Premiere in Osnabrück Gut gespieltes „Abschiedsdinner“ im Theater

Freund Antoine nervt das Ehepaar Lecoeur: Martin Schwartengräber (von links) als Antoine, Tilman Meyn als Pierre und Stephanie Schadeweg als Clotilde. Foto: Maik ReishausFreund Antoine nervt das Ehepaar Lecoeur: Martin Schwartengräber (von links) als Antoine, Tilman Meyn als Pierre und Stephanie Schadeweg als Clotilde. Foto: Maik Reishaus

Osnabrück. „Das Abschiedsdinner“ vom Autorenduo Matthieu Delaporte und Alexandre Patellière liefert auf der Emma-Bühne des Osnabrücker Theaters einen humorvollen, aber nicht allzu tiefgründigen Abend mit guten Schauspielern in der Regie von Henning Bock.

Dieses neue Stück vom Autorenduo Matthieu Delaporte und Alexandre de la Patellière lebt von seinen Schauspielern, zumal es sich nach harmlos-boulevardeskem Beginn nicht ganz so atemverschlagend tief in die Psychokiste schraubt wie noch ihr „Der Vorname“ (2013 in Osnabrück). „Das Abschiedsdinner“ dürfte nach der Premiere vermutlich noch runder und reifer über die Emma-Bühne des Osnabrücker Theaters rollen, wie der gute, alte Rotwein, den die drei Hauptfiguren schlürfen. Weil Tilman Meyn , früheres Osnabrücker Ensemblemitglied, extrem kurzfristig für den kurz vor der Premiere erkrankten Oliver Meskendahl einspringen musste - und die um eine Woche verschobene deutsche Erstaufführung des Stücks vom Staatstheater Karlsruhe eingeholt wurde. Einigen wenig störenden Texthängern zum Trotz machte Meyn seine Sache am Premierenabend aber richtig gut.

Das lag sicher auch am so temperamentvollen wie versierten Händchen nicht nur für aberwitzige Komödien, mit dem Regisseur Henning Bock Osnabrück schon so manche Schauspieler-Sternstunde beschert hat. Und: Meyns sehr eigen gefärbter Part für den Ehemann Pierre Lecoeur macht neugierig, wie ihn Oliver Meskendahl spielen wird – denn irgendwann im Januar übernimmt er den Stab.

Meyn lümmelt träge als gewinnender, attraktiver und dabei angenehm unaufdringlicher großer Junge auf dem Sessel herum. Seine leicht angespannte Frau Clotilde mahnt mehrfach zum Aufbruch. Doch Pierre will doch nur spielen in dieser Ehe. Er lässt sich deshalb den Vorschlag mit dem Abschiedsdinner einfallen, der formvollendeten letzten Zuwendung, mit der man unergiebigen Freunden den Laufpass gibt. Clotilde, ganz Formwille und Selbstbeherrschung von Kopf bis Fuß, verfällt offenbar ihrem Spieljungen gern, das macht die Strenge mädchenhaft liebenswert – und kittet die hier und da angeraute Ehe. Stephanie Schadeweg fasziniert mit einem Kammerspiel der feinen, stimmigen Nuancen.

Pierres alter Freund Antoine Royer betritt die schicke, weiße Wohnung mit dem erlesenen Mobiliar eines bürgerlich-repräsentativen Geldbeutels. Martin Kukulies (Bühne und Kostüme) hat sie mit bewundernswert kundiger Hand im Emma-Theater eingerichtet. Martin Schwartengräber macht Antoine zum krassen Gegenteil Pierres: einen kantigen Mann, der mit seiner polterig-lauten Art zu viel Raum für sich und seine doch eher unheldenhaften Geschichten, , beansprucht.

Mit dem Abschiedsdinner will das Ehepaar seine Toleranz aufkündigen: Die verschwörerischen Blicke, die sich die Lecoeurs zuwerfen, das erloschene Zurückkehren zu sich selbst, nachdem man sich dem Gast eben noch in theatralischer Empathie zugewandt hat, sprechen Bände.

Doch Pierre riecht den Braten, das Blatt wendet sich und mit ihm die Machtverhältnisse. Weniger wichtig, was dann an eher läppischen Gesellschaftsspielchen, schön eklig bis gehässigem Kleider- und Rollentausch und anderen komödientypischen Enthüllungen geschieht: Es ist alles letztlich amüsant, weil gut gespielt und inszeniert und verteidigt so mit Fug und Recht den Platz der gehobenen Boulevardkomödie im Spielplan.


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