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Premiere von „Simon Boccanegra“ Theater Osnabrück: Mit Verdi in die Opernsaison

Musikalisch bezauberndes Vater-Tochter-Paar: Simon Boccanegra (Rhys Jenkins) und Maria (Lina Liu). Foto: Jörg LandsbergMusikalisch bezauberndes Vater-Tochter-Paar: Simon Boccanegra (Rhys Jenkins) und Maria (Lina Liu). Foto: Jörg Landsberg

Die Premiere von „Simon Boccanegra“ am Theater Osnabrück ist mit Begeisterung aufgenommen worden. Groß war dabei vor allem das Osnabrücker Symphonieorchester unter der Leitung von Andreas Hotz.

Kahle, graue Wände, Stühle, ein Thron: Jochen Biganzoli weiß sich aufs Nötigste zu beschränken. Die düstere Leere von Tilo Steffens’ Bühne wird am Theater Osnabrück gleichsam zum Sinnbild für Giuseppe Verdis düstere Oper „Simon Boccanegra“: Machtgeile Strippenzieher drängen den Mann an die Macht; als Doge von Genua setzt er sich für Einheit und Frieden ein und bezahlt das mit dem Leben. Wenigstens findet das Liebespaar zusammen; das ist bei Verdi eher die Ausnahme. Aber Boccanegras Tochter Maria und der vormalige Erzfeind Gabriele Adorno dürfen Hochzeit feiern, und dass das Glück von kurzer Dauer ist, geht diesmal aufs Konto der Regie.

Blasser Politthriller

Drei Dogen fallen in Biganzolis Deutung politischen Morden zum Opfer: Boccanegras Vorgänger, Boccanegra selbst und sein Schwiegersohn Adorno, den der Titelheld zum Nachfolger bestimmt. So schließt sich der Kreis der Inszenierung; das Ende greift den Anfang fast wörtlich auf. Das verleiht dem Opernplot inhaltliche Geschlossenheit, und überhaupt findet der Regisseur zu einer stringenden Erzählweise. Aber Verdis Politthriller bleibt blass, was schade ist, weil Biganzoli sich in Osnabrück mit dem „ Simplicius “ von Karl Amadeus Hartmann und Paul Hindemiths „Drei Einaktern“ in Osnabrück als spannender Opernregisseur einen Namen gemacht hat. Diesmal aber sieht es aus, als hätte er in dem Bestreben, konkrete Zeitbezüge zu vermeiden, den Punkt verloren, auf dem der Spannungsbogen fußt.

Raum für Verdis Musik

Daran ändern auch einzelne Akzente nichts: die Bachmann-Gedichte nicht, die vor jedem Akt eingespielt werden, die Idee Volkes Jubel mit Schmerzensgesten zu brechen, auch nicht. Den Titelhelden schließlich führt Biganzoli nicht als verwegenen Korsaren ein, sondern als Narren mit weiten Clownshosen und Bowler-Hut (Kostüme: Veronika Lindner). Denn ein Narr muss offenbar sein, wer diesen Job antreten will: Wer diese Krone annimmt, besiegelt seinen frühen Tod.

Daraus könnte sich ja was entwickeln lassen.

Wenigstens schafft Biganzolis zurückhaltende Regie Raum für Verdis Musik. Die hat Generalmusikdirektor Andreas Hotz vorzüglich mit dem Osnabrücker Symphonieorchester einstudiert, sodass die wahre Dramatik an diesem Abend aus dem Graben kommt. Zur idyllischen Einleitungsmusik kippt der erste Doge vergiftet vom Stuhl und zu den verdämmernden Schlussklängen der dritte. Dazwischen schmachtet Liebe, und es toben innere und äußeren Kämpfe, Schrecken und Verzweiflung. Dabei treffen Orchester und Dirigent den Verdiklang in seiner filigranen Zartheit und noch mehr in seiner geradezu nihilistischen Wucht sehr präzise.

Gutes Ensemble

Zudem führt Hotz sein Sängerteam zu einer guten Ensembleleistung – mit Einschränkungen. Rhys Jenkins gibt in der Titelrolle ein hörenswertes Debüt am Theater Osnabrück. Der walisische Bariton singt zwar mitunter über Nuancen und feine Übergänge hinweg, verfügt aber über Farben und stimmliche Fülle, um die disparaten Facetten der Boccanegra-Figur auszudeuten. Lina Liu singt die Tochter des Dogen mit einfühlsamer Lyrik, Michael Wade Lee stellt Boccanegras Widersacher Adorno mit der gleichen kraftvollen Stimme dar, mit der er den Don José in „ Carmen “ zum Klingen bringt, bleibt aber italienischem Opernschmelz schuldig. Jan Friedrich Eggers und Gendadijus Bergorulko überzeugen als Intrigantenpaar Paolo und Pietro, José Gallisa ist ein Fiesco mit wunderbar sonorer, schwarzer Stimme. Und der Chor klingt dank Markus Lafleurs umsichtiger Einstudierung imposant – erschreckend imposant, wenn man sich vergegenwärtigt, wie leicht sich die Genueser im Dienst der Macht umpolen lassen. Diese Affirmation ist das Erschreckendste an dieser Inszenierung – aber einen ganzen Abend trägt das nicht.


Die nächsten Aufführungen: 18., 20., 23. Oktober. Kartentelefon: 0541/7600076. www.theater-osnabrueck.de

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