zuletzt aktualisiert vor

Start: Roman-Abo „Morgen mehr“ Tilman Rammstedt lässt sich beim Schreiben zuschauen

Meine Nachrichten

Um das Thema Kultur Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Tilman Rammstedt Foto: dpaTilman Rammstedt Foto: dpa

Osnabrück. „Morgen mehr!“heißt das neue Romanprojekt von Tilman Rammstedt. Ab Montag, 11. Januar, will drei Monate lang, täglich zwei Seiten seines neuen Romans an digitale Abonnenten liefern. Warum verrät er im Interview.

Wenn Tilman Rammstedt („Der Kaiser von China“, „Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters“) am 11. Januar die ersten Seiten seines ersten Romans für den renommierten Hanser Verlag schreibt, wird er dies in aller Öffentlichkeit tun: Drei Monate lang will der Bachmann-Preisträger von 2008 jeden Tag zwei neue Seiten für die Leser des digitalen Roman-Abos „Morgen mehr!“ abliefern, der im Mai dann als gedrucktes Buch erscheinen soll.

Herr Rammstedt, ab 11. Januar beginnt für Sie eine dreimonatige literarische Nachtschicht. Jeden Morgen sollen Sie dann zwei Seiten Ihrem Lektor und Verleger Jo Lendle und den Lesern im Netz abliefern. Wie ist derzeit Ihre Stimmungslage?

Ich freue mich, wenn es losgeht. Das wird an einigen Tagen sicher sehr grauenhaft werden. Jetzt ist die Aufregung noch sehr groß, und ich frage mich jede Nacht, warum ich mich darauf eingelassen habe. Deswegen ist es ganz schön, wenn ich dann endlich schreibe und nicht mehr so viel Zeit habe, darüber nachzudenken.

Wie schnell schreiben Sie gewöhnlich Romane?

Meine Romane habe ich einigermaßen schnell geschrieben. Das war einer der Gründe, warum es überhaupt zu dieser Roman-Abo-Idee kam. Ich habe immer mit engen Deadlines, dann ziemlich intensiv und panisch meine Bücher geschrieben, aber es gab Zeiten dazwischen, wo ich festsaß und nicht weiterwusste. Jetzt interessiert mich, was das wird, wenn ich mir das nicht mehr erlauben kann.

Setzen Sie sich selbst normalerweise ein Seitenpensum pro Tag, wenn sie an einem Roman arbeiten?

Eigentlich nicht. Ich versuche, so lange an einem Tag zu schreiben, wie es geht. Dieses Pensum von ungefähr zwei Seiten am Tag, das ich mir vorgenommen habe, ist ein Durchschnittswert. Es wird sicher Tage geben, an denen es nur eine halbe Seite oder eine Seite ist und hoffentlich genug Tage, an denen es dann vier oder fünf Seiten werden.

Der Roman soll im Jahr 1972 spielen und sich um einen Mann drehen, der sich nach der Zukunft sehnt, heißt es in der Verlagsankündigung. Sammeln Sie schon Ideen für die ersten Seiten, oder starten Sie am 11. Januar wirklich ohne Netz und doppelten Boden?

Es ist noch schlimmer, als Sie denken. Das war eine provisorische Handlung, weil ich irgendwas festlegen musste. Ob sie es wirklich wird oder etwas, das damit zu tun hat, weiß ich noch nicht. Tatsächlich gibt es kein Netz. Es steht noch nicht einmal eine Grundidee richtig fest.

Schade. Die Handlung hörte sich spannend an.

Das ist schön, dass Sie das sagen. Das habe ich schon ein paar Mal gehört und beruhigt mich sehr. Im Notfall nehme ich das. – Es war bei mir immer so: Sich vorher etwas zu überlegen, hat bei mir relativ selten etwas gebracht. Bei meinen anderen Romanen war es auch immer so, dass ich zu Beginn die Figuren und eine Ausgangssituation im Kopf hatte und viel mehr wusste ich dann auch nicht – und so ähnlich werde ich es auch wieder machen. Ich habe bisher auch nie so gearbeitet, dass ich einzelne Kapitel und Strukturen im Kopf hatte oder so etwas wie einen Handlungsfaden. So soll es nun auch bei diesem Projekt sein. Eine Reise ins Ungewisse. Auch und vor allem für mich.

Sie haben keinen Plan B, wie Sie Schreibblockaden überbrücken könnten?

Richtig. Das Scheitern ist in dem Roman-Abo-Projekt ein bisschen mitgedacht. Ich hoffe, dass es nicht ein ganz großes Scheitern wird, dass es von vorne bis hinten nicht hinhaut, auch wenn ich selbst das nicht ausschließen kann. Ganz sicher wird es aber Tage während dieses öffentlichen Schreibens geben, an denen ich ein paar zweifellos schlechte Seiten schreiben werde.

Ihr öffentliches Schreiben findet im Frühjahr statt, also mitten in der Erkältungszeit. Was machen Sie im Krankheitsfall?

