Brüste, Blumen und Heidi Klum Femen-Frau Zana Ramadani über Nackt-Protest

Von Kathrin Pohlmann

<em>Erhobenen Hauptes,</em> mit einer Blumenkrone und der Aufschrift Shqiptar (zu Deutsch: Albaner) auf dem Körper protestiert Zana Ramadani für Gleichberechtigung. Foto: privatErhobenen Hauptes, mit einer Blumenkrone und der Aufschrift Shqiptar (zu Deutsch: Albaner) auf dem Körper protestiert Zana Ramadani für Gleichberechtigung. Foto: privat

Osnabrück. Sie zog mit Fackeln bei Minusgraden halb nackt durch das Hamburger Rotlichtviertel und stürmte die Bühne bei „Germany’s Next Topmodel“ (GNTM). Für die Gleichberechtigung von Mann und Frau zeigt die Femen-Aktivistin Zana Ramadani vollen Körpereinsatz. Im Interview erzählt sie, wie sie die barbusigen Aktionen plant und was dabei passieren kann.

Frau Ramadani, Sie wurden muslimisch erzogen, sind Mitglied der CDU und Femen-Aktivistin. Wie passt das zusammen?

Ich komme aus einer islamischen Familie und bin mit diesen Werten aufgewachsen. Ich selbst bin nicht gläubig und war es auch noch nie, weil ich mich mit dem Islam noch nie so richtig abfinden konnte. In die CDU bin ich vor drei, vier Jahren eingetreten und bin da auch sehr aktiv, und Femen Deutschland habe ich im vergangenen Jahr mit gegründet.

War die religiöse Erziehung ein Grund für Ihre heutige Einstellung?

Ja, natürlich. Man muss sich nur mal die Oberhäupter der Religionen ansehen. Das sind ja immer Männer. So ist auch das Patriarchat entstanden. Wir von Femen bekämpfen das Patriarchat, weil wir Gleichberechtigung wollen. Es leiden aber auch viele Männer unter diesen konservativen Werten, weil sie eben nicht die harten Kerle sind oder weil sie vielleicht homosexuell sind. Es betrifft nicht nur uns Frauen.

Und wieso die CDU und nicht eine andere Partei?

Wir sind hier unten im Siegerland ja sehr schwarz. Und wenn ich im Nachhinein so darüber nachdenke, war es auch einfach Provokation. Ich wollte meine Familie provozieren. Ich habe mich als Kind schon mit Religion beschäftigt, und die Werte, die im Christentum vermittelt werden wie Nächstenliebe und Barmherzigkeit, gefallen mir.

Warum sind Sie Feministin?

Ich würde mich nicht als Feministin bezeichnen, ich bin eher Humanistin. Schon als Kind konnte ich nicht verstehen, wieso eine Frau weniger wert sein soll als ein Mann und wieso ein Junge Sachen machen darf, die ich nicht durfte. Das wollte ich nicht akzeptieren. So habe ich schon mein ganzes Leben gegen diese Ungerechtigkeit angekämpft.

Was halten Sie von Alice Schwarzer?

Diese Frau ist für mich einfach ein Vorbild und war es auch schon immer. Ich kenne Alice ja persönlich gut, und wir treffen uns auch regelmäßig. Man muss nicht ihrer Meinung sein. Sie ist auch nicht immer unserer Meinung. Sie kritisiert Femen oft, und das darf sie auch. Genauso kritisieren wir sie auch. Sie hat für uns Frauen und die Menschen gekämpft und viel erreicht. Dass ihr dieser Kampfgeist in all der Zeit nicht verloren gegangen ist und dass sie viele Beschimpfungen ausgehalten hat, das ist bewundernswert.

Werden Sie als Femen-Aktivistin auch beschimpft?

Ach ständig. Diese Beschimpfungen sind mehr als unter der Gürtellinie. Wir haben zum Glück noch keine Morddrohungen bekommen. Aber man schreibt uns schon „Wir hauen euch eins in die Fresse“. In Frankreich wurden den Mitgliedern von Femen schon die Zähne ausgeschlagen. Dort gibt es sogar ein Femen-Hunter-Team, die machen Jagd auf die Mädels. Wir bieten anscheinend viel Angriffsfläche.

Warum sind Sie bei Femen aktiv und nicht bei z.B. „Terre des Femmes“?

Mit „Terre des Femmes“ und den anderen Organisationen habe ich mich schon sehr lange beschäftigt, aber da habe ich mich nicht mehr aufgehoben gefühlt. Die Arbeit von denen ist verdammt wichtig, aber mir reicht es nicht, einfach nur Flyer zu verteilen oder Briefe zu schreiben. Das habe ich in meinem Leben schon zu häufig gemacht. Ich habe festgestellt, dass man damit zu wenig erreicht. Femen ist eine Riesenmöglichkeit in kurzer Zeit auf Probleme hinzuweisen und in die Medien zu bringen. Damit können wir mehr Menschen erreichen.

Welche konkreten Ziele verfolgt Femen eigentlich?

Wir sind eine Aktivistengruppe. Wir sind dafür da, um auf Probleme aufmerksam zu machen. Und nach unseren Aktionen machen wir zum Beispiel Pressearbeit oder gehen zu Vorträgen. Konkret sind wir zum Beispiel gegen Prostitution. Für mich ist das Massenmord an der weiblichen Seele. Das ist nicht bei allen so, aber bei dem Großteil der Prostituierten.

Sie machten Schlagzeilen, als sie bei der Show „Germany’s Next Topmodel“ oben ohne die Bühne stürmten. Was ist so schlimm an Heidi Klum?

Ach, diese Frau ist einfach schrecklich. Die Werte, die sie vermittelt, sind furchtbar. Sie verkauft kleine junge Mädchen als Ware. Das sind ja keine Frauen. Sie zeigt den Mädchen, dass man nur etwas wert ist, wenn man heult, sie anbettelt und sich ihr unterwirft. Und wie sie diese Mädchen während der Show behandelt, ist krank. Es ist eigentlich Zuhälterei, was sie da tut. Sie ist für mich die Mobbingqueen der ganzen Welt. Und dann sitzen Tausende alte Kerle vor dem Fernseher und geilen sich an diesen minderjährigen fast nackten Mädchen auf. Sie haben bei den Fotoshootings zum Teil komplett nackt posiert. Das kann man doch nicht tun. Da hat sie kein Recht zu.

Sie saßen bei der finalen Sendung von GNTM getarnt als Zuschauer im Publikum. Wie war das?

Ich wurde so aggressiv. Da waren so viele kleine Mädchen zwischen fünf und 15 Jahren unter den Zuschauern. Die waren so aufgetakelt und geschminkt, als wollten die Eltern sie gleich zum Verkauf an die Straße stellen. Dann hat Heidi Klum gefragt „Wer will denn beim nächsten Mal mitmachen?“, und die ganzen Mädchen sind aufgesprungen und haben „Hier“ geschrien. Das war so krank. Denen wird in so einer Sendung vermittelt, dass Schule, Studium und Beruf nicht wichtig sind.

Wie geht man so eine Aktion wie bei GNTM an?

Es ist von Aktion zu Aktion sehr unterschiedlich. Dieses Mal haben wir längerfristig geplant, weil wir wussten, wann die Show stattfindet. Die Sendung war uns schon länger ein Dorn im Auge. Den Mist kann man einfach nicht aushalten. Wir haben uns ganz normal Besucherkarten gekauft. Dann kamen wir in diese Halle rein, und es war wie in einem Hochsicherheitstrakt. Ich weiß nicht, warum man so viel Security haben muss. Erst mal haben wir die Lage gecheckt. Leider waren unsere Plätze weit weg von der Bühne. Wir haben uns dann während der Show ganz langsam nach unten gearbeitet und haben versucht, Lücken zu finden. Das hat fast zwei Stunden gedauert. Dann hab ich zu Hellen – sie ist auch Femen-Aktivistin – gesagt „Jetzt oder gar nicht“, und dann sind wir auf die Bühne gestürmt und haben uns die T-Shirts ausgezogen. Ich weiß bis heute nicht, wie wir das geschafft haben.

Und dann?

Ich stand direkt vor Heidi Klum und habe ihr ins Gesicht gebrüllt „Heute kein Foto für dich!“. Das war ein verdammt gutes Gefühl. Man hat gesehen, wie erschrocken sie war, so umzingelt von vier nackten Brüsten (lacht).

Wie hat Heidi Klum reagiert?

Die hatte ihre Moderationskärtchen total doof in der Hand und guckte mich an, als wollte sie sagen „Hä, was passiert hier gerade?“, und ich habe nur gebrüllt. Und dann haben mich auch schon die Security-Leute gefasst und von der Bühne gezogen.

Wie sind die Sicherheitsmänner mit Ihnen umgegangen?

