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15.01.2016, 06:00 Uhr KOLUMNE

Charlie Hebdo: Aylan-Karikatur schockiert

Von Dr. Stefan Lüddemann


Er provoziert mit seiner zweiten Karikatur über den toten Flüchtlingsjungen Aylan: Der Zeichner Riss (Laurent Sourisseau) Foto: imago/PanoramiCEr provoziert mit seiner zweiten Karikatur über den toten Flüchtlingsjungen Aylan: Der Zeichner Riss (Laurent Sourisseau) Foto: imago/PanoramiC

Paris. „Eine gute Karikatur ist ein Aufschrei“, sagte Charlie Hebdo-Chefredakteur Gérard Biard im Interview. Jetzt sorgt sein Blatt für einen Aufschrei. Die Karikatur, die den toten Flüchtlingsjungen Aylan als erwachsenen Po-Grabscher zeigt, bestürzt. Darf Satire das?

Das Foto ging im September 2015 um die Welt: Der dreijährige Aylan liegt ertrunken an einem türkischen Badestrand. Das Bild des Kindes, das mit dem Kopf im Sand liegt, brachte nicht nur das Elend der Flüchtlinge schockierend genau auf den Punkt, es spornte die Deutschen auch zu jener „Wir schaffen das“-Haltung an, mit der hunderttausende Menschen aus Syrien willkommen geheißen wurden. Charlie Hebdo-Zeichner Laurent Sourisseau, kurz Riss, zeigt nun in seiner Zeichnung den kleinen Aylan, der in Zeitsprüngen zum Erwachsenen wird, und in Köln als Po-Grabscher eine schreiende Frau verfolgt. „Das ist Rassismus“, wettert eine Nutzerin auf Twitter in einem vielfach geteilten Tweed. Und auf Facebook postet ein Nutzer auf der Seite von Charlie Hebdo: „Pressefreiheit auf Kosten von verstorbenem Kind?“. Eine andere Stimme spricht gar von „Leichenschändung“. Hier weiterlesen: Die Aylan-Karikatur im Twitter-Tweed .

„Spott als einzige Waffe“

„Manchmal tut Lachen weh, aber Humor und Spott sind unsere einzigen Waffen“: Dieser Post des Cartoonisten und Charlie Hebdo-Mitgründers Jean Cabut klingt gegen solch geballten Zorn im Netz wie eine laue Rechtfertigung. Auch die Tatsache, dass Zeichner Riss das mörderische Attentat auf die Redaktion von Charlie Hebdo am 7. Januar 2015 nur knapp überlebte, wirkt jetzt kaum als mildernder Umstand. Was darf Satire? Die Frage wird im Hinblick auf die jüngste Charlie Hebdo-Zeichnung wieder und mit neuer Schärfe gestellt. Muss die Freiheit der Meinung nicht dort enden, wo es um die Trauer um ein unschuldiges Kind geht? Hier weiterlesen: Charlie Hebdo provozierte schon einmal mit Aylan-Karikatur .

Das tote Kind vor der Fastfood-Werbung

Dabei hat das Magazin schon einmal eine Zeichnung zu Aylan veröffentlicht. Das Blatt zeigte den toten Jungen vor dem Werbeschild einer Fastfood-Kette für Kindermenüs mit dem Satz „So nah am Ziel“. Mit diesem Blatt konfrontierte Riss das Schicksal der Flüchtlinge mit der sorglosen Konsumkultur des Westens. Schon damit strapazierte Riss Nerven und Geduld seines Publikums. Nun scheint er endgültig zu weit gegangen zu sein. Dabei hat er das Gestaltungsprinzip seiner ersten Zeichnung noch einmal zugespitzt, indem er zwei Bilder zum Thema Flüchtlinge hart gegeneinander schnitt, die die Empfindungen der Europäer zum Thema Flüchtlinge schmerzhaft pointieren. Hier das Mitgefühl mit der nackten Not der Flüchtenden, dort das Entsetzen über als „nordafrikanisch“ und „arabisch“ beschriebene junge Männer, die sich in der Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof massenhaft an Frauen vergriffen. Hier weiterlesen: Der tote Junge am Strand und sein gebrochener Vater.

