Triptychon „Großstadt“ Dix malt das Schlüsselbild der Goldenen Zwanziger

Von Dr. Stefan Lüddemann


Stuttgart. Wie spiegelt sich Historie in Meisterwerken der Kunst? Die Serie „Bilder und ihre Geschichten“ stellt Beispiele vor. Heute: Otto Dix ́ „Großstadt“.

Jazz und Tanz, Kokotten und Krüppel, Glamour und Gosse – und dieses ganze verwirbelte Halbweltleben in der Form eines Triptychons, also eines Andachtsbildes? Otto Dix lässt in seinem Triptychon „Großstadt“ soziale Sphären ebenso heftig aufeinanderprallen wie das laszive Bildthema und die alte künstlerische Form des großen Altarwerkes. Feiert der Maler hier eine schwarze Messe des Vulgären? Hier weiterlesen: Adolph von Menzels „Flötenkonzert in Sanssouci“.

Der Tanz auf dem Vulkan

Auf kaum ein anderes Bild wird so oft verwiesen, um die Goldenen Zwanziger oder den viel zitierten Tanz auf dem Vulkan zu illustrieren – jene Zeit besinnungsloser Vergnügungssucht also, die der Machtergreifung der Nationalsozialisten unmittelbar vorausging. Dix malt das dreiteilige, insgesamt rund 1,80 Meter mal vier Meter große Werk 1927/28. Zur gleichen Zeit schreibt Erich Maria Remarque „Im Westen nichts Neues“, Ludwig Renn „Krieg“, beides Klassiker des Antikriegsromans. Der Krieg steckt nicht nur der Gesellschaft der Weimarer Republik noch tief in den Knochen. Auch Otto Dix gehen die Gräuel des Ersten Weltkrieges nicht aus dem Sinn. Als MG-Schütze diente Dix vier volle Kriegsjahre. Hier weiterlesen: „Die Freiheit führt das Volk“ - legendäres Bild von Eugène Delacroix.

Kriegskrüppel und Schickeria

Auf den beiden Seitentafeln seines Triptychons platziert Dix beinamputierte Kriegskrüppel und kontrastiert sie mit Lebedamen im fahlen Licht der Verlockung. Auf der Mitteltafel tanzt die sorglose Schickeria – ein schreiender Kontrast, mindestens so schreiend wie die giftigen Farben, die der Maler einsetzt. Schwefelgelb, Plüschrosa, Feuerrot, Kobaltblau: Die grelle Farbskala kippt hier jedenfalls so sehr aus dem Gleichgewicht wie das Parkettmuster mit seinen Schrägen. Dabei malt Dix sein Werk mit großer Disziplin. Die Technik der Lasurmalerei erfordert großes handwerkliches Können. Hier weiterlesen: Menzels „Eisenwalzwerk“ - das Epochenbild der sozialen Frage.

Dix malt im Stil der alten Meister

Nicht nur deshalb erinnert das dreiteilige Bild an die alten Meister. Otto Dix malt im Jahr von Dürers 400. Todestag, er formt die zentrale Frauenfigur nach analogen Figuren bei Lucas Cranach, entscheidet sich für eine Farbigkeit, die an Gründewalds Isenheimer Altar erinnert. Und er wählt mit dem Triptychon eine Bildformel, die an pathetischer Kraft kaum zu überbieten ist. Andere Künstler des 20. Jahrhunderts folgen ihm darin, um komplexe historische Wirklichkeit in ein Bild zwingen zu können. Max Beckmann malt ab 1932 gleich neun große Triptychen, später wählt Francis Bacon die dreiteilige Bildform. Dix selbst malt noch das Triptychon „Krieg“ (1932), eine Schmerzenssinfonie, deren Düsterkeit sich vom beißenden Licht der „Großstadt“ deutlich abhebt. Hier weiterlesen: Adolph von Menzel - vor 200 Jahren geboren.

Saxofon als Signatur der Zwanziger

Auch so ist „Großstadt“ ein lautes Bild. Schlagzeug, Röhrenglocken, Trompete, Piano und vor allem das gleich mit zwei Exemplaren präsente Saxofon erzeugen nicht nur Lautstärke, sie markieren auch den Trend der Zeit. Vor allem das Saxofon avanciert zur Signatur einer Epoche der Bars, Varieté-Theater, Vergnügungspaläste. Max Beckmann malt 1930 sein „Selbstbildnis mit Saxofon“ und zollt damit den Zwanzigern auch seinen Tribut. Hier weiterlesen: David Bowie - ein Musterfall des Kreativen.

Kein Berlin-Bild

Otto Dix malt mit „Großstadt“ allerdings kein Berlin-Bild. Sein Werk entsteht in Dresden, wo er ab 1927 als Professor an der Kunstakademie wirkt. Der Maler verewigt nicht nur seine Frau Martha als große Tänzerin, als Personen im Publikum zeigt er auch den Kunstsammler Fritz Glaser und den Architekten Wilhelm Kreis. Dix’verrücktester Einfall: Das Saxofon bläst auf seinem Bild der sächsische Ministerialdirektor Alfred Schulze, dem auch die Kunstpflege unterstand. Dix bringt seinen Dienstherrn ironisch als Tonangeber ins Bild – ein schöner kulturpolitischer Kommentar. Nach Schulze kommen allerdings die Nazis, die Dix aus der Professur entlassen. Der Maler zieht an den Bodensee. „Großstadt“ geht 1972 an das Kunstmuseum Stuttgart. Hier weiterlesen: Was bringt das Kunstjahr 2016?


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