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Langer Jubel im Theater Osnabrück Gelungene Oper: Benjamin Brittens „Owen Wingrave“


Sperriges Stück, zerklüftete Musik, reduzierte Regie: So lässt sich die Premiere von „Owen Wingrave“ am Theater Osnabrück in drei Schlagworten charakterisieren. Bleibt nur noch hinzuzufügen, dass die Produktion außerordentlich gelungen ist.

Es ist ein Abend in Schwarz-Weiß mit blutroten Akzenten. Ein Zimmer mit Wänden voller Porträts in Petersburger Hängung, also ist bis unter die Decke jedes freie Plätzchen gefüllt. Nur: Die Bilderrahmen blicken leer und hohläugig auf die Menschen herab, die innerhalb dieses Guckkasten-Gevierts agieren. Hermetisch und kalt wirkt das, wie eine Grabkammer.

Gary McCann hat diese Gruft auf die Bühne des Theaters Osnabrück gebaut, denn die Welt des Owen Wingrave ist so. Konventionen, starr wie Mauern aus Granit, regeln das Leben zu Tode. Ideen von außen finden keinen Eingang, denn selbst hinter sechs Türen links und rechts scheint nur das dumpfe Nichts zu gähnen. Nur hinter der Rückwand lauert ein Porträt in unheilvoll rotem Licht: rot wie die verdrängte Familienepisode, in der ein älterer Mann einen Jungen zu Tode geprügelt hat.

Familienehre kontra Freiheit

Britten hat die Oper „Owen Wingrave“ als Fernsehoper konzipiert und komponiert. Der holländische Regisseur Floris Visser verkehrt dieses Konzept fast ins Gegenteil: Er choreografiert eher Bilder als Bewegung – das aber stimmig und mit äußerster Präzision. Dieses Regiekonzept hat sich ja auch bewährt: Visser hat die Britten-Oper bereits 2013 für die Opera Trionfo in Amsterdam inszeniert, eine Operntruppe, die Visser als Intendant leitet. Weiterlesen: Flors Visser spricht über die Inszenierung des „Owen Wingrave“.

Fast scherenschnittartig erzählt Visser, wie Owen Wingrave, Spross einer britischen Offiziersdynastie, sich vom Kriegshandwerk lossagt. Dadurch überwirft er sich komplett mit seiner Familie, denn die englische Gesellschaft des ausgehenden 19. Jahrhunderts hält die Familienehre entschieden höher als Ideen von individueller Freiheit. Jan Friedrich Eggers verkörpert den Widerstandsgeist mit kraftvollem Bariton: Der Konversationston der Partie liegt ihm hörbar.

Lieber Kriegswitwe als Gattin eines Pazifisten

Bizarre Pointe des Stücks ist der Umstand, dass Kriegswitwen am lautesten in den Krieg treiben. Dargestellt von Francis von Broekhuizen, wütet Owens Tante mit der metallischen Schärfe ihres Soprans und dem Feuer gegen Owens Ansinnen. Alexandra Schoeny klingt als Mrs. Julian und Owens Schwiegermuter in spe zwar lyrischer, aber kaum unerbittlicher. Klangvoll, präzise und furios bringt Almerija Delic Owens Verlobte Kate auf die Bühne: Auch ihr erscheint ein Leben als Kriegswitwe attraktiver als die Ehe an der Seite eines Pazifisten. Den vereinten Kräften dieses Trios hat nicht einmal der Leiter der Militärakademie Spencer Coyle viel entgegenzusetzen, so schön der Bassbariton von Rhys Jenkins dazu auch klingen mag. Owens Freund Lechmere (Daniel Wagner mit jugendlich frischem Tenor) ist ein Naivling, General Philip Wingrave hingegen das greise, verbitterte Familienoberhaupt; Mark Hamman stellt es überzeugend dar und singt zudem auch den Balladensänger sehr einnehmend. Owen aber steht allein. Lediglich Mrs. Coyle – fein lyrisch: Elizabeth Magnor – scheint Mitgefühl für den jungen Offiziersverweigerer zu empfinden.

Dissonante Kriegskarrikatur

Brittens Musik dazu ist zerklüftet, sperrig, rabiat. Trommeln und Trompeten verzerren Militär und Krieg zur dissonanten Karikatur, notorisch stereotype Motive kreisen um sich selbst wie die Konventionen englischer Offiziersfamilien. Für die Schönheit einer üppigen Kantilene ist da genauso wenig Platz wie für echt empfundene Emotionen. Britten klappt dabei das Orchester auf wie eine Werkzeugkiste, greift sich Blechbläser, Schlagzeug, Holzbläser, die Harfe, versetzt die Streicher in Rotation. Damit ist die einzelne Musikerin, der einzelne Musiker gefordert, denn der Schwarm eines Tutti, in dem man sich verstecken kann, existiert kaum. Dank Daniel Inbals umsichtiger Leitung und eines hoch konzentrierten Osnabrücker Symphonieorchesters entsteht aber ein erstklassig transparenter Klang, den der Kinderchor, einstudiert von Markus Lafleur, abrundet.

Entrinnen kann Owen dieser Grabeswelt nicht. Kate treibt ihn ins Spukzimmer und in den Tod; schließlich hält sie ihn im Schoß wie Schmerzensmutter Maria den toten Jesus –eine gern strapazierte Metapher für tiefes Leid. Diesmal aber fügt sie sich stimmig in einen hervorragenden Opernabend.


Die nächsten Aufführungen: 22. Januar, 2., 5. und 10. Februar. Kartentelefon: 0541/7600076. Onlinetickets: www.theater-osnabrueck.de

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