„Exclusivley for my Friends“ Oscar Peterson: Konzerte im Wohnzimmer

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Entspannt: Oscar Peterson hat es genossen, bei Hans Georg Brunner-Schwer im Wohnzimmer zu spielen. Dieses Foto entstand allerdings in einem Wiener Fernsehstudio. Foto: imago/ADBP-MEDIAEntspannt: Oscar Peterson hat es genossen, bei Hans Georg Brunner-Schwer im Wohnzimmer zu spielen. Dieses Foto entstand allerdings in einem Wiener Fernsehstudio. Foto: imago/ADBP-MEDIA

In den sechziger Jahren war Oscar Peterson regelmäßig im Schwarzwald zu Gast - nicht auf der großen Bühne, sondern im Wohnzimmer von Hans Georg Brunner-Schwer. Eine wunderbare Box mit acht CDs dokumentiert, wie wohl sich der Pianist dort gefühlt hat.

Der Applaus klingt ein bisschen dünn, ein interessanter Kontrast zu der musikalischen Welt, die Oscar Peterson da eben erschlossen hat. In Akkorden, dicht und weich wie ein nobler Brandy, hat er „Li’l Darlin‘ umschmeichelt, die sanfte Dame aus dem Repertoire des Count Basie Orchestra. Peterson hat die perfekt harmonische Mischung aus Saxofon und gedämpften Trompeten und Posaunen fürs Klavier übersetzt, eigene Akzente eingefügt und in persönliche pianistische Farben getaucht. Ein spitzer Klang am Anfang, ein paar rollend herausgehobene Töne, und schließlich jenes Tremolo, das den Flügel in seiner ganzen Breite in erregtes Zittern versetzt und den Zuhörer mit jeder Faser: Und da klatschen nur eine Handvoll Zuhörer? In der Tat.

Große Musik aus dem Wohnzimmer

Zugetragen hat sich dieses musikalische Großereignis im Wohnzimmer von Hans Georg Brunner-Schwer. Dieser Mann war nicht nur mit hervorragend musikalischen Ohren und exquisiter Aufnahmetechnik ausgestattet, sondern auch mit Geld. So konnte er Oscar Peterson nach einem Konzert in der Tonhalle Zürich nach Villingen verpflichten. Der Rahmen dort war klein, die Gage groß, und so kam Peterson mit dem Bassisten Ray Brown und Schlagzeuger Ed Thigpen. Es war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft, die sich in der wunderbaren Schallplatten- und CD-Edition „Oscar Peterson - exclusively for my friends“ niedergeschlagen hat.

Jetzt ist diese Box neu herausgekommen, erweitert um Aufnahmen von den „Lost Tapes“, Tonbandaufnahmen, die tatsächlich verloren gegangen waren oder in den Archivschränken der Veröffentlichung harrten. Auf den „Lost Tapes 2“ findet sich nun „Li‘l Darlin‘“, gefolgt von einer famosen Aufnahme des Klassikers „Satin Doll“ von Billy Strayhorn und Duke Ellington, wiederum mit Ray Brown und Ed Thigpen. Denn offenkundig hat sich Peterson in der Villa am Rande des Schwarzwalds wohlgefühlt. Losgelöst von den Auflagen irgendwelcher Plattenproduzenten durfte er nämlich spielen, wie er es für richtig hielt. Behutsam baut er seine Soli auf, stringent und mit geradezu orchestraler Wucht. Gleichzeitig führt die Aufnahmetechnik dicht an den kanadischen Jazzpianisten heran, an die unglaubliche dynamische Bandbreite seines Spiels, an die Sensibilität und die Energie dieses Musikers.

Freie Hand für die Künstler

Die unaufgeregte Atmosphäre in Brunner-Schwers Wohnzimmer schätzten auch andere Musiker: Friedrich Gulda nahm dort auf, vor allem aber Jazzgrößen aller Art: Erwin Lehn und Volker Kriegel, Albert Mangelsdorff und Lee Konitz . Veröffentlicht hat Brunner-Schwer die Aufnahmen beim eigenen Label MPS, „Musik Produktion Schwarzwald“, und oberste Maxime des Labelchefs war es schlicht, der Kunst Freiräume zu schaffen. So erzählt der Sohn Andreas Brunner-Schwer von Rolf Kühn, der jammerte, sein Album „Symphonic Swampfire“ würde 80000 Mark kosten. „Aber keinen Pfennig mehr“, habe Hans Georg Brunner-Schwer lakonisch gekontert, ließ dem Künstler freie Hand und sorgte lediglich für höchste Qualität bei Aufnahme, Pressung und Cover.

Oscar Peterson muss die Atmosphäre offenbar ebenfalls als außerordentlich inspirierend empfunden haben: Er kam einmal jährlich nach Villingen. Entstanden sind dabei Aufnahmen, die den Pianisten von seiner virtuosesten, vor allem aber von seiner kreativsten Seite zeigen. So wird jede der acht CDs zur Entdeckung: „The Way I Really Play“ präsentiert mit „Waltzing Is Hip“ das Trio mit Sam Jones am Bass und Bob Durham an den Drums von seiner energiereichsten Seite, „Satin Doll“ wird zu einer weichen Akkordstudie, die gleichzeitig ausreizt, wie weit sich die Melodie über dem Swingfundament zerdehnen lässt. Bei „Body and Soul“ erzählt er zunächst über fünf Minuten im pianistischen Monolog und schlägt später die Brücke zu Debusssys „Claire de lune“. Und natürlich prägt die Kraft des Bop und des Blues,die Energie Oscar Petersons jede der acht CDs –auf einer übrigens ausschließlich allein. So dokumentiert diese Box einen großen Künstler auf der Höhe seiner Ausdruckskraft – und ein spannendes Kapitel des Jazz made in Germany.


Oscar Peterson - exclusively for my friends & Lost Tapes 1 + 2. 8 CD Box, erschienen bei MPS. Vertrieb: Edel:Kultur

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