Die Stimmung ist gekippt

Das Desaster von Köln hat die Meinung der Deutschen und vieler weiterer Europäer über die Flüchtlinge und ihre Aufnahme gründlich irritiert. Die Stimmung des „Wir schaffen das“ scheint gekippt, die Wahrnehmung der hilfsbedürftigen Flüchtlinge von ganz anderen Bilder überlagert – jenen von jungen Muslimen, die ihre Frauenfeindlichkeit als tobender Mob mitten in Deutschland offen ausleben. Mitgefühl contra Angst: Riss hat mit seiner Karikatur das Gefühlschaos der Europäer zwischen Solidarität und Abgrenzung exakt eingefangen. In dieser Hinsicht ist ihm seine Zeichnung geradezu grausam gut gelungen. Hier weiterlesen: Tristesse im Lichterglanz - Paris nach den Anschlägen .

Der Schlagschatten des Ressentiments

Satire leistet Aufklärung, indem sie zuspitzt und übertreibt. Das gilt auch für die aktuelle Zeichnung von Charlie Hebdo – in gewisser Hinsicht jedenfalls. Aber das helle Licht der Aufklärung sorgt hier auch für einen düsteren Schlagschatten. Den wirft das Ressentiment, das Riss in seinem Cartoon leider auch bestürzend deutlich formuliert. Sein Wortlaut: Jeder Muslim ist ein Frauenverächter und damit ein Feind des Menschenrechts und der Freiheit. Er kann offenbar gar nicht anders. Denn nur so ist der Lebenslauf des Aylan zu deuten, den Riss wie im Zeitraffer ablaufen lässt. Bei ihm gilt nicht einmal für das Kind die Unschuldsvermutung. Religiöse und ethnische Zugehörigkeit stempeln es ab, bestimmt, was einmal aus ihm werden wird. Das ist in der Tat ein rassistischer Gedanke. Hier weiterlesen: Freiheit in Zeiten des Terrors - die Werte des Westens.

Dieses Mal schmerzt Satire besonders

Darf Satire alles? Ja, sie darf alles, auch wenn Satire so schmerzt wie im Fall dieses Cartoons. Satire formuliert aber nicht nur Kritik, sie muss auch selbst Gegenstand der Kritik werden. Die trifft Riss gerade auch deshalb zu Recht, weil er mit seiner Karikatur dementiert, was das von Aufklärung, Revolution und Laizismus geprägte Frankreich immer als sein zivilisatorisches Ideal propagiert hat – dass Menschen unterschiedlicher Überzeugungen und Herkünfte in einer von Vernunft und Recht geprägten Ordnung friedlich miteinander leben können. Riss verleiht mit spitzem Zeichenstift dem Vorurteil scharfe Kontur. Und das als Nachfahre von Voltaire und Emile Zola, Jean-Paul Sartre und Michel Foucault? Quelle horreur, wie furchtbar. Hier weiterlesen: „Catharsis“ - Zeichner Luz mit Cartoons gegen die Angst .

Respekt gegenüber dem toten Kind

Der Witz über Aylan verbietet sich nicht nur aus Respekt vor dem toten Kind. Dieser Witz erhebt sich auch über eine Hoffnung auf ein gelungenes Leben, die mit dem kleinen Jungen gestorben ist. Denken wir uns den erwachsenen Aylan, der er hätte werden können, nicht als gemeinen Grabscher, sondern als freundlichen Familienvater und guten Nachbarn – in Deutschland oder in einem wieder befriedeten Syrien. Hier weiterlesen: Wie der Terror den Blick auf den Alltag verändert.


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