Zwischen Brauchtum und Kommerz Warum Halloween in Deutschland boomt

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Halloween wurde zuerst von den Iren und Schotten gefeiert. Foto: dpaHalloween wurde zuerst von den Iren und Schotten gefeiert. Foto: dpa

Osnabrück. Restaurants, die mit dem „schrecklichsten Menü des Jahres“ werben, Geschäfte, die ihren Kunden Gespensterkekse und Hexenkäse verkaufen und Erwachsene, die kostümiert Gruselpartys besuchen: Halloween hat sich auch in Deutschland als Fest etabliert.

Dabei war der Brauch noch Anfang der 90er-Jahre den meisten Deutschen höchstens aus amerikanischen Filmen und Serien bekannt. Am 31. Oktober feierte man nur den Reformationstag, mit dem an die Thesenveröffentlichung Martin Luthers erinnert wird.

Dass Halloween in Deutschland innerhalb kurzer Zeit zu einem populären Fest bei Jugendlichen und Erwachsenen avancierte, ist vor allem den Medien und der Wirtschaft zu verdanken. Sie brachten das Fest, das seinen Ursprung auf den britischen Inseln hat, aus Amerika zurück nach Mittel- und Westeuropa. „Die Kommerzialisierung hat bei der Ausbreitung von Halloween eine wichtige Rolle gespielt“, sagt Gabriele Dafft vom Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte in Bonn. So hätten amerikanische und deutsche Unternehmen aus der Bekleidungs- und Schminkindustrie Halloweenartikel in die Läden gebracht und beworben. Ein Beispiel dafür sei die US-Firma Rubies, berichtet Dafft. Der Hersteller von Halloweenprodukten kaufte in den 90er-Jahren den Kölner Karnevalsschminke-Hersteller „Jofrika“ auf und etablierte so die eigene Produktpalette in Deutschland. Drogerien, Kaufhäuser und Einzelhändler nahmen den Halloween-Trend auf und boten vermehrt für das Fest hergestellte Produkte an. „Der November ist natürlich auch eine Saure-Gurken-Zeit, sodass viele auf das Thema angesprungen sind“, sagt Dafft.

Erste Halloween-Feiern in den 70ern

Das Fundament für die in den 90er-Jahren aus dem Boden schießenden Halloween-Partys sei aber schon viel früher gelegt worden, erklärt die Wissenschaftlerin. Die ersten Feiern in Deutschland habe es bereits in den 70er-Jahren gegeben, etwa in Irish Pubs, wo sie zunächst auf ein angloamerikanisches Publikum abgezielt hätten. Dazu gehörten unter anderen in Deutschland stationierte Soldaten. Auch die Medien machten die Mitteleuropäer mit dem Brauch vertraut, indem die Fernsehsender Gruselfilme oder US-amerikanische Soaps zeigten, die Halloween thematisierten. „Ein Beispiel dafür ist die Serie Simpsons“, sagt Dafft. Dass die Deutschen das künstlich durch die Wirtschaft erzeugte Fest dann tatsächlich auch anfingen zu feiern, hat laut Dafft mehrere Gründe. Eine Amerikaaffinität zähle ebenso dazu wie die zunehmende Globalisierung und Individualisierung. „Halloween ist ein unverbindlicher Brauch ohne feste Abläufe und Traditionen. Das Fest bietet den Freiraum, sich das rauszusuchen, was gerade gewünscht ist“, erklärt Dafft. So hätten etwa Frauen Spaß daran, ihre Wohnräume passend zu Halloween zu dekorieren, andere Menschen, die gerne essen gingen, würden die Angebote der Eventgastronomie nutzen. „Halloween ist ein generationenübergreifendes und nicht schichtspezifisches Fest“, sagt Dafft.

Halloween hat keinen keltischen Ursprung

Obwohl Halloween aus den USA nach Deutschland importiert wurde, hat das Fest seine Wurzeln in Europa. Allerdings nicht, wie häufig überliefert und verbreitet, bei den Kelten. „Wir können Halloween erst im 18. Jahrhundert in Irland und Schottland als sicheren Brauchtermin nachweisen“, sagt Dafft. Archäologische Belege für eine Verbindung zwischen dem keltischen Neujahrs- und Erntefest Samhain und Halloween gebe es nicht. Vielmehr überlagerten sich bei Halloween verschiedene Bräuche und Traditionen.

So hat die Bezeichnung Halloween einen konkreten Bezug zum Allerheiligenfest, das am 1. November als Gedenktag der Märtyrer und Heiligen gefeiert wird. Halloween leitet sich von All Hallows Eve(ning) ab, bezeichnet also den Vorabend von Allerheiligen. Der heute in Nordamerika verbreitete Brauch „Trick or treat“ , bei dem Kinder von Haus zu Haus ziehen und um Süßes bitten, hat seine Wurzeln in den Bettelgängen der ärmeren Bevölkerung an Allerheiligen und Allerseelen. „An diesen Tagen wird der Toten gedacht, und man konnte zugunsten der Verstorbenen gute Taten tun, um deren Zeit im Fegefeuer zu verkürzen“, sagt Dafft. So wurde etwa Essen vor die Tür gestellt und den Armen Almosen gegeben. „Die ärmeren Bevölkerungsschichten waren auf diese Mildtätigkeit angewiesen, da es noch keine Sozialsysteme gab.“

Mit der Auswanderung der Iren nach Amerika in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als in Irland große Hungersnöte herrschten, erreichten auch das Fest Halloween und die dazugehörigen Bräuche die Ostküste Amerikas. „Die Migranten haben in der Fremde auf Vertrautes zurückgegriffen und Halloween gefeiert“, sagt Dafft. Dazu gehörten gutes Essen und auch die sogenannten Heischegänge, die sich von einem existenzsichernden Brauch Erwachsener zu einem spielerischen Element von Kindern entwickelten. War Halloween ursprünglich von irischen Immigranten gefeiert worden, wurde es in den USA der 1950er Jahre durch das „Trick or treat“ vor allem zu einem Schülerbrauch. In den folgenden Jahrzehnten wandelte sich Halloween dann zu einem Fest der erwachsenen Mittelschicht und fand Verbreitung im gesamten nordamerikanischen Raum, bevor es seinen Siegeszug auch in Deutschland antrat.


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