Als die Kameras weg waren, haben die Security-Leute mich richtig auf den Boden geschmissen. Das sind ja so Zwei-Meter-Brocken, und ich bin ja nur 1,57 Meter groß. Ich hatte über eine Woche noch meine Beine grün und blau. Und die Brust total verkratzt.

Ist es eigentlich eine Überwindung, seine Brüste zu zeigen?

Am Anfang war es eine extreme Überwindung. Denn es sind sehr viele Menschen, die bei einer Aktion auf einen starren. Ich würde jetzt auch nicht einfach halb nackt in der Stadt herumlaufen. Ich hatte zwar noch nie ein Problem damit, in die Sauna zu gehen, aber das ist ja was anderes. Die Scham ist immer noch da, ja. Aber die Stärke, um es trotzdem zu tun, auch.

Es geht ja auch um Körperlichkeit oder?

Ja. Ständig erleben wir, dass irgendwelche Typen am Rande einer Aktion stehen und sagen „Oh geile Titten“. Zu mir sagen sie dann „Die Brüste hängen zu tief, der Arsch ist zu fett, und die hat zu viel Bauch“. Diese Reaktionen gibt es eigentlich immer. Das ist wirklich unglaublich, was solche Menschen im Kopf haben und wie die sich eine Frau vorstellen. Fast jede Frau findet sich zu dick. Mir ging es früher auch so. Aber jetzt fühle ich mich gut, ich habe einen weiblichen Körper, und für mich gibt es keine hässlichen Menschen.

Haben Sie es schon mal angezogen probiert?

Ja, am Anfang waren wir bekleidet. Die Haupt-Femengruppe in der Ukraine hat über zwei Jahre angezogen protestiert – es hat keinen interessiert! Und dann haben sie sich ausgezogen, und schlagartig wurden sie wahrgenommen.

Ist das nicht eigentlich bemitleidenswert, wenn man nur so Aufmerksamkeit erregen kann?

Ja, das ist bemitleidenswert für die Gesellschaft, die so krank ist, dass man nur noch so provozieren kann. Eigentlich muss die Gesellschaft sich dafür schämen, dass es so etwas geben muss.

Glauben Sie, dass nackte Brüste, so wie Femen sie in der Öffentlichkeit präsentieren, noch schockieren?

Ja, weil es Brüste von starken Frauen sind, die sich nicht irgendwelche Zwänge auferlegen lassen. Wenn man Frauen in der Werbung sieht, dann sind das meist unterwürfige, gefügige Wesen. Diese Menschen sind nur diese Nacktheit gewöhnt. Und das sind wir ja nicht. Wir haben unsere eigene Meinung und sind richtige Frauen.

Was bedeuten eigentlich die Blumenkränze, die Sie tragen?

Ja, die sind unser Markenzeichen neben den Brüsten. Und der Blumenkranz ist ja etwas sehr Weibliches und Schönes. Er ist wie eine Art Krone, die wir tragen, weil wir immer erhobenen Hauptes protestieren.

Machen Sie die Kränze selbst?

Das sind Kunstblumen, und wir nähen und binden sie selbst. Manchmal kaufen wir sie auch, wenn es Sonderangebote gibt. Wir brauchen ja einige, denn uns kommen bei den Aktionen doch viele abhanden.

Ihnen wird manchmal vorgeworfen, Sie würden Entertainment machen, was sagen Sie dazu?

Entertainment ist das mit Sicherheit nicht! Das ist Arbeit. Ich kann mir tausend schönere Sachen vorstellen, als bei minus zehn Grad draußen halb nackt herumzulaufen und mir anschließend eine Lungenentzündung zu holen.

Haben Sie sich wirklich eine Lungenentzündung geholt?

Ja, ich hole mir ständig etwas und bin häufig krank. Momentan geht es mir ganz gut. Aber ich nehme das auch in Kauf, weil man sieht, wie viel Aufmerksamkeit man damit erreichen kann.

Was halten eigentlich Ihre Eltern von Femen?

Meine Mutter betet für mich, dass ich mit dem Unsinn aufhöre und meine Brüste verdecke (lacht). Ich soll mich wie ein braves Weibchen benehmen. Mein Vater beschwert sich auch und sagt, das würde eh nichts bringen. Aber das müssen sie eben akzeptieren. Ich tue ja nichts Schlechtes.

Haben Sie auch Geschwister?

