Serie – „Künstler im Hotel“ Von Remarque bis zur Gegenwart: das Hotel Walhalla

Von Christine Adam


Osnabrück. An die große Glocke hängt das Hotel Walhalla seine Künstler nicht, die dort nächtigen. Vielleicht ermöglicht genau das dort die intensiven Gesprächsrunden und