Buch über Lebensende und Liebe Neuer Martin Walser-Roman: „Ein sterbender Mann“


Osnabrück. Martin Walsers neuer Roman „Ein sterbender Mann“ handelt von der Endlichkeit und neu gewonnener Lebenslust. Das Buch ist hinreißend geschrieben und dennoch nicht wirklich gelungen.

Schreibt jetzt auch Martin Walser „vonne Endlichkait“? Sein neuer Roman trägt den Titel „Ein sterbender Mann“. Ganz so final, wie jener Blick, den Günter Grass in seinem im August 2015 erschienenen Abschiedsbuch „Vonne Endlichkait“ auf sein Leben warf, fällt die Endlebenssicht von Theo Schadt allerdings nicht aus. Der Protagonist von Walsers Roman zergeht in der Melancholie über den Verrat eines treuen Freundes, chattet zwar in Suizidforen, sinniert über das Alter als Niederlage. Aber in einem Roman, in dem Palliativmediziner den Tango tanzen und Partygäste nach der Literaturpreislaudatio ausgelassen blöde Blondinenwitze erzählen, hat es bis zum endgültigen Good Bye offenbar doch noch ein wenig Zeit. (Hier weiterlesen: Der Sprachgenießer - zum 85. Geburtstag von Martin Walser).

Den Eindruck hat Geschäftsmann Theo Schadt zunächst überhaupt nicht. Sein Freund Carlos Kroll - der Name erinnert nicht grundlos an Thomas Manns Hochstapler Felix Krull - hat ihn an den ärgsten Konkurrenten verraten. Schadt verliert seine Firma und, viel schlimmer, mit dem Vertrauen seinen Lebenshalt. Der Riss, der seine Existenz spaltet, reicht so tief wie in Heinrich von Kleists Erzählung „Der Findling“, die in Walsers Roman zitiert wird. Bei Kleist zerstört der Findling Nicolo das Leben des Mannes, der ihn aufnahm. Bei Walser zertrümmert Carlos Kroll die Lebensgewissheit seines Freundes. Der Unterschied: Kleist erzählt von Brüchen, die niemand zu heilen vermag, Walser von Verwerfungen, die sich zumindest umdeuten lassen. Wozu dann aber die Fallhöhe, die mit Kleists Rigorismus gesetzt ist? (Hier weiterlesen: Martin Walsers „Das dreizehnte Kapitel) .

Martin Walser schichtet in den letzten Jahren die Endzeiten, verkettet letzte Gelegenheiten. Goethes allerletzte Liebe als Stoff für „Ein liebender Mann“ (2008), das Christus-Buch „Muttersohn“ (2011), der Briefroman „Das dreizehnte Kapitel“ (2012) über ein Paar und seine unmögliche Liebe und nun „Ein sterbender Mann“ - so viel Finalitäten hält keiner durch. Außer Walser. Warum? Weil noch im „Trostlosigkeitsglanz“ ausweglos erscheinender Lebenskrisen jene, von Walser gewohnt jugendfrisch formulierten „Sprachzärtlichkeiten“ weiterhelfen - nicht als billiger Tand eilfertigen Trostes, sondern als Medium einer Lebendigkeit, die sich aus Kommunikation als steter Fortsetzung speist. „Mein Gott, machen Sie mich geschwätzig“, schreibt Romanfigur Sina nicht umsonst in einem ihrer Briefe an Theo Schadt. Jeder der Briefe, die Theo und seine neue Liebe Sina wechseln, setzt sich in mehr als nur einem Postscriptum fort. Auch kurz vor dem Verlöschen gibt es immer noch etwas zu sagen. (Hier weiterlesen: Wie wird das Literaturjahr 2016? Die Vorschau) .

Sprache erlaubt eine Artikulation, deren Biegsamkeit Symbol neuen Lebens sein kann. Walsers Sprache fließt jedenfalls im neuen Buch so gewohnt quecksilbrig, ja erotisch wie die lockenden Bewegungsfiguren des Tangos. Der vom Verrat zermürbte und zum Sterben bereite Schadt verhockt seine Tage im Tango-Laden seiner Frau. Dort trifft ihn der Blick der Kundin Sina wie ein Lichtblitz. Was die Ehefrau für einen Schlaganfall hält, holt den Mann ins Leben zurück. Nicht nur die Frau elektrisiert, auch der Tango als getanztes Verlangen. Der Leser mag dieses Motiv, angesichts grassierender Tango-Moden, für abgegriffen halten. Aber Martin Walser vollbringt das Kunststück, aus Tanz und Musik und dem Vibrato seiner Verzückungssprache einen Gesamtklang zu modulieren, der einfach nur beglückt. „Leicht bleiben im Ton auch bei schwerster Bedeutung“: Das ist Walsers Spezialdisziplin, seit Jahren. (Hier weiterhören: Die Tango-Stücke aus Martin Walsers Roman).

Dennoch trägt das ganze Romankonstrukt nicht wirklich. Martin Walser verleiht seiner Endzeitgeschichte keinen glaubwürdigen Leidensdruck. Anders als Grass in „Vonne Endlichkait“ steht er nicht existenziell ein für das, was er da zu Papier bringt. Auch der konstruiert wirkende Abschied von der eigenen Profession verfängt nicht. Schadt adressiert einige seiner vielen Briefe, Mails und Blogeinträge an einen anonymen Schriftsteller, übt sich in Kritik an literarischer Sprache. Der Roman karikiert die Ambitionen von Bestsellerautoren wie die Interpretationsbemühungen von Literaturprofessoren. Walser überlädt seinen Roman mit all diesen disparaten Anliegen und Themen. Deshalb liest sich das Buch über Strecken auch langatmig, bisweilen beliebig. Die große Ausnahme: Die Geschichte von Sinas Reise nach Algerien, zum Tango und zu den eigenen Wurzeln hat Kraft, Härte, Prägnanz. So glasklar hat sonst nur Albert Camus geschrieben. Gerade deshalb ist es schade, wie sich „Ein sterbender Mann“ am Ende in Notizen und Notaten regelrecht verliert. „Ein liebender Mann“ war entschieden besser. (Hier weiterlesen: Walser entdeckt die deutsche Schuld - sein Buch über Autor Abramovitsch).

Martin Walser: Ein sterbender Mann. Roman. Rowohlt-Verlag. 288 Seiten. 19,95 Euro.


Die letzten Bücher großer Autoren

Martin Walser nennt seinen neuen Roman „Ein sterbender Mann“. Der Romancier spielt damit auf die letzten Dinge des Lebens an. Sein neues Buch steht damit in einem aktuellen Trend. Mit Günter Grass und Siegfried Lenz haben zuletzt zwei andere große deutsche Autoren in ihren bislang jeweils letzten Veröffentlichungen das Thema des Lebensendes literarisch gestaltet. „Vonne Endlichkait“ nannte der am 13. April 2015 verstorbene Literaturnobelpreisträger Günter Grass seine im August 2015 erschienene Sammlung von autobiographischen Texten, Erinnerungen und Gedichten. Grass blickte in diesem, mit eigenen Zeichnungen versehenen Band auf seine eigenen künstlerischen Anfänge, auf Begegnungen und Stationen seiner Karriere zurück. Sehr persönliche Worte widmete er seiner Frau Ute und nahen Freunden. „Nu hat sech jenuch jehabt./Nu is futsch und vorbai“: Für die lakonischen Verse in dem titelgebenden Gedicht „Vonne Endlichkait“ griff Grass auf den Dialekt seiner Heimtstadt Danzig, dem heutigen polnischen Gedansk zurück.

Ganz anders, weil viel zurückhaltender im Ton fiel die Erzählung „Das Wettangeln“ des am 7. Oktober 2014 verstorbenen Siegfried Lenz aus. Die im September 2015 posthum erschienene kleine Erzählung berichtet in scheinbar beiläufigem Ton von einem Wettangeln in einem fiktiven Ostseehafen. Der sportliche Wettbewerb ist dabei nebensächlich. Lenz erzählt verhalten wie in seinem Bestseller „Schweigeminute“ von einer aufkeimenden Liebe. Das Büchlein ist mit der faksimilierten handschriftlichen Widmung „Für meine Ulla, 22.3.2014“ versehen. Das „Wettangeln“ wird allerdings nicht das letzte Buch von Lenz gewesen sein. 2016 erscheint noch „Der Überläufer“, ein bislang nicht publizierter Roman aus dem Jahr 1951. lü

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