Krenek-Oper am Theater Hagen „Jonny spielt auf“ als gute Ensembleleistung

Von Pedro Obiera


Hagen. Nicht so sensationell wie Samuel Barbers „Vanessa“ im letzten Jahr, aber ein weiterer Beleg für die ambitionierte und hochwertige Arbeit des Theaters Hagen: Ernst Kreneks Oper „Jonny spielt auf“.

Der riesige Erfolg seiner 1927 uraufgeführten Oper „Jonny spielt auf“, die es in der ersten Spielzeit bereits auf rekordverdächtige 421 Aufführungen gebracht hat, war Ernst Krenek , dem scharfsinnigen Wiener und Wahl-Amerikaner, selbst suspekt. Dass das Werk heute kaum noch zu sehen ist, hat seine Gründe, die auch der verdienstvolle Wiederbelebungsversuch durch das Theater Hagen nicht entkräften kann, mit dem das Theater seine ambitionierten Bemühungen um die amerikanische Oper fortsetzt.

Das Werk ist zwar in Deutschland entstanden und spielt im europäischen Milieu, doch thematisiert wird die Sehnsucht der 20er-Jahre nach neuen Zeiten, die sich viele Zeitgenossen von der amerikanischen Kultur erhofften.

Skepsis des Komponisten

Dass Krenek diesen Traum skeptisch beäugte, zeigt sich an der Titelfigur Jonny, einem amerikanischen Jazzband-Geiger, der in Europa Karriere machen möchte, zunächst die kostbare Geige des berühmten Virtuosen Daniello stiehlt und sich am Ende aus dem Staub macht. Dass Krenek dessen Abgang auf den ersten Blick triumphal zelebriert, indem er Jonny auf einer Weltkugel mit Jazzklängen die „Neue Zeit“ einläuten lässt, relativiert der Komponist durch die Kürze der Szene und die eher dünnen Jazz-Einwürfe. Große Hoffnung setzt er in Typen wie Jonny nicht. Stärker verbunden fühlt er sich der interessantesten Figur des Stücks, dem Komponisten Max, quasi seinem Alter Ego, der in der Einsamkeit der Alpen den Traditionen der europäischen Kultur nachhängt und aus Liebe zur Sängerin Anita am Ende den Weg nach Amerika antritt. Mit ungewissem Ausgang. Bezüge zum „Freischütz“ und zu Kreneks Biografie sind kein Zufall.

Krenek bedient sich einer für ihn eher untypisch konservativen Tonsprache mit spätromantischer Grundsubstanz, durchsetzt mit expressionistischen Tupfern und einigen Revue- und Jazzanklängen. Eine Klangkulisse, die sich streckenweise recht zäh dahinzieht. Diesen Eindruck können auch Generalmusikdirektor Florian Ludwig mit seinem gewohnt vorbildlichen Einsatz und Regisseur Roman Hovenbitzer mit seiner wiederum dezenten und detailgenau ausgearbeiteten Inszenierung nicht wegzaubern. Das Stück hat Patina angesetzt.

Lesart als Künstlerdrama

Hovenbitzer sieht das Werk, durchaus im Sinne Kreneks, als Künstlerdrama, jedoch als Drama des Komponisten Max, während Jonny eine eher dekorative Rolle einnimmt. Dass sich Krenek Jonny als Minstrel vorgestellt hat, also als schwarz geschminkten Weißen und bewusst mit „Neger“-Klischees gespielt hat, wurde dem Komponisten als „rassistisch“ und von den Nazis als „freche jüdisch-negerische Versudelung“ vorgeworfen. Dieses Problem interessiert Hovenbitzer nicht, indem er Jonny als weißen Showman darstellen lässt, eher in der Tradition Frank Sinatras als der Louis Armstrongs.

Hovenbitzers Personenführung besticht durch ihre Sorgfalt. Auch in den Show-Szenen vernachlässigt er nicht die kritische Distanz Kreneks zur trügerischen Euphorie im Angesicht des „American Dreams“. Auch Jan Bammes Bühnenbilder überzeugen durch Zurückhaltung. Max stapft durch eine aus Büchern und Partituren zusammengeschaufelte Gebirgslandschaft, der Glamour der Show-Welt schrumpft auf eine mager dekorierte Hotelpassage zusammen und die Weltkugel, die Jonny am Ende als Künstler der Zukunft zu erobern glaubt, entpuppt sich als goldene Disco-Kugel. Viel Geflimmer, aber ebenso hohl wie die Miss-Liberty-Kronen aus dem Souvenir-Shop, mit dem sich der Chor am Ende schmückt.

Vorbildliche Ensemblepflege

Gesanglich zahlt sich die vorbildliche Ensemblepflege des Hagener Theaters auch diesmal aus. Immerhin stellt das Werk Anforderungen auf dem Level großer Korngold- oder Pfitzner-Opern, denen die teilweise sehr jungen Sänger durchweg gerecht werden, auch wenn sie es nicht leicht haben, sich gegen das Orchester durchzusetzen. Da mag Florian Ludwig noch so sehr den Klang drosseln. Sängerfreundlich ist die Orchestrierung nicht.

Kultvierte Einzelstimmen

Hans-Georg Priese bewältigt mit seinem recht konditionsstarken und dennoch kultivierten Tenor die kräftezehrende Partie des Max auf hohem Niveau. Kenneth Mattice blieb als Jonny etwas blass, was freilich weniger an dem jungen Bariton liegt, sondern an der von Krenek ziemlich oberflächlich angelegten Partie. Anita, die Sängerin, die sich für ein Leben mit Max entscheidet, findet in Edith Haller eine Sopranistin mit dramatischen Qualitäten, wenn auch die teilweise extremen Höhen sehr scharf klingen. Maria Klier präsentiert sich mit entwaffnender Koketterie und stimmlicher Geschmeidigkeit als anmutiges Stubenmädchen Yvonne. Andrew Finden in der undankbaren Rolle des Virtuosen Daniello sowie der Rest des Ensembles einschließlich dreier Showlike agierender Tänzerinnen sowie der sicher agierende Chor runden das erfreuliche Ergebnis ab.

Insgesamt keine so sensationelle Produktion wie die von Samuel Barbers „Vanessa“ im letzten Jahr, aber ein weiterer Beleg für die ambitionierte und hochwertige Arbeit des Theaters Hagen.


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