Serie: Bilder und ihre Geschichte „Triumph des Todes“: Der Triumph Felix Nussbaums


Osnabrück. Wie spiegelt sich Historie in Meisterwerken der Kunst? Die Serie „Bilder und ihre Geschichten“ stellt Beispiele vor. Heute: Felix Nussbaums „Triumph des Todes“.

Ausgerechnet der Engel des Todes hat Sinn für die schönen Dinge des Lebens. Die Flöte hält er fachmännisch in seinen Knochenfingern. Der nachsinnende Blick, den er auf den Betrachter richtet, verrät den Feingeist unter den Todesboten. Kein Wunder, dass aus seinem schwarzen Gewand schneeweiße Flügel ragen. Der scharfe Kontrast der beiden Nichtfarben - er wiederholt sich in den Gewändern der beiden Totengerippe links - signalisiert, dass dieser Engel dem Adressaten seines Blicks einen ungewissen Weg weisen wird. Hinauf in die Erlösung, hinab in die Verdammnis? Am jüngsten Tag des Weltgerichtes, den dieses Bild darstellt, bleibt das vollkommen unerfindlich. Hier weiterlesen: „Selbstbildnis mit Judenpass“ - das andere Meisterwerk Felix Nussbaums.

Finales Werk des Rundgangs

Felix Nussbaum datiert „Triumph des Todes“ am 18. April 1944. Am 20. Juni werden er und seine Frau Felka Platek denunziert, dann verhaftet und nach Auschwitz deportiert. Der 1904 in Osnabrück geborene Maler Felix Nussbaum fällt genau jenem finalen Untergang zum Opfer, dem er in seinem Gemälde Ausdruck zu geben versucht hat. Im Osnabrücker Felix-Nussbaum-Haus, das das Gesamtwerk Nussbaums bewahrt, ist „Triumph des Todes“, das einstweilen letzte bekannte Gemälde des Künstlers, als finales Werk des Rundgangs inszeniert. Der Betrachter nähert sich ihm über einen schräg abfallenden Boden, er steht am Ende diesem einen Bild allein gegenüber. Ausweglosigkeit: auf dem Bild, im Ausstellungserlebnis. Hier weiterlesen: Kunst und Holocaust - Konzepte der Erinnerung.

Wie lange hat Nussbaum noch gelebt?

Dabei haben neue Forschungen ergeben, dass Felix Nussbaum über das Datum seiner Ankunft in Auschwitz am 2. August 1944 noch wochenlang in dem Todeslager gelebt haben muss. Das belegen Einträge in Krankenakten. Hat Nussbaum in seinen letzten Lebenswochen noch gemalt? Die Frage kann derzeit nicht beantwortet worden. Das Gemälde „Triumph des Todes“ gibt, ebenso wie die zentrale Figur des Todesengels, eine doppeldeutige Antwort. Das Bild handelt von finalem Untergang, von einem Desaster, auf das kein Neubeginn folgen kann. Mit seiner bloßen Existenz aber zeugt dieses Gemälde von künstlerischer Vitalität, ja von einem Aufbruch. Denn Nussbaum malt ja nicht nur unter dem Eindruck von Razzien und Durchsuchungen, von Todesangst. Er malt auch gegen die Unfasslichkeit eines grauenhaften Schicksals an. Hier weiterlesen: Wie lange hat Felix Nussbaum in Auschwitz noch gelebt?

Triumph der Kultur

Und er besiegt dieses Schicksal. Das Gemälde „Triumph des Todes“ legt mit seinem bloßen Vorhandensein davon Zeugnis ab. Das Bild zeigt den „Triumph des Todes“, es avanciert aber zum Triumph Felix Nussbaums und jener Kultur, die der Maler als Trümmerhalde und Fallout im Bild darstellt. Ob Vanitas-Stillleben, Totentanz, triumphierender Christus, altmeisterliche Maltechnik, Neue Sachlichkeit oder Pittura Metafisica - Felix Nussbaum führt Jahrhunderte alte ebenso wie zeitgenössische Themen, Techniken und Stile in einer genuinen Synthese zusammen, um eine künstlerische Antwort auf die Schrecken seiner Zeit zu finden - und setzt damit eben jene Kultur fort, die er als untergegangene imaginiert. Hier weiterlesen: Das Felix-Nussbaum-Haus - ein Klassiker der Architektur.

Drei Bildzonen des Ruins

Damit überragt das Bild auch jene moralischen, bisweilen moralisierenden Appelle, die in der Rezeption mit Felix Nussbaums Werk verknüpft werden. Wie Pablo Picasso in „Guernica“ oder Otto Dix in „Großstadt“ findet Nussbaum seine künstlerische Antwort auf die drängende Frage seiner Gegenwart im Rückgriff auf ein künstlerisches Archivarsenal, dessen wesentliche Inventarstücke er neu kombiniert und interpretiert. Nussbaum inszeniert auf seinem Bild den Untergang, mit seinem Bild hingegen kulturelle Vitalität als Anschlusshandeln. In drei Bildzonen entwirft er sein Bild des totalen Ruins. Auf den Trümmern der europäischen Zivilisation von Schreibmaschine bis Skulptur, von Telefon bis Notenblatt tanzen und taumeln neun Totenfiguren. Anders als auf mittelalterlichen Totentänzen führen sie keine Menschen dem Ende entgegen. Sie staksen allein durch eine Trümmerwüste, blecken ihre weißen Zähne vor Horizonten in tristem Braun. Darüber taumeln Fratzen des Schreckens als Drachen an düsterem Smoghimmel. Hier weiterlesen: Kunst zum Thema Holocaust - Jürgen Kaumkötter im Interview .

Dem Thema Holocaust gewachsen

Nussbaum hat seine Komposition in mehreren Zeichnungen vorbereitet. Auch Gemälde wie „Der Sturm“ (1941), „Orgelmann“ (1942) oder „Die Verdammten“ (1944) sind als Vorstufen anzusehen. Der Künstler malt nicht einfach seine Existenzangst auf die Leinwand, er findet, auch unter der Todesdrohung, zu einer künstlerisch überlegten Bilderfindung, mit der er sich einem Thema gewachsen zeigt, dessen Dimension kein Äquivalent im Bild erlaubt. Mit „Triumph des Todes“ hält Felix Nussbaum als Künstler dem Holocaust stand, jenem Völkermord, dem er selbst als Mensch zum Opfer fallen wird. „Triumph des Todes“ ist kein einfaches Ereignisbild. Das kann es auch nicht sein. Das Bild bewegt als Antwort. Am Ende triumphiert nicht der Tod, am Ende triumphiert Felix Nussbaum. Hier weiterlesen: Felix-Nussbaum-Haus - Inge Jaehner gibt die Leitung ab .


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN