Abschluss der Mozart-Trilogie Teodor Currentzis: Der schwärzeste „Don Giovanni“

Als Mozartinterpret schlichtweg genial: Teodor Currentzis. Foto: Aleksey GushchinAls Mozartinterpret schlichtweg genial: Teodor Currentzis. Foto: Aleksey Gushchin

Dortmund. Teodor Currentzis und sein Orchester Musicaeterna zum Dritten: Mit dem „Don Giovanni“ haben sie den Mozart-Da-Ponte-Zyklus im Konzerthaus Dortmund abgeschlossen. Aufwühlender kann man dieses Nachtstück kaum erleben.

Vorher: das Konzerthaus Dortmund in weihevoller Stille. Nachher: Begeisterung, wie sie sich im BVB-Stadion frenetischer nicht äußern kann. Dazwischen: Teodor Currentzis knetet 1200 Zuhörern mit Mozarts „Don Giovanni“ die Seele durch. Wie macht er das?

Nun, mit seinem Charisma wirkt er in Orchester und Sängerensemble hinein und bannt sein Publikum. Doch Charisma allein erzeugt nicht die Präzision, mit der Musicaeterna Mozart spielt, ruft nicht diese Leichtigkeit hervor, mit der die Musik schwingt. Auch reicht Charisma nicht, um in diese unglaublichen Tiefen vorzustoßen, die Currentzis in den drei Da-Ponte-Opern von Wolfgang Amadeus Mozart auslotet. Vor allem in Mozarts schwärzester Oper, im „Don Giovanni“ .

Im Anfang war - die Dunkelheit

Dazu wird es zunächst einmal dunkel im Konzerthaus Dortmund; für ein paar Momente leuchten nur die roten Treppenmarkierungen und die grünen Notausgangsbeleuchtungen. Dann knipsen Musiker und Dirigent ihre Pultlichter an, und die Anfangsklänge der Ouvertüre erfüllen den Raum, scharfkantig und schwer wie ein Grabstein aus schwarzem Granit. Und solche Klänge entstehen nicht durch Charisma, sondern durch eine Klangvorstellung und das Wissen, wie daraus reale Musik wird.

Dabei hat Currentzis nicht nur den Moment im Griff, sondern die Entwicklung im Blick. So scharf er diese Ouvertüre durchleuchtet: Mit ihre beginnt diese Nacht voller Sex und Gewalt, Hemmungslosigkeit und Komik erst. Diese Nacht der falschen Hoffnung, leisen Verführung, Täuschung und Trauer.

Ruchloser Verführer

Selten bebt die Champagner-Arie des Don Giovanni mehr von Getriebenheit und Bosheit - woran auch ein großartiger Dimitris Tiliakos als Don Giovanni seinen Anteil hat. Donna Anna wird nicht nur zur zornflammenden Furie und zur tragischen Heroine, weil Myrtò Papatanasius dramatische Wucht und Lyrik so perfekt mischt, sondern eben auch, weil Currentzis mit Mozarts Musik bis in die geheimen Winkel der Seele leuchtet. Aber der Abend läuft eben auf Don Giovannis Höllenfahrt zu: Wie Teodor Currentzis und Musicaeterna hier brodelnde Hitze und schneidende Eiseskälte gleichzeitig erzeugen, ist schlichtweg genial. Wo, so fragt man sich, bleibt hier Raum für einen Regisseur, so dicht, aufwühlend, emotional musiziert dieses umwerfende Orchester.

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Auf der anderen Seite erzeugen Currentzis und Musicaeterna Momente wundervoller Ruhe: Im seidigen Glanz der einstimmigen Violinen hält die Zeit inne, öffnen sich Welt voller Zartheit. Die Klarinetten, Flöten, Oboen, Fagotte, die präzisen Hörner, ja selbst die knochentrockene Pauke: Sie alle spielen auf ihren Originalklang-Instrumenten jene Farben, die Mozart vorgeschwebt haben mögen, und Currentzis mischt sie für den Hörer des 21. Jahrhunderts neu ab. Dabei setzen Gitarre und Langhalslaute ungwohnte Farbtupfer, während ein einfühlsamer ungenannter Musiker am Hammerklavier diskret, aber bestimmt ins Orchestergeschehen eingreift und mit Improvisationsgabe und dramatischem Gespür die Handlung in den Dialog-Passagen nach vorn treibt.

„Viva la libertá“

Schließlich hat Currentzis ein tadelloses Ensemble zusammengestellt: Karina Gauvin ist eine hochdramatische Donna Elvira, Kenneth Tarver ein feiner Don Ottavio. Christina Gansch und Guido Loconsolo überzeugen als Zerlina und Masetto, Mika Kares ist ein imposanter Komtur. Und Vito Priante legt auch am dritten Mozart-Da-Ponte-Abend eine glänzende Leistung aufs Parkett: diesmal als stimmlich und darstellerisch großartiger Leporello. Und auch der Chor hat einen großen, einen wichtigen Auftritt: Von oben stürmt er die Treppen des Zuschauerraums hinab auf die Bühne, Eleni Lydia Stamellou - im Figaro sang sie die Barbarina – wickelt sich aus einem Transparent, auf dem „Viva la libertá“ in großen Lettern steht: Am Vorabend der Französischen Revolution formuliert Mozart ein Plädoyer für die Ideale der Aufklärung. In Dortmund treten dafür ein russisches Orchester und ein griechischer Dirigent ein: In diesen Tagen ist das ein Zeichen von unschätzbarem Wert.


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