diese Unsicherheit. Max Beckmann wirft einen Blick voraus. Auf dem Bild lässt er junge Männer aufbrechen – während in Deutschland die Mütter und Väter des Grundgesetzes der jungen Bundesrepublik hoffnungsvolle Gestalt verleihen. Hier weiterlesen: Die Stillleben von Max Beckmann.


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