Weißer Wal und Weißes Album Unschuld oder Schrecken: Farbe Weiß im Widerspruch


Osnabrück. Weiße Weihnachten - ein Kindertraum. Die Farbe Weiß? Sie ist Unschuldsbild und Schreckensvision in einem - vom weißen Wal Moby Dick bis zum „Weißen Album“ der Beatles. Ein Essay - ganz in Weiß.

Schwarz und Weiß geben ein schönes Muster ab, schön für die Spielfelder eines Schachbretts oder für Klaviertasten. Das Denken sollte möglichst nicht nach diesem Schema funktionieren. Schwarzweiß: Wer so denkt, folgt einer engen Weltsicht. Schade nur, dass es zu einer Betrachtung in strikten Gegensatzpaaren keine Alternative gibt, wenn es um das Weiß selbst gehen soll. Denn schon an seiner Grundeigenschaft scheiden sich die Geister bis zur Unversöhnlichkeit. Was ist das Weiß denn nun - Nichtfarbe oder gerade Summe aller Farben, Hoffnungszeichen des Neubeginns oder Chiffre völliger Erstarrung? (Hier weiterlesen: Reisen ohne Hast und Hetze - der Trend „Slow Travel“) .

„Weißer geht´s nicht“

Dabei sind wir doch mit dem Weiß, um im Bild zu bleiben, völlig im Reinen. Auf den ersten Blick jedenfalls. „Wäscht so weiß, weißer geht’s nicht“: Wir haben solche Werbeslogans zu Waschmitteln aus den sechziger Jahren im Ohr, wir denken an Ärzte, die als Götter in Weiß verehrt werden, wir haben den Bauhausstil vor Augen, den Stil der schneeweißen Fassaden, und das weiße Album der Beatles, mit dem die Popband 1968 ihre Neuerfindung feierte. Weiß steht für Modernität, die Neutralität des Funktionalismus, für Hygiene und Fortschritt. Weiß signalisiert eine aufgeräumte Welt, Übersichtlichkeit, Sauberkeit. (Hier weiterlesen: Gesünder essen, bewusster leben - der Trend „Slow Food“) .

Der weiße Wal Moby Dick

Aber was ist dann mit dem weißen Wal? Als graues Tier wäre Moby Dick nur halb so unheimlich. Erst als weißes Phantom avanciert der von Herman Melville in seinem unsterblichen Roman verewigte Pottwal zur Chiffre des Unheimlichen, weil Ungreifbaren. Moby Dick ist nicht einfach ein bösartiges Monster. Der weiße Wal steht für Erhabenheit, für das Nichts, er steht für Gott. Das macht den Kampf gegen ihn so aussichtslos. Weiß, das ist das Signet des Nihilismus. Reinheit kann auch eine Form des Terrorismus sein. (Hier weiterlesen: Künstler Michael Beutler mit „Moby Dick“ im Hamburger Bahnhof).

Sonny Crocket im weißen Anzug

Das ändert nichts an seiner ästhetischen Faszination. Und dass gilt für klassische Hochkunst wie für die Welt des Pop. Mit ihrer blanken Reinheit fasziniert die antike Marmorskulptur eines Apollon oder einer Venus. In schneeweißen Anzügen haben sich Elvis Presley oder Udo Jürgens als überirdisch wirkende Idole inszeniert. Mit weißem Anzug signalisierte Don Johnson als Sonny Crocket in der Serie „Miami Vice“ in den Achtzigern seine Coolness. John Travolta im Discofilm „Saturday Night Fever“ 1979 übrigens auch. Der Umkehrtest belegt, welche Selbstbotschaften damit gesendet werden. Können wir uns Tatort-Kommissar Schimanski in Weiß vorstellen? (Hier weiterlesen: Weiße Bilder - Agnes Martin in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen).

Ein weißes Bild mit weißen Streifen

Aus diesem Kippspiel der Bedeutungen gibt es nur einen Ausweg. Man darf das Weiß nicht einfach nur hinnehmen, man muss es befragen, herausfordern, austesten. Erst dann wird es sich aus seiner schweigenden Erhabenheit lösen, wird uns antworten. Es ist eben mehr als ein ironischer Seitenhieb auf den Kunstbetrieb, dass sich in Yasmina Rezas Theaterstück „Kunst“ von 1994 Serge, Marc und Yvan ausgerechnet über ein weißes Bild mit weißen Streifen in die Haare geraten. Das vermeintliche Nichts an der Wand reizt die drei bis aufs Blut, weil es sie beharrlich anschweigt. Erst als die Männer mit Stiften auf der Bildoberfläche krakeln, löst sich die Spannung. Sie haben das Weiß als Aufforderung zu eigener Handlung genommen, die Furcht vor der Leere überwunden. (Hier weiterlesen: Wiege einer neuen Kultur - der Palazzo Ducale in Urbino) .

Kult der weißen Quadrate

Das tat übrigens auch Robert Rauschenberg 1953. Der blutjunge Künstler radierte eine Zeichnung von Übervater Willem de Kooning aus. Das „Erased de Kooning Drawing“ zeigt die leere Fläche als Resultat einer Zerstörung - und das damit erreichte Weiß als Freiraum für neue Gestaltung. Die Kunst hat deshalb, weit über Yasmina Rezas Theaterstück hinaus, eine enge Beziehung zum Weiß. Es gibt weiße Quadrate von Kasimir Malewitsch, weiße Bilder von Robert Rauschenberg oder Robert Ryman, den „Milchstein“ von Wolfgang Laib und nicht zuletzt den White Cube, den schneeweißen Kubus, als Ideal des perfekten Ausstellungsraumes. (Hier weiterlesen: Zum Weltkatzentag - ein Katzensprung durch 5000 Jahre Kulturgeschichte) .

Die blonde Marilyn Monroe

Je mehr Weiß, umso mehr Aufbruch und Neubeginn: Diese Gleichung lebte die Kunstwelt in der Moderne vor. Diese Entsprechung hat sich als Kulturmuster tief in das kollektive Geschmacksempfinden eingeprägt. Selbst von der antiken Marmorplastik bis hin zur weißblonden Marilyn Monroe reicht eine kulturelle Bedeutungsspur. Das Weiß hat uns - als Sehnsucht, Herausforderung, Zielpunkt. (Hier weiterlesen: Weltliteratur aus Zimmer 414 - Marcel Proust im Seebad Cabourg) .

Wie hält man die weiße Perfektion aus?

Aber wie werden wir mit all dieser Bedeutungslast fertig? Wie hält man die schneeweiße Perfektion aus? Vielleicht, indem man ihr die Farbe entgegensetzt, auf ihren Reinheitsdruck mit Akten der Zerstörung antwortet. Im berühmten „Schneekapitel“ aus Thomas Manns Roman „Der Zauberberg“ von 1924 versinkt Romanheld Hans Castorp in einem Schneegestöber - und in einem Schreckenstraum von Mord und Terror. Er reißt sich aus der weißen Hölle heraus, indem er beschließt, dem Tod keine Herrschaft über seine Gedanken einzuräumen. Castorp besteht die Herausforderung, die in dem tödlich stillen Weiß liegt, weil er sich zum Leben entschließt, zum Leben mit all seiner Buntheit, seiner Unperfektion, seinen Widersprüchen. Aber gilt das alles denn nicht auch für die Schwester des Weiß, für das Schwarz? Ja, aber das wäre einen neuen Essay wert. (Hier weiterlesen: Sammlertycoon bei den Sinnsuchern - Eduard von der Heydt auf dem Monte Verità).


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