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Drei Klassiker und ein Unbekanntes Nachgehört: Bowies faszinierende Schaffenskraft

Erst vor einigen Tagen, am 8. Januar 2016, war David Bowies 25. Studioalbum „Blackstar“ erschienen. Es ist sein letztes geworden. Foto: dpaErst vor einigen Tagen, am 8. Januar 2016, war David Bowies 25. Studioalbum „Blackstar“ erschienen. Es ist sein letztes geworden. Foto: dpa

Osnabrück. Nicht nur wegen seiner vielen verschiedenen Looks galt David Bowie als Chamäleon. Auch musikalisch war er unglaublich vielseitig – vier Beispiele.

Space Oddity (1969): Am 20. Juli 1969 landete Apollo 11 mit Neil Armstrong, Edwin „Buzz“ Aldrin und Michael Collins auf dem Mond. Nicht mit an Bord: Major Tom. Der hatte die Erde in „Space Oddity“ bereits neun Tage vorher verlassen und trieb seitdem alleine im All. Dieses Horrorszenario in David Bowies Song hielt die BBC damals dennoch nicht davon ab, das Lied zum Soundtrack der Mondlandung zu machen. Offensichtlich war dem Sender die Stimmung wichtiger als der Text. Die Mischung aus Schwerelosigkeit und Melancholie zieht den Hörer unweigerlich mit ins All: Alleine und schwerelos in der Stille des unendlichen Weltraums – dieses Gefühl fängt Bowie mit der spährischen Instrumentalisierung und seiner sehnsüchtig klingenden Stimme einzigartig gut ein. Und es macht „Space Oddity“ zu einem Paradebeispiel für Bowies Talent als Geschichtenerzähler und Stimmungserzeuger. Mark Otten, NOZ-Redakteur seit 1.1.15 (bei der NOZ seit Sommer 2012), hört seit seiner Jugend Britpop und Musik aus den 60er und 70er Jahren.

Life On Mars (1971): „David Bowie kommt vom Mars. Er ist überirdisch und komisch“, schreibt Videokünstlerin Pipilotti Rist über David Bowie. Sie hat recht. 1971 war das auch schon Lebensgefühl. Mit „Life on Mars“ kreierte Bowie einen Song, der zum melancholischen Lebensgefühl der Zeit nach 68 passte. Denn in diesem Song ist alles drin: Protest gegen die Eltern, Trauer über eine vergebliche Liebe, Spiel mit Identität. Vor allem die Melange aus Melancholie und Ironie traf ein Lebensgefühl. Zu diesem Song ließ sich Salvador Dalìs Kunst betrachten oder Thomas Manns Novelle „Tonio Kröger“ lesen. „Is there Life On Mars“: Die zentrale Textzeile passte zu einer Generation zwischen Studentenrevolte und Popper-Chic – als Ausdruck einer Auflehnung, der die utopische Perspektive abhanden gekommen war. Dafür vermittelte Bowie ein Gefühl für innere Unabhängigkeit. Auch ein Gewinn. Dr. Stefan Lüddemann (56), seit 1989 Redakteur, antwortet auf Françoise Sagans Frage „Lieben Sie Brahms?“ unbedingt mit: Ja!

Putting Out Fire (1982): Ein leises Scheppern, das langsam lauter wird, das Schlagzeug setzt ein, die unverwechselbare, tiefe Stimme von David Bowie legt sich darüber, langsam, leiernd, „and I’ve been putting out fire“ – und dann explodieren Musik und Gesang, „with gasoline“ brüllt er, und das Lied nimmt Fahrt auf. Genial, diese Symbiose aus Text und Musik im Titellied aus dem Film „Cat People“ („Katzenmenschen“) von 1982. Doch weder Lied noch Film waren ein großer Erfolg, trotz der klingenden beteiligten Namen: Bowie schrieb „Putting out fire“ zusammen mit Giorgio Moroder, die Hauptrolle im Film spielte Nastassja Kinski. Der vielseitige Bowie bewies mit dem Stück, dass er auch Rock kann. Und großes Kino. Kult-Regisseur Quentin Tarantino erkannte das: Er verwendete „Putting out fire“ 2009 im Film „Inglourious Basterds“ – und das ist, auch wenn Bowie das nicht nötig hatte, der Ritterschlag. Katharina Ritzer (45) kann – wie auch David Bowie – Rock wenig abgewinnen. Sie liebt seit den 70ern Disco, heute am liebsten in elektronischer Spielart.

Blackstar (2015): Als ich an einem dunklen Abend des noch jungen Jahres in Bowies neues und – wie wir erst jetzt wissen – letztes Album eintauchte, konnte ich nicht ahnen, dass das vielleicht dunkelste Werk seiner Schaffenskraft vor dem Hintergrund seines eigenen Todes komponiert worden sein muss. Und auch hier hat es Bowie wieder getan: Etwas zu schaffen, für das es keine Kategorie, keinen Namen gibt. „Blackstar“, der fast zehnminütige Opener des gleichbetitelten Albums ist ein gleichwohl schockierendes wie faszinierendes Beispiel für Bowies oft irritierende Schaffenskraft. Freejazz, ein minimalistisches Arrangement, klassische Songstrukturen und am Ende ein bisschen Ballade – zum Schluss, als Bowie wohl selber wusste, dass das eigene Ende naht, entstand ein letztes Meisterwerk, das Bowie in die Dunkelheit begleitet. „In the villa of Ormen/stands a solitary candle/in the center of it all/your eyes“, heißt es in „Blackstar“. Ein bisschen Licht bleibt also. Sebastian Philipp (34) ist seit 2012 Redakteur bei der NOZ. Sein musikalisches Koordinatensystem bewegt sich zwischen The Cure, Interpol und Arcade Fire.