Tod im Ersten Weltkrieg LWL Museum Münster zeigt Maler Wilhelm Morgner


Münster. Er war eine Supernova der Avantgarde: Wilhelm Morgner. Jetzt arbeitet das LWL Museum Münster das Werk des Mannes auf, der jung im Ersten Weltkrieg fiel.

Am Himmel kreiselt die knallgelbe Sonne, aus dem Schornstein dringt der Qualm wie ein lustiger Wattebausch in Orange, Erdschollen fächern sich wie Gemüsescheiben auf: Das wirkt wie ein Mix aus Pop Art und Graffiti, wie ein Bild, dass auch Keith Haring (1958-1990) hätte ausgelassen stricheln können. Aber das Gemälde stammt nicht vom New Yorker Starkünstler, sondern von Wilhelm Morgner aus dem westfälischen Soest. Sein Bild entstand schon 1911 und heißt trocken: „Ziegelbäcker“. Haben sich da Kunstexperten versehen? (Hier weiterlesen: Westfälischer Expressionismus - eine Stilrichtung?).

Nein, das Ölbild stammt von einem jungen Mann, der von sich sagte: „Ich versuche alles mögliche“. Alles Mögliche - das verdichtet sich in der unglaublich kurzen Zeit von 1908 bis 1913 zum irrwitzig rasanten Trip durch die Stile und Schulen der Avantgarde. Einmal van Gogh bis Kandinsky und wieder zurück, zwischendurch noch beim Blauen Reiter, der legendären Sonderbund-Ausstellung und der „Sturm“-Galerie vorbeigeschaut, Worpswede besucht sowie „Brücke“ und Sezession kontaktiert: Wilhelm Morgner (1891-1917) rast durch die Rushhour der Avantgarde, häuft unglaubliche 230 Gemälde und sagenhafte 2000 Zeichnungen und Grafiken zu einem fulminanten Gesamtwerk. 1917 ist dieser stürmische Lauf plötzlich vorbei, da stirbt Morgner mit gerade einmal 26 Jahren im Gemetzel von Langemarck im Ersten Weltkrieg. (Hier weiterlesen: Charmantes Gesicht der Avantgarde - August Macke) .

Jetzt verlangsamen die Kuratorinnen Tanja Pirsig-Marshall und Andrea Witte Morgners rasanten Ritt zu einem Ausstellungsparcour, der das dichte Werk mit Seitenblicken auf Morgners Zeitgenossen von Vincent van Gogh bis Edvard Munch und Oskar Komoschka oder Konfrontationen mit August Macke, Franz Marc und Wassily Kandinsky, den Cracks des Blauen Reiters, instruktiv auffächert. Wilhelm Morgner, lange Zeit als Regionalbegabung im kunstgeschichtlichen Archiv abgelegt, gewinnt so nicht einfach nur frische Kontur. Die Präsentation mit dem biederen Titel „Wilhelm Morgner im Licht der Moderne“ zeigt auch eindringlich, dass Morgner nicht von anderen Künstlern erleuchtet werden musste. Er war selbst eine Sonne. (Hier weiterlesen: Kunststar Jackson Pollock - ein Superstar der Medien) .

Der ungestüme Newcomer aus der Provinz erobert nicht einfach das Feld der Kunst für sich, er gräbt es um. Morgner reflektiert sich in bissigen Selbstporträts als Herr mit Zylinder und als grinsender Paria, er feiert das einfache Leben der Kartoffelbäuerinnen und Landarbeiter, schwingt sich zu emphatischen Abstraktionen auf, klagt mit Kreuzabnahmen Christi, feiert am Ende seiner Kurzkarriere gar noch Himmelfahrten. Morgner lässt Maltupfer in grellen Farbkontrasten strömen und kreisen, er macht aus jedem Bild ein Medium der Ekstase. Sicher, der Maler nimmt Schwung und Pathos einer expressiven Epoche auf. Aber erklärt das sein Werk? (Hier weiterlesen: Vincent van Gogh - der Mythos vom einsamen Genie).

Wie jedes Œuvre von Rang kann auch Morgners Gesamtwerk nicht als Patchwork aus Einflüssen erklärt werden. Dazu haben Morgners Bilder nicht nur einfach zuviel Energie, sie sprengen auch jeden Rahmen, den ihnen ein Denken in Stilen setzen könnte. Morgners Malerei macht aus Expression und Pathos schon die knallbunten Bildformeln, wie sie Jahrzehnte später Farbfeldmalerei, Pop und Graffiti entwerfen werden. Damit avanciert der hoffnungsvolle Newcomer von einst, dem Franz Marc eine „fabelhafte Geschicklichkeit“ attestierte, fast zum Zeitgenossen. Münster bereitet ihm zum 125. Geburtstag ein großes Comeback, schließt zum 100. Todestag 2017 das Werkverzeichnis seiner Gemälde ab. Aber die Schau mit 172 Werken stellt schon jetzt eine Aufgabe, die über all diese verdienstvollen Aktivitäten hinaus weist: Morgner als Vorbereiter der Gegenwartskunst neu zu bewerten. Ein Gefühl für deren Sinnbedürfnisse und Lebenskrisen hat er allemal schon besessen. (Hier weiterlesen: Beispiel Amy Winehouse - das früh vollendete Genie).

Münster, LWL Museum Kunst und Kultur: Wilhelm Morgner im Licht der Moderne. 13. November 2015 bis 6. März 2016. Di.-So., 10-18 Uhr. www.lwl.org/LWL/Kultur/museumkunstkultur/


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