Premiere im Theater Osnabrück Alexander Charim inszenierte „Don Carlos“

Vater-Sohn-Konflikt: Orlando Klaus als Don Carlos und Thomas Kienast als König Philipp der Zweite.Foto: Marek KruszewskiVater-Sohn-Konflikt: Orlando Klaus als Don Carlos und Thomas Kienast als König Philipp der Zweite.Foto: Marek Kruszewski

Osnabrück. Nicht ganz so überwältigend gut wie die Romanadaption von Thomas Manns „Doktor Faustus“ gelang Regisseur Alexander Charim nun Schillers „Don Carlos“ im Osnabrücker Theater. Vor allem mangelte es an Textverständlichkeit bei der Premiere.

Dieser Marquis von Posa hat so gar nichts vom adeligen oder edlen Malteserritter früherer „ Don-Carlos “-Lesarten. Er schlappt herbei wie frisch vom Vertreter-Diensttermin in Brüssel – ein unscheinbares, fast spießiges Männchen mit schwarzer Billig-Lederjacke, Hosenträgern und konturloser Haartracht an Kopf und Kinn.

Denn er verkörpert die Bürgerbewegung, die das diktatorische Herrschaftssystem am spanischen Hof König Philipps des Zweiten ins Wanken bringen wird. Weil allgegenwärtige Angst ein Spitzel-, Tuschel- und Intrigensystem geschaffen hat, das schließlich König Philipp trifft, dort, wo er emotional verwundbar ist: in seiner Familie.

Angst macht schwach

Grandios sind in Schillers Geschichtsdrama die Reflexionen darüber, wie und wann man eine Diktatur stürzen kann. Regisseur Alexander Charim hat sie mit seiner Osnabrücker Lesart im Theater am Domhof wunderbar plausibel gemacht. In dem Moment, als Philipp ein unabhängiges menschliches Gegenüber braucht und kein korrumpiertes Geschöpf seines Herrschaftsapparates, ist es vorbei mit seiner Allmacht.

Einfach herrlich gespielt, wie Stefan Haschke als Marquis von Posa dem König mit beiläufiger Lustigkeit vorschlägt: „Geben Sie doch Gedankenfreiheit“. Wie er immer wieder entschuldigend abwinkt, wenn er sich heiß geredet hat in seiner Liebe zum Menschheitsglück ohne Despotismus. Und wie Thomas Kienast als Philipp sich seiner Überzeugungskraft gerade noch entziehen kann mit dem säuerlichen „Sie sind ein sonderbarer Schwärmer“. Das und viele andere mehr sind starke Szenen von starken Darstellern in einem gut aufeinander eingespielten Ensemble.

Orlando Klaus imponiert als jugendlicher Don Carlos auch mit seiner reichen nonverbalen Körpersprache. Er agiert blauäugig als Marionette der eigenen Leidenschaften – und derer,am Hof, die den größeren Überblick behalten als er. Denn wo die Wahrheit leicht mal den Kopf kostet, wird verheimlicht, verdächtigt und intrigiert. Und routiniert manipuliert: Don Carlos, Prinzessin Eboli (Christine Diensberg), sogar der Beichtvater des Königs (Dennis Pörtner) und der Großinquisitor (Stephanie Schadeweg) werfen sich erotisch Anderen in Arme, um ihre Ziele zu erreichen.

Auch der Marquis von Posa bedient sich dieses Systems, um Carlos‘ Thronanwartschaft zu retten und mit ihr Posas Traum eines vom bisherigen Herrschaftsjoch befreiten Reich.

Alexander Charim und sein Team arbeiten mit gut verständlicher Symbolik, um die Schwäche von jedem Staatswesen zu veranschaulichen, dass von der Angst regiert wird. Prangt anfangs noch der schöne Schein eines spanischen Reiches in voller Blüte in Form von Wasserfall-Fototapeten um die halbrunde, offene Spielfläche herum, verengen sich die Spielräume nach und nach bis zu hässlich-grauen Gefängnis-Boxen im anspielungsreichen Bühnenbild von Ivan Bazak. Es sirrt und zirpt nervenzermürbend, wenn die Nerven besonders blank liegen am Hof (Musik: Eberhard Schneider).

Schlecht oder ohne vorherige Textlektüre gar nicht verständlich blieben bei der Premiere ausgerechnet viele von Schillers so wichtigen Aussagen in einem Stück, das ganz von seinen ausgefeilten Dialogen lebt. Das mag vor allem darin liegen, dass fast alle Schauspieler (außer Stephanie Schadewald) hörbar Schwierigkeiten hatten, die Schiller’schen Verse deutlich zu artikulieren. Dazu sprachen sie oft zu schnell und zu leise, sodass besonders Passagen erregter Emotionen sprachlich baden gingen.

Druck der Textlast?

Überhaupt wirkte das Ensemble passagenweise in der fast dreienhalbstündigen Aufführung unfrei, wie im Bann der Textlast. Selbst versierte Spieler wie Thomas Kienast vermochten dem Schiller’schen Pathos nicht überall individuelle Tönung und Aura zu verleihen. Viele Premierenbesucher verließen die Aufführung schon in der Pause, vielleicht auch wegen des ungünstigen Sonntagstermins. Vielleicht lässt sich an der Textverständlichkeit noch nacharbeiten? Verdient hätte es eine sonst hochkarätige Produktion.


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