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21.09.2015, 12:21 Uhr KOLUMNE

Mitnehm-Kunst: Persiflage auf den Markt misslingt

Von Dr. Stefan Lüddemann

Kunst zum Mitnehmen: Kleiderberge von Christian Boltanski liegen bei der Ausstellung „Take me (I?m yours)“ im Museum Monnaie de Paris. Foto: dpaKunst zum Mitnehmen: Kleiderberge von Christian Boltanski liegen bei der Ausstellung „Take me (I?m yours)“ im Museum Monnaie de Paris. Foto: dpa

Paris. Kunst zum Mitnehmen? Eine Ausstellung in Paris versucht die Persiflage auf den Kunstmarkt. Es bleibt aber beim Merchandising für die Stars. Was für ein Ärgernis!

Packen Sie mir den Baselitz ein! Den Gerhard Richter nehme ich auch gleich mit! Wer wollte nicht schon immer einmal so freche Fragen in einem Kunstmuseum stellen? In Paris ist das bis zum 8. November 2015 sogar erwünscht. „Take me (I’m yours)“: Unter diesem einladenden Titel gibt es Kunst von Stars zum Mitnehmen. Die Mitnehm-Schau soll sich über Kunst und ihren Markt mokieren. Die Ausstellung mit 40 Künstlern, darunter Douglas Gordon, Pavel Althammer, James Lee Byars, richtigen Stars also, findet im Musée Monnaie de Paris statt. Marktkritik in der Münzanstalt - eine pikante Konstellation. (Hier weiterlesen: Der Kunstkompass - Sinn und Unsinn der Rankings) .

Dabei funktioniert die Persiflage auf den ersten Blick ganz gut. Der Besucher wird mit der Einkaufstasche auf den Ausstellungsrundgang geschickt. Die Kunstschnäppchen winken rechts und links des Weges. Es gibt Anstecker von Gilbert & George oder Hostien des Thailänders Rirkrit Tiravanija. Die blauen Minzbonbons des Spaniers Felix Gonzalez-Torres oder die Eiffelturm-Ansichtskarten des deutschen Starkünstlers Hans-Peter Feldmann kommen kostenlos in die braune Shopping-Tüte. Die Luftkapseln der Künstlerin und John Lennon-Witwe Yoko Ono rollen aus einem Kaugummiautomaten - für nur 50 Cent. (Hier weiterlesen: Museen und private Leihgaben - eine problematische Allianz) .

Zuschlag bei Millionensummen? Anonyme Telefonbieter? Kunstsammlungen als Spielzeuge für Milliardäre? Die große, weite, immer häufiger beklemmende Welt des globalisierten Kunstmarktes scheint hier weit weg zu sein. Oder doch nicht? Christian Boltanski kritisiert, Kunst sei zu einem Relikt geworden. Nur weil sich Gegenstände in Museen finden, würden sie für Viele wertvoll und zu einer Art Heiligtum. Dabei müssten Boltanski und die anderen, jetzt ausgestellten Künstler es doch besser wissen. Nur als Stars der teuren Kunst haben sie überhaupt eine Chance, an einer Ausstellung der billigen Werke teilzunehmen. Das Teure einmal auf dem Wühltisch: Allein dieser Umkehreffekt gibt dem Projekt seinen subversiven Charme. (Hier weiterlesen: Jeff Koons in Paris - der Kult des Banalen) .

Aber flunkert nicht gerade Boltanski dabei ein wenig? Die Kleiderberge, die er nun ausstellt und zum Mitnehmen feilbietet, wirken wie Überbleibsel aus jener Installation riesiger Kleiderhügel, mit denen der Spezialist für eine Kunst der Archive 2010 das Grand Palais in Paris bespielte. Seinerzeit festigte er mit dieser gigantischen Präsentation seine Position in der Kunstwelt und damit auch seinen Marktwert nachhaltig. Nun gibt es den Kleider-Fallout als kritische Geste - ein allzu durchsichtiges Manöver. (Hier weiterlesen: Kunst am Henkel - Künstler gestalten für Modelabel) .

Überhaupt überspringt „Take me (I’m yours)“ eher das Problem der künstlerischen Wertbildung, als es analysieren zu helfen. Teure Kunstwerke können aus billigem Material bestehen. Joseph Beuys hat es vorgemacht, die Künstler der Arte Povera, der armen Kunst, ebenfalls. Der Wert der Kunst entsteht durch eine Kette von Selektionen, an denen Kuratoren, Sammler, Galeristen, Kritiker und andere Akteure beteiligt sind. Wertvoll ist, was diese Selektionen absolviert hat. Und Museen machen nur Sinn, wenn sie aufbewahren, was das kulturelle Gedächtnis prägt, und zugleich die Auseinandersetzung über die Auswahl dieser Werke anregen. Die Auswahl setzt einen symbolischen Wert. Der wird dann auch ökonomisch honoriert. (Hier weiterlesen: Warum ist Kunst so teuer? Die Analyse) .

Die Pariser Schau mokiert sich über diesen Mechanismus, indem sie ihn zugleich unvermeidlich zelebriert. Alle ausgestellten Künstlerinnen und Künstler funktionieren wie eigene Marken auf dem Kunstmarkt. Ihre Werke zirkulieren global, sind nur für Wenige erschwinglich. In der Ausstellung der Münzanstalt gibt es nun das Merchandising dazu. Der Besucher, der nach der Luftkapsel von Yoko Ono oder dem Sticker von Gilbert&George greift, macht das in dem Bewusstsein, für einen Moment an einem Buffet zu naschen, zu dem er ansonsten nicht geladen ist. Der Wert eines Kunstwerkes wird sich wohl nie ganz vom Geld trennen lassen. Nur eines geht weiter - die kritische Diskussion darüber. (Mit dpa)

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