Tanzabend zur Wiedereröffnung „Biografia del Corpo“ im Osnabrücker Emma-Theater

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Osnabrück. Mit dem Tanzabend „Biografia del Corpo“ ist in Osnabrück das renovierte Emma-Theater wiedereröffnet worden. Die Choreografien von Rafaële Giovanola und Mauro de Candia über den Körper als Medium des Gedächtnisses überzeugten nicht ganz.

Bleierne Zeit im Tanztheater Osnabrück? Im fahlen Bühnenlicht tauchen Tänzerinnen und Tänzer wie Körperschemen auf. Verhalten erobern sie den Raum, führen Bewegungen aus, die wie Bruchstücke halb vergessener Choreografien wirken, und wie eine nach innen gerichtete Erkundung des Körpers. Doch dann kippt das Geschehen, gewinnt an Dramatik und Tempo. Die Osnabrücker Compagnie zeigt Tanz als Ausdruck auf der Grenze zwischen Destruktion und Neufindung. (Hier weiterlesen: „Biografia del Corpo“ - die schnelle Info).

Neueröffnung nach sechs Monaten

„Biografia del Corpo“ lautet der Titel des Tanzabends, mit dem am Samstagabend das gerade renovierte Emma-Theater, die kleinere Spielstätte des Theaters Osnabrück, nach sechs Monaten Umbauzeit neu eröffnet worden ist. Mauro de Candia und seine Bonner Kollegin Rafaële Giovanola haben ihre zwei Choreografien auf ein Ziel hin ausgerichtet. Sie wollen dem Gedächtnis des Körpers nachspüren, einem Gedächtnis, dass sich aus Erfahrungen tänzerischer Arbeit speist. De Candia und Giovanola beziehen sich dabei auf jenen Fluchtpunkt, den ihre beiden Biografien teilen: die Ausbildung bei der legendären russischen Tanzpädagogin Marika Besobrasova (1918–2010) an der Ballettakademie in Monte Carlo. (Hier weiterlesen: Das neue Emma-Theater) .

Projekt wirkt kopflastig

Das immerhin von der Bundeskulturstiftung geförderte Projekt „Biografia del Corpo“ wirkt in seinem ersten Ergebnis nun jedoch ausgesprochen kopflastig. Die konzeptionelle Vorarbeit in Workshops und Diskussionen ist den beiden Choreografien „Fragmente“ von Rafaële Giovanola und „Studio in Divernire“ anzumerken – und das nicht immer zum Vorteil eines Nachvollzugs, der auch ohne Vorwissen genussvoll zu erleben ist. Dabei gelingt Rafaële Giovanola eine auch in den tänzerischen Ausdrucksformen komplex angelegte Studie über die Sprache der Tanzkunst zwischen Pose und Vitalität. Die Choreografin zitiert die von Anna Pawlowa (1881–1931) weltweit getanzte Choreografie vom sterbenden Schwan und zerlegt dessen kanonisierte Figuren in ihre Mikrobewegungen. (Hier weiterlesen: „Biografia del Corpo“ - das sagen die Choreografen) .

Klassische Ballettbewegungen

Die Mitglieder der Tanzcompagnie erproben klassische Ballettbewegungen und montieren sie dann zu überraschenden Tanzabläufen. Dabei entlassen sie den Körper aus dem harten Drill klassischer Ballettkunst, führen vor, wie Bewegungen gelernt, Körper beherrscht werden müssen. Die Tänzerin Hsiao-Ting Liao treibt diese harte Arbeit in ihrem Auftritt, dem Solo des Abends, auf die Spitze. Sie tanzt durch eine Abfolge irrwitziger Verrenkungen – Chiffren für unbeherrschbare Energien des Körpers. (Hier weiterlesen: Wer prägte ihn als Tänzer? Mauro de Candia erzählt) .

Auf dem Terrain der Erinnerung

So explosiv und ekstatisch die Choreografie von Rafaële Giovanola in ihren besten Passagen auch geriet, so vergleichsweise unaufregend bot sich nach der Pause „Studio in Divernire“ von Mauro de Candia dar. Eine Tänzerin und drei Tänzer betreten in diesem Stück das von einem Lichtband bezeichnete Bühnengeviert wie ein Terrain der Erinnerung. Auf diesem Terrain lässt de Candia die Sozialisation des Tanzkünstlers nachempfinden, als Weg von tastendem Versuch bis hin zu einem sich in Schwüngen und Drehungen äußernden freien Ausdruck. Die Akteure setzen diesen Weg raumgreifend und entsprechend wirkungsvoll in Szene. Die Idee des Stücks wirkt allerdings konzeptionell allzu schnell ausgeschöpft, die Bühnenaktion deshalb – Pardon für das harte Wort – nach einiger Zeit redundant. (Hier weiterlesen: Tanztheater arbeitet mit Flüchtlingen).

Was sagen andere Kulturen?

Das Kernproblem des Abends besteht jedoch in der These, den Bewegungsabfolgen der Tanztradition, etwa jener des „Sterbenden Schwans“ den Stellenwert einer menschlichen Universalie zuerkennen zu wollen. Lässt sich das im Kulturvergleich wirklich halten? Dass mit Omar Meslem „als Gast“ ein syrischer Flüchtling mitwirkte, weist immerhin in eine andere Richtung. In den Folgeprojekten von „Biografia del Corpo“ soll das Körpergedächtnis anderer Kulturen zum Zuge kommen. Wir dürfen gespannt sein.

Nächste Vorstellungen: 28. November, 6. Dezember. Kartentel.: 0541/7600076

Info: www.theater-osnabrueck.de


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