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Eine Kolumne zum Abschied Comedian Oliver Polak verarbeitet Tod des Vaters


Osnabrück. Emsländer. Comedian. Autor. Jude. All das ist Oliver Polak. Der 39-Jährige ist auch Kolumnist der „Welt am Sonntag“. In seinem jüngsten Text setzt er sich mit dem Tod seines Vaters Wilhelm auseinander, der als Holocaust-Überlebender nach Papenburg zurückgekehrt war. Welche Rolle die Ems-Zeitung dabei spielt, lässt sich in der Kolumne nachlesen.

„Ich darf das – ich bin Jude“ ist der Titel des ersten Buches, das Oliver Polak 2008 veröffentlicht hat; sechs Jahre später verarbeitete er seine schweren Depressionen in „Der jüdische Patient“. Die Titel verraten es: Sein Thema sind seine jüdische Herkunft und die Geschichte seiner Familie, die von den Nazis verfolgt wurde; Großvater und Großmutter starben im Vernichtungslager.

Die eigene Geschichte verarbeitet Oliver Polak auch als Stand-Up-Comedian. „Super Sad“ heißt das Programm, mit dem er in diesem Jahr tourt, und das ist auch der Titel seiner Kolumne in der „Welt am Sonntag“. Traurig, weil Trauerarbeit, ist der Text, der dort am 25. Oktober erschien: Es geht um den Tod von Vater Wilhelm , der nach dem Krieg in seine Heimatstadt Papenburg zurückgekehrt war und dort am 26. September starb. Nach der Beerdigung reist Sohn Polak nach New York zu Tante Ilse Polak. Im Gepäck: eine Ausgabe der Ems-Zeitung mit der ganzseitigen Todesanzeige – die im Emsland für Gesprächsstoff gesorgt hatte. Alles richtig gemacht, befand jedoch die ausgewanderte Tante . Schließlich war schon die Geburt Wilhelms in der Zeitung annonciert worden, wenngleich kleiner, als die 88-Jährige erinnert. Lesen Sie hier die Kolumne, die wir mit freundlicher Genehmigung der „Welt am Sonntag“ nachdrucken.

Oliver Polaks Kolumne aus der „Welt am Sonntag“: Home is where the Soup is

Billie Holiday „Autumn in New York“-mode, ich sitze auf der Rücksitzbank des Yellow Cab. Downtown Manhattan. „Where you from?“, fragt mich der Taxifahrer in gebrochenem English. „Germany“, antworte ich leise. Er lacht mit dieser Eddie-Murphy-Lache und entgegnet „You Germans are mad taking all the refugees“. Ich frage ihn, woher er denn kommt. „Afrika“. Ich weiß nicht, was ich entgegnen soll und mache dieses Gesicht, das Alf immer macht, wenn er die Ohren anlegt, wenn er verlegen ist.

Seit ungefähr zwanzig Tagen ist alles anders als es je vorher war. Mein Herz tut weh. Ich glaub, ich bin jetzt erwachsen. Ich starre apathisch auf die Neonlichter, an denen wir vorbeirauschen. Um halb acht bin ich mit meiner 88-jährigen Tante vor „Katz’s Delicatessen“ verabredet. Es wird das erste Mal sein, dass wir uns seit dem Tod ihres Bruders, meines Vaters, wiedersehen.

Das Taxi hält. Gut sieht sie aus. Forever Young. Ihre lilablaue Mütze. Eher ein Hut. Ihre blaue Fleecejacke. Dunkelblaue Hose, bläuliche Tasche und der helllilafarbene Regenschirm. Wir umarmen uns kurz, halten uns. Dann gehen wir rein. Bekommen diese Karte zum Abstempeln und setzen uns an einen Tisch an der Wand. Wir bestellen zweimal die Matzo Ball Soup und jeder noch ein halbes Salami-Sandwich. „Send a Salami to Your Boy in the Army“ ist der Katz-Slogan. „Es lohnt sich die weiteste Reise zum Haus der kleinen Preise“, das war der Slogan vom Bekleidungsgeschäft meines Vaters.

Ich hole den grünen Tee aus meinem Rucksack und die Ems-Zeitung mit der Todesanzeige und gebe beides meiner Tante. Sie steckt die Zeitung und ihren Lieblingstee in ihre blaue Tasche. Während wir die Matzo Ball Soup essen und uns auf deutsch unterhalten, kommt die Kellnerin und fragt uns auf jiddisch, ob es uns schmeckt. Superstrange, am anderen Ende der Welt auf jiddisch angesprochen werden und sich home fühlen.

Meine Tante fragt mich nach der Beerdigung. An diesem Tag waren wir auch auswärts essen, es gab Suppe und Lachsbrote, damit man noch einen Moment zusammen trauern kann. Eine Bekannte, nachdem sie sich drei Brote hatte einpacken lassen, verabschiedete sich von mir und beschwerte sich, dass die Todesanzeige zu groß gewesen sei: „Eine ganze Seite, das hat einen erdrückt. Eine halbe hätte es auch getan. Und das Essen war heute sehr dürftig.“ Da willst du doch gleich ein zweites Loch ausheben. Die einzige Aufgabe auf einer Beerdigung ist es, hinzugehen, die Schnauze zu halten und wieder zu gehen. Was für eine sicke Welt, in der alles bewertet wird. Sie will bewerten. Soll sie zu Amazon gehen. Die Suppe in dem Restaurant aßen wir, weil mein Vater eine Woche vorher genau in dem Laden diese Suppe gegessen hatte. Mein Vater hat von dieser Bekannten nur zwei Sterne für seine Beerdigung bekommen. Aber immerhin einen mehr als vor 75 Jahren.

Meine Tante schüttelt den Kopf und fragt mich, ob die Bekannte das alles wirklich so gesagt hat. Ich nicke. Es ist kurz still. Dann sagt meine Tante zu mir: „Oliver, weißt du was, als dein Vater geboren wurde, hat dein Opa, weil er so glücklich war, eine ganze Seite in der Ems-Zeitung geschaltet, mit dem Text – Hurra, Hurra, der Wilhelm, der ist da“. Meine Tante legt ihren Suppenlöffel auf die Unterlage, erhebt ihren Zeigefinger und sagt: „Das mit der ganzen Seite, mit der Todesanzeige, das hast du sehr richtig gemacht. Es sollte genau so sein.“ (Der Text erschien am 25. Oktober 2015 erstmals in der „Welt am Sonntag“. Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der WeltN24 GmbH.)


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