Das war auch mein Gedanken. Wenn es wirklich so wäre, dass ich mit 40 Grad Fieber im Bett liege, dann würde ich noch zwei Zeilen schreiben können, wo ich mich bei den Lesern entschuldige und ein ärztliches Attest dazulege. Mit einer normalen Erkältung zu schreiben ist zwar kein großer Spaß, und das werden dann die Tage sein, wo es mal eine halbe Seite wird, aber auch das gehört dazu. Die Tagesform wird sichtbar sein: Sie wird beeinträchtigt durch den Gesundheitszustand, wie ich in der Nacht geschlafen habe, ob ich mich mit meiner Freundin gestritten habe oder ich mir gerade Sorgen um meinen Sohn mache.

Welchen Einfluss wird das Feedback der Leser auf den Fortgang des Romans haben? Wird der Leser gar zum Ko-Autor?

Das ist ein sehr offenes Konzept, da muss man schauen, wie es geht. Ich bin skeptisch, was die Art einer Utopie eines „Wiki-Romans“ angeht, dass alle zusammen ein Buch schreiben oder die eines Romans 2.0, dass die Leser alles mitentscheiden können. Aber ich würde mich sehr freuen, wenn diese Kommentarspalte belebt werden würde. Ich werde sie sicherlich selber nutzen, in dem Sinne, dass sie Teil der Geschichte wird. Gleichzeitig habe ich auch meine anderen Bücher nicht in einen luftleeren Raum geschrieben, sondern mir die Leser vorgestellt. Und wenn Leser sozusagen beim Schreiben dabei sind, finde ich das auch nicht korrumpierend zu hören, was sie zu sagen haben.

Über die Crowdfunding-Plattform Startnext sollten bis 31. Dezember 4000 Euro für das Buch-Projekt gesammelt werden. Es sind über 4600 Euro geworden. Was soll mit der Summe finanziert werden?

Es war die Entscheidung meines Verlags, das Projekt zunächst über die Startnext-Plattform bis 31. Dezember laufen zu lassen. Ab 1. Januar kann man dann über die Hanser-Webseite das Abo bestellen. Weder dem Verlag noch mir ging es aber um die Summe, die mit den Abos eingespielt wird, es ist vom Verlag eher ein Versuch, ob man auf diese Art Bücher vertreiben kann. Es ist nicht so wie bei Crowdfunding-Projekten. Wir machen das Buch so oder so, egal wie viele Menschen es nun abonnieren.

Das „Ich bin in mich selbst verliebt“-Abo verspricht, dass Sie Hauptfiguren nach demjenigen benennen, der dafür 50 Euro bezahlt hat. Bislang sind das sieben Namen. Schränkt Sie das nicht in ihrer kreativen Freiheit ein?

Ich hatte nicht gedacht, dass das überhaupt jemand macht. Das war ein bisschen als Satire auf diese Art Fundraising-Dankeschöns gedacht. Ich hoffe, diejenigen, die das gebucht haben, haben genau gelesen, dass natürlich nicht Figuren in dem gedruckten Buch nach ihnen benannt werden, sondern sie eine personalisierte E-Book-Version bekommen, in der eine Figur nach ihnen benannt wird. Diese Version stellt der Verlag her. Sie schränkt mich beim Schreiben also überhaupt nicht ein.

Was bedeutet es Ihnen, nun ein Hanser-Autor zu sein?

Natürlich weiß ich, dass es ein ehrwürdiger Verlag ist, wo mindestens jeder Autor einen Nobelpreis gewonnen hat, aber bei mir hatte es keine strategischen Gründe gegeben, den Verlag zu wechseln. Es hatte einen ganz sachlichen Grund: Ich bin meinem Lektor gefolgt, mit dem ich alle meine Bücher gemacht habe. Zu welchem Verlag er gegangen ist, war eher zweitrangig.

Sie wären mit Ihm überall hingegangen?

Nein. Nicht überall (lacht). Es ist mir sehr schwergefallen. Ich war vorher sehr lange beim Dumont Verlag, habe mich da wahnsinnig wohlgefühlt, aber die Person, mit der ich dort am engsten zusammengearbeitet habe war mein Lektor und Verleger Jo Lendle, deshalb bin ich mit ihm weggegangen.

Was schätzen Sie an Ihrem Lektor?

Wir sind sehr eingespielt und waren das erstaunlicherweise von Anfang an. Er weiß meistens, was ich will und was ich kann, und zeigt sehr penibel auf, wo ich dem nicht gerecht werde. Außerdem war er sehr oft beruhigender Beistand, wenn ich in Panik verfiel. Und bei diesem Projekt ist besonders davon auszugehen.


Tilman Rammstedt wurde 1975 in Bielefeld geboren. Er studierte Philosophie und Literaturwissenschaft in Edinburgh, Tübingen und Berlin. 2003 erschien im Dumont Verlag sein Romandebüt „Erledigungen vor der Feier“, 2005 folgte „Wir bleiben in der Nähe“‚ 2008 „Der Kaiser von China“ und 2012 „Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters. Rammstedt wurde mehrfach ausgezeichnet, u.a. dem Förderpreis für grotesken literarischen Humor der Stadt Kassel. 2008 erhielt er den Ingeborg-Bachmann-Preis und den Annette-von-Droste-Hülshoff-Preis. Mit dem Romanprojekt „Morgen mehr“ wechselt Rammstedt von Dumont zum Hanser Verlag. Tilmann Rammstedt lebt in Berlin.

Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN