Premiere in der Oper Dortmund Tina Laniks „Traviata“ in ungestörter Schönheit

Von Pedro Obiera

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Dortmund. Eine „Traviata“ auf hörenswertem Niveau, szenisch unspektakulär, aber durchweg werkgerecht aufbereitet: Die neueste Produktion der Dortmunder Oper bietet zwar relativ wenig Diskussionsstoff, aber dafür ein Umfeld, das die Schönheiten des Werks nahezu ungestört zur Geltung kommen lässt.

Hervorzuheben sind zwei Gesangsleistungen an der Oper Doprtmund: Eleonore Marguerre in der Titelpartie, die die Zerrissenheit der Rolle zwischen lasziver Grandezza, gespielter Koketterie und tiefer Verletzlichkeit mit wachsender Intensität zum Ausdruck bringt. Gipfelnd in einer Abschiedsarie im vierten Akt, die in jedem Ton anrührt und in der die nicht nur in Dortmund erfolgreiche Sopranistin ihre hell timbrierte Stimme nuancenreich einzufärben versteht. Doch auch in der Bravour-Arie des ersten Akts vermag sie sowohl darstellerisch als auch stimmlich die trügerische Leichtfertigkeit und die inneren Brüche der Figur überzeugend zu vermitteln. Den zweiten Trumpf hält Sangmin Lee als Vater Germont bereit. Eine imposante Bühnengestalt mit ebenso mächtiger Stimme, die die arme Violetta im zweiten Akt mächtig unter Druck setzt, im Laufe des Stücks freilich die harte Schale ablegt und auch emphatische Züge erkennen lässt. Kein Wunder, dass die von Verdi ohnehin überwältigend gestaltete Auseinandersetzung zwischen Violetta und Giorgio Germont zu den Höhepunkten der Aufführung geriet.

Dass Ovidiu Purcel in der Rolle des jugendlichen Liebhabers Alfredo weit weniger profiliert zum Zug kam, liegt nicht nur an der sehr weichen, lyrisch geprägten Stimme des Gastes von der Deutschen am Rhein, der es ein wenig an tenoralem Metall fehlt, sondern auch an der Inszenierung.

Sorgfältig ausgearbeitete Rollen

Im Rollenverständnis Alfredos ist die einzige wesentliche Schwäche der ansonsten ein wenig brav, aber sauber ausgeführten Inszenierung der jungen Regisseurin Tina Lanik anzumerken. Sie stellt Alfredo nicht als ebenbürtigen Partner Violettas und seines Vaters dar, sondern als eingeschüchtertes Muttersöhnchen, das noch mit Bällen spielt und damit den Konflikten mit seinen Partnern einiges an Schärfe und seinen Solo-Arien an Eindringlichkeit nimmt.

Dass die erfahrene Schauspiel-Regisseurin bisher nur wenig mit der Oper in Berührung kam, war nur wenig zu spüren, allenfalls im Umgang mit dem Chor. Die Maskeraden im 3. Akt wirkten geradezu unbeholfen. Ansonsten erhielten alle Rollen, auch die der Nebenfiguren, ein sorgfältig ausgearbeitetes Profil, wobei man diskutieren kann, ob der um das Wohl seiner Kinder bemühte Vater Germont Violetta nicht nur im Interesse seines Sohnes zur Auflösung des Liebesverhältnisses drängt, sondern sie auch noch körperlich bedrängen und dem Vater-Sohn-Konflikt eine so vordergründige, wenn nicht platte Eifersuchts-Nuance hinzufügen muss.

Im bürgerlichen Salon

Das Bühnenbild von Stefan Hageneier siedelt das Stück in einen großzügig angelegten bürgerlichen Salon an, der zugleich äußere Nüchternheit, wenn nicht gar Kälte verströmt. Die Fenster im Sterbeakt sind blind, wodurch der Raum trotz seiner üppigen Dimensionen gefängnisartig eng wird. Vom unabkömmlichen Liebes- und Sterbebett abgesehen, werden Mobiliar und Requisiten so sparsam eingesetzt, dass nichts vom Blick auf die Figuren ablenkt. Weniger gelungen sind die Kostüme der Damen, vor allem die der Choristinnen. Straps-Fummel können reizvoll sein, aber nicht in dieser Form. Mehr Sinn hätte eine stärkere Berücksichtigung des Karnevalstreibens geben können, das einen schroffen Kontrast zur Sterbeszene der Violetta bietet, doch in der Inszenierung überhaupt keinen Niederschlag findet.

Kapellmeister Motonori Kobayashi animiert die Dortmunder Philharmoniker wiederum zu einer vorzüglichen Leistung, wobei er genügend Gefühl für die klanglichen und atmosphärischen Schattierungen der Musik entwickelt. Ob jede Generalpause so massiv ausgebreitet werden muss, bleibt Geschmackssache. Über Mangel an lyrischer Wärme und dramatischer Schlagkraft muss sich jedenfalls niemand beschweren.

Die vielen kleineren Rollen sind naturgemäß stimmlich nicht immer gleichwertig besetzt. Hervorzuheben sind gleichwohl Natascha Valentin mit ihrer ebenso vitalen wie ausgereiften Darstellung der Salondame Flora Bervoix und auch Marvin Zobel als Baron Douphol. Alle profitieren freilich von der feinen Personenführung der Regisseurin.

Der von Manuel Pujol einstudierte Chor wirkte in der Premiere noch etwas grobschlächtig, allerdings fördert ständiges Hinternwackeln in geschmacklosen Kostümen nicht gerade den Sinn für ausgefeilte Stimmkultur.

Begeisterter Beifall

Das Premierenpublikum bedachte alle Mitwirkenden, auch das szenische Team, mit anhaltendem, begeistertem Beifall, der sich für Eleonore Marguerre und Sangmin Lee mit vollem Recht steigerte. Dass die Produktion nicht so viele Reibungsflächen aufweist wie Jens-Daniels Herzogs Inszenierung von Wagners „ Tristan und Isolde“ zum Saisonauftakt, muss nicht gegen die tüchtige Gesamtleistung der Neuproduktion sprechen.


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