„Flötenkonzert“ und „Eisenwalzwerk“ Maler Adolph von Menzel vor 200 Jahren geboren

Meine Nachrichten

Um das Thema Kultur Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.


Berlin. Mit dem „Flötenkonzert von Sanssouci“ prägt er das Preußen-Bild von Generationen, mit dem „Eisenwalzwerk“ malt er ein Denkmal der Industrialisierung: Adolph von Menzel. Am 8. Dezember 2015 vor zweihundert Jahren wurde er geboren.

Der Gigant der Kunst war ganze 1,50 Meter groß. „Wir haben seine Körpergröße anhand eines preußischen Passes mit Angaben in Fuß und Zoll noch einmal nachgerechnet“, präzisiert Kuratorin Claudia Czok, die die Ausstellung „Ich. Menzel“ für das Berliner Stadtmuseum vorbereitet hat. Und Werner Busch, Professor für Kunstgeschichte und Menzel-Experte, ergänzt: „Menzel war ein Zwerg mit zu großem Kopf. Er hat nie eine Frau berührt.“ Dafür umfasst der Maler, Zeichner und Lithograf Adolph von Menzel (1815–1905) nicht nur sein Jahrhundert wie kein zweiter, er zergliedert es auch mit der Beobachtungsschärfe eines Soziologen, artikuliert die Hoffnungen und Katastrophen seines Saeculums stellvertretend für eine Gesellschaft im Geschwindigkeitsrausch der mächtig beschleunigenden Moderne. (Hier weiterlesen: Adolph von Menzels Bilder Friedrichs des Großen) .

Bilder seiner Epoche

Hier das „Flötenkonzert“ (1850/52) mit Friedrich dem Großen als Preußen-Traum, dort das „Eisenwalzwerk“ (1872/75) mit dem wuchtigen Hammerschlag der Schwerindustrie: Menzel registriert nicht nur die Zerrissenheit seiner Zeit zwischen nostalgischer Sehnsucht nach dem besseren Gestern und einer im Zeichen der Industrialisierung ausgenüchterten Gegenwart, er prägt diese Konstellation auch dem kollektiven Gedächtnis der Deutschen mit wahren Epochenbildern ein.

„Menzel eroberte in seinen Bildern Wirklichkeiten, die in der Kunst bis dahin keinen Platz hatten“, konstatiert Werner Busch. Der Zeichner und Grafiker Rolf Escher spricht von einem „neurotischen Hang zum Wahren“, den Menzel gezeigt habe. „Genau darin liegt seine Modernität, die zum Beispiel an Lucien Freud erinnert“, beschreibt er mit Menzel einen Künstler, den er zu seinen Vorbildern rechnet. (Hier weiterlesen: Rolf Escher und seine Bilder zu Friedrich dem Großen) .

Adolph von Menzel trägt in Jacken- und Manteltaschen mehrere Skizzenbücher und Zeichenstifte mit sich herum. Er zeichnet manisch – mit beiden Händen und, wenn es sein muss, auch bei königlichen Empfängen. Wie ein Reporter saugt Menzel auf, was ihm seine sich rasend schnell verändernde Zeit bietet, wie ein Filmregisseur setzt er in grandiose Szene, was den Geist der Gegenwart ausmacht – das glanzvolle „Ballsouper“ (1878), die Massenvergnügen in dem „Nachmittag im Tuileriengarten“ (1967) oder „Die Aufbahrung der Märzgefallenen“ (1848), ein Bild, das als unvollendetes Werk das Scheitern politischer Freiheitshoffnungen in der Revolution von 1848 gerade in seiner fragmentarischen Gestalt schmerzhaft spürbar macht. (Hier weiterlesen: Was suchen Besucher in Blockbuster-Ausstellungen? Das Feature aus dem Museum Folkwang) .

Menzel zeichnet die große Historie und den banalen Moment. „Gerade dieser Widerspruch macht ihn so modern“, sagt Menzel-Forscherin Frida-Marie Grigull von der Universität Jena . Sie sieht Menzel als Künstler, der vor allem Sehen und Beobachten als neue Kulturtechniken der Moderne selbst ins Bild gesetzt hat. Dabei schaut Menzel gnadenlos genau hin. Er malt rasend schnell den gähnenden Mann, skizziert Fahrgäste, die aus dem Zugfenster glotzen, zeigt streitende Maurer auf dem Baugerüst, Menschen in Momenten ihrer Ungeschicklichkeit.

Und er zieht den Vorhang weg von Sterben und Tod. Nach der für die Preußen siegreichen Schlacht von Königgrätz jubelt Menzel nicht mit den Patrioten, er zeichnet Gefallene, die halb nackt und entstellt im Stroh liegen. Rolf Escher erinnert daran, dass Menzel auch zeichnete, als 1873 in der Berliner Garnisonkirche Sarkophage geborgen und geöffnet wurden. Feldmarschall James Keith, Heerführer Friedrichs des Großen, erscheint im Bild nicht als Heros, sondern als blanker Leichnam.

Die Berliner Type

Dabei gilt Menzel als der Preußen-Maler seiner Zeit. Er versieht Franz Kuglers Geschichte Friedrichs des Großen mit Hunderten Illustrationen und macht den Mythos Friedrich damit populär. Er malt 1861 die „Krönung Wilhelms I.“, wird geadelt. Menzel wird hofiert, seine Kunst gilt aber dennoch nicht als hoffähig. Der Winzling avanciert zur Berliner Type, um die sich, wie später um Max Liebermann, Anekdoten ranken. Doch als Winzling bleibt der Künstler Außenseiter. Werner Busch und andere Kunsthistoriker betonen Menzels Distanz zum Leben, seinen harten Blick auf die Welt der Reichen und Frohen – und die der Armen und der Opfer. Fotos zeigen Menzel als Zwerg, der Gerüste besteigt, um seine riesigen Leinwände bearbeiten zu können. (Hier weiterlesen: Wie die Moderne entstand - Bilder der Metropole Paris).

Seine Bilder aber machen ihn zum Giganten. Und sein rückhaltloser Realismus. Menzel malt, wo andere nicht hinsehen – nicht nur das „Flötenkonzert“, sondern auch Hinterhöfe und Bahnstrecken. „Das 21. Jahrhundert sollte sich Menzel neu anschauen“, mahnt Kuratorin Claudia Czok.

Berlin, Nationalgalerie: Blinde Blicke. Sehen und Nichtsehen bei Menzel. Bis 26. Februar 2016; Stadtmuseum: Ich. Menzel. Bis 28. März 2016.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN