Ein Plädoyer für die Offenheit Werte des Westens: Freiheit in Zeiten des Terrors

Von Dr. Stefan Lüddemann


Paris. Sie sind so bedroht wie lange nicht mehr – die Werte des Westens. Nicht nur der Terrorismus bedroht diese Werte, sondern auch jene Abwehr des Terrors, in deren Namen ihre Geltung eingeschränkt wird. Dabei kommt es gerade jetzt darauf an, Werte der Freiheit zu leben. Ein Plädoyer.

Dieses Plädoyer gilt Handlungen, nicht Bekenntnissen. Werte stabilisieren sich in ihrer Erneuerung durch permanente Akte. Das gilt gerade für die Wertordnungen freier Gesellschaften. Viele Mitglieder westlicher Gesellschaften sehen dieses Wertesystem aber als fraglose Selbstverständlichkeit. Das Bewusstsein dafür, dass zentrale Werte des Westens wie Menschenrechte, Demokratie, die Trennung von Politik und Religion oder rechtsstaatliche Prinzipien in der Geschichte erstritten werden mussten, ist verblasst. Viele Menschen leben westliche Werte heute, seien wir ehrlich, als Genuss und Konsum und überlassen alles andere gern den Sonntagsrednern. Aufklärer, Revolutionäre, Freiheitskämpfer? Das war gestern. Die Gesellschaften des Westens sind, so die kühle Beschreibung des Politologen Herfried Münkler, in ihrer postheroischen Phase angekommen. (Hier weiterlesen: Herfried Münkler über Deutschlands Rolle in der Welt) .

Stiller Heroismus

Suggeriert diese Formulierung eine Diagnose jener Überzeugungsschwäche, auf die Terroristen spekulieren, wenn sie, wie nun in Paris geschehen, ihre Anschläge auf sogenannte „weiche Ziele“ richten? Michel Houellebecq hatte erst in seinem letzten Bestseller „Die Unterwerfung“ über eine Gesellschaft gespottet, die ihre Freiheitswerte vergißt und sich bereitwillig islamistischer Gängelung unterwirft. Die islamistischen Attentäter wollten mit ihren Morden in Paris auch die „Hauptstadt der Unzucht und des Lasters“ treffen, so ihre Formulierung. Aber welche Fehleinschätzung liegt einer Sicht zugrunde, die im Vergnügen der Menschen nicht ihr Selbstbewusstsein erkennt – und die nicht damit rechnet, dass Werte einer Gesellschaft latent, aber gerade deshalb stark in ihrer Wirksamkeit sein können? (Hier weiterlesen: Wer ist Michel Houellebecq? Der Romancier im Porträt).

Bilder des Schreckens

Der 13. November 2015 wird nicht nur mit Bildern des Schreckens in die Geschichte eingehen, sondern auch mit der Erinnerung an den stillen Heroismus einzelner. Da war Sébastien, der eine schwangere Frau mit beherztem Griff vor dem Sturz von der Fassade des Konzerthauses Bataclan bewahrte. Da war der Mann, der sich in einer Brasserie schützend vor eine Unbekannte warf, und im Kugelhagel der Islamisten sein Leben ließ. Und da ist die 77 Jahre alte Pariserin Danielle , die dafür plädiert, sich mit Millionen Moslems zu verbrüdern, die in Frankreich ihre Religion frei und friedlich leben und nur diejenigen „Barbaren“ zu jagen, die im Namen eines pervertierten Glaubens töten. Ist es nicht ein Zeichen der Größe vieler, dass Danielle für ihre Worte in den sozialen Netzwerken gefeiert wird?

Plädoyer für die Offenheit

Ja, und ein gelebtes Plädoyer dafür, die Offenheit westlicher Gesellschaften gerade im Augenblick ihrer existenziellen Bedrohung offensiv, ja ostentativ zu leben. Damit bewahren sich Menschen ihre Würde. Und nicht nur die. „Vernünftig ist, wer den Ausnahmezustand vermeidet“, verwies der Philosoph Odo Marquard darauf, dass nur derjenige die Freiheit seines Geistes wahrt, wer sich keine Handlungen oder Haltungen aufzwingen lässt. (Hier weiterlesen: Je suis Charlie - ein Slogan für westliche Werte).

„Für die Freiheit planen“

„Wir müssen für die Freiheit planen und nicht für die Sicherheit, wenn auch vielleicht aus keinem anderen Grund als dem, dass nur die Freiheit die Sicherheit sichern kann“, schrieb Karl Popper in „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ (1945). An Poppers berühmtes Buch, das auch dem gerade verstorbenen Altbundeskanzler Helmut Schmidt ideelle Orientierung bot, wird jetzt wieder erinnert. Poppers Entwurf macht klar, was die Werte des Westens grundiert: das Bekenntnis zur freien Wahl und die Absage an letzte Wahrheiten. (Hier weiterlesen: Charlie Hebdo-Zeichner Luiz mit Cartoons gegen die Angst).

Freie Wahl der Optionen

Solche Freiheit erfordert aber Teilhabe, Empathie, Reflexion – und das von jedem Einzelnen. Die Werte des Westens stehen in der Erklärung der Menschenrechte wie im Grundgesetz, aber sie gehören vor allem in die Praxis von Menschen, die wissen, dass sie die Frage nach ihrer Zukunft nicht delegieren können. Diese Einsicht prägt eine Existenz, deren Sinn immer wieder neu entworfen werden muss. Zur Wirklichkeit des Menschen gehöre die Buntheit des Zufälligen, sagte Odo Marquard. Gerade darin liege die „menschliche Freiheitschance“. Sie muss gerade jetzt ergriffen werden – als freie Wahl von Handlungsoptionen, die sich nicht von den Zumutungen der Fundamentalisten und Kriegsrhetoriker steuern lassen. (Hier weiterlesen: Terrorplaner Abdelhamid Abaaoud ist tot)

Werte der Freiheit schützen

Werte der Freiheit werden nicht geschützt, indem sie vorübergehend suspendiert werden. „Nicht durch Beschränkung, sondern durch Erweiterung der Bürgerrechte – durch eine mutige Identifikation stiftende Offensive ist republikanische Freiheit zu retten, ist der den Terrorismus nährenden Verzweiflung zu begegnen.“ Das sagte Walter Jens bereits 1977, als es im „Deutschen Herbst“ darum ging, die Herausforderung des Terrors zu bestehen.


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