Ja, ich habe einen Bruder, der ist 20 Jahre alt, und meine Schwester ist 15. Mein Bruder ist genau das, was ich bekämpfe, und deswegen rede ich seit gut drei Jahren nicht mehr mit ihm. Da bin ich mittlerweile ganz konsequent, mit so einem muss ich mich nicht abgeben. Meine Schwester ist genau wie ich. Sie ist ja erst 15 Jahre alt und darf noch nicht bei Femen mitmachen.

Ab wann darf man denn bei Femen aktiv sein?

Man sollte schon volljährig sein. Aber meine Schwester hilft mir ein bisschen im Hintergrund, und sie findet Femen auch ganz wichtig.

Was sagt Ihr Chef denn dazu?

Ich habe einen Chef und eine Chefin, und die beiden sind selbst sehr sozial eingestellt. Ich muss mir für die Aktionen Urlaub nehmen, aber sie akzeptieren das komplett. Ich mache ja alles für Femen in meiner Freizeit.

Und Ihr Lebenspartner?

Auch der ist sehr tolerant. Sonst wäre ich nicht mit ihm zusammen.

Aber die Parteikollegen finden ihr Engagement für Femen doch sicher nicht so lustig, oder?

Ach ja, die wussten das aber von Anfang an. Ich habe auch nie ein Geheimnis daraus gemacht. Ich habe auch mal Fotos mit in den Rat gebracht und hab sie den Herren gezeigt. Dann haben Sie mich gefragt „Muss das mit nackten Brüsten denn sein?“. „Ja, das ist meine Entscheidung“, hab ich denen gesagt. Und wenn ich das für richtig halte, dann mache ich das auch.

Was halten Sie davon, dass die Anführerin der Femen-Gruppe, Alexandra Schewtschenko, das Matriarchat fordert und von blutenden Männern spricht?

Beim Matriarchat wären die Rollen ja vertauscht, und ich persönlich will das nicht. Für mich ist die idealste Form einfach eine Gleichberechtigung zwischen jedem Menschen. Dass wir bei Femen natürlich mit vielen Wörtern provozieren müssen, ist unsere Aufgabe als Aktivistengruppe, um auch für Diskussionen zu sorgen. Aber natürlich hat auch jede von uns seine eigenen Vorstellungen oder Ideen.

Verraten Sie mir, welche Aktion als Nächstes kommt oder in Planung ist?

Das ist geheim (lacht). Wenn überhaupt, dann geben wir alles nur kurzfristig vorher bekannt. Gerade bei den nicht angemeldeten Aktionen ist es viel zu riskant, vorher etwas preiszugeben.

Was würden Sie gerne mal machen oder wäre Ihre Wunschaktion?

Ich habe keine bestimmte Wunschaktion. Jede ist wichtig.

Zana Ramadani wird am 10. Januar 1984 in Mazedonien, in der Stadt Skopje, geboren. Sie ist Albanerin und wurde von ihren Eltern islamisch erzogen. Schon früh merkt sie, dass Jungen und Mädchen im Islam nicht gleichberechtigt sind, und lehnt den Glauben ab. Im Alter von neun Jahren kommt sie nach Deutschland.

Die 29-Jährige wohnt in Wilden, einer 1600-Einwohner-Stadt bei Siegen-Wilnsdorf (Nordrhein-Westfalen). Dort lebt sie mit ihren drei Hunden. Die Tiere sind ihr Hobby, und sie setzt sich auch aktiv für den Tierschutz ein. Seit rund vier Jahren ist Ramadani bei der CDU aktiv und im Parteivorstand der Jungen Union Wilnsdorf. Sie studierte Politikwissenschaften, Soziologie und Verwaltungswissenschaften und arbeitet als Rechtsanwaltsfachangestellte in einer Kanzlei.

Schon als Jugendliche hat sie sich für die Rechte der Frauen eingesetzt. Im vergangenen Jahr gründete sie dann mit anderen Frauenrechtlerinnen Femen-Deutschland. Für Furore sorgte sie, als sie im Frühjahr mit ihrer Femen-Kollegin Hellen Langhorst die Bühne von „Germany’s Next Topmodel“ stürmte und Heidi Klum vor laufender Kamera anbrüllte.

Für ihre Aktionen fährt sie regelmäßig in ein Trainingscamp nach Paris. Dort lernt sie, wie sie sich bei Aktionen verhält, damit sie sich nicht verletzt. Ramadanis Eltern beurteilen die Aktionen von Femen kritisch. Den Kontakt zu ihrem Bruder hat Ramadani abgebrochen.


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