Osnabrücker „Spieltriebe“ Bilanz zum Osnabrücker Festival-Thema „Apokalypse“

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Osnabrück. Nah dran an der (Theater-)Gegenwart ist das dreitägige Osnabrücker Theaterfestival „Spieltriebe“ mit seinen Konzepten, die auch überregional auffallen. Die sechste Ausgabe widmete sich dem Thema „Unmögliches geschieht“.

Extrem nah dran an unserer Realität war das Osnabrücker Theater mit seinem diesjährigen „Spieltriebe“-Konzept „Das Unmögliche geschieht“ . Nicht nur zeitlich, was allerdings Stücken wie „The Trip“ zur Flüchtlingsthematik durch die täglichen Ereignisse zu Aktualität in Hochpotenz verhalf. Sondern auch in der inhaltlichen und künstlerischen Zusammenschau der Stücke, insgesamt 13, davon neun Uraufführungen. Die fünf Routen zu Spielorten in der Stadt öffneten größere, unalltägliche Reflektionsräume, als der normalen Theaterbetrieb.

Wir leben in einer Zeit der großen Umbrucherfahrungen auf vielen Gebieten. Wir können aber nicht in die Zukunft blicken, für die wir Verantwortung tragen wollen und müssen, nach Epochen räuberischen oder verschwenderischen Rausches. Deshalb war die Idee des Osnabrücker Theaters einfach genial und genial einfach, vom Weltende, der Apokalypse her, auf unsere Welt zu blicken.

Das Schlüsselwerk für diesen Ansatz lieferte zweifellos Autor Thomas Köck , 1. Preisträger des Osnabrücker Dramatikerpreises und momentan vielbeachteter Jungdramatiker, mit seinem Auftragsstück „Paradies fluten“ . Mit seinem faustischen Griff aufs Ganze, nach dem, was unsere Welt strukturell zusammenhält, einer gewaltigen tour d‘horizon durch Geschichtsepochen und Wirtschaftsformen, bot er eine heilsame Kur gegen regionale Blickfeldverengungen auf diesem Globus an. Etwa wenn da die brutale Kautschuk-Ausbeutung in Brasilien um 1890 mit dem Niedergang eines selbstständigen Reifenhändlers der 90er Jahre unseres Jahrhunderts gegenüber gestellt wurde: dunkle Linien der Geschichte gegen geschichtsvergessenes Selbstmitleid auf jedem Fleck dieser Erde. Eines machte seine wortgewaltige Sprachsinfonie aber gerade in der überwältigenden Inszenierung des Choreografen und Osnabrücker Tanzchefs Maurio de Candia klar: Es sind immer auch die einzelnen Körper und Psychen der Menschen, die die Entfesselungen der Geschichte aushalten müssen. Auch damit bot „Paradies fluten“ eine inhaltliche Klammer für die fünf Festivalrouten durch die Stadt.

Deshalb war es folgerichtig, mit einigen Festival-Stücken die Grenzen menschlicher Kraft zu beleuchten. Pamela Carters sensibles und übrigens toll gespieltes wie inszeniertes Stück „Was wir wissen“ tastet das Maß an Sprach- und damit auch Weltaneignung eines im glücklichen Flow lebenden Paares ab. Bis die Frau durch den plötzlichen Tod des Mannes paralysiert der (Außen-)Welt gegenübersteht und sie sich auch sprachlich zurückerobern muss. So individuell sieht Apokalypse auf dieser Welt millionenfach aus.

Der syrische Autor und Regisseur Anis Hamdoun wiederum markiert mit seinem ergreifend gespielten Stück „The Trip“ einen geschichtlichen und persönlichen Umbruch, der Menschen schon immer in die Knie gezwungen hat: Bürgerkrieg, politische Verfolgung, Folter, Tod enger Freunde, Flucht und traumatisierter Neuanfang in der Fremde weit unter den eigenen Möglichkeiten – die erdrückende Last, die bei aller Willkommenseuphorie die Flüchtlingsmassen zu uns schleppen werden. Total real, um ans „Spieltriebe“-Motto von vor zwei Jahren zu erinnern. Wie gut, dass das Stück gerade jetzt uns das vor Augen führte.

In Jonathan Safran Foers Roman „Extrem laut und unglaublich nah “ ist es das nationale Trauma von Nine Eleven, das der Autor am Einzelschicksal des Jungen Oskar zu uns heranzoomt. Gewaltsame Umbrüche hinterlassen oft sperrige Spuren, die nur mit viel Toleranz und Empathie aufgefangen werden können, so die Botschaft der liebvollen, fantasiesprühenden Bühnenversion von Schauspielregisseurin Annette Pullen und dem früheren Osnabrücker Chefdramaturgen Peter Helling.

Mochte die begeisternd eigenwillige Oskar-Produktion „Vom Fischer und seiner Frau“ nach dem Grimm-Märchen mit seinem Thema der menschlichen Maßlosigkeit noch inhaltlich einiges zum Thema Weltuntergang beitragen, so war das in „das apokalyptische Ich“ von Mannheimer Musikstudierenden fast nicht zu erkennen. Trotzdem beeindruckte die Produktion in der schönen Limberg-Kirche mit ihrer Atmosphäre. Das tat noch mehr der zweite Studierenden-Abend im intimen Hafen-Speicher, der sich musikalisch und inhaltlich mutig der letzten persönlichen Umbrucherfahrung, dem Tod, stellt. Was Theater in seinen stärksten Momenten vermag: apokalyptische Gefahr erlebbar und reflektierbar zu machen ohne die lähmende Begrenzung des Traumas, das schaffte „Dschihad-Express“ in der energiegeladenen Inszenierung von Pascal Wieandt zum Thema IS-Staat. Diese sechste „Spieltriebe“-Ausgabe zeigte: Dieses Festival denkt kraftvoll und hochkarätig die drängenden Fragen unserer Zeit mit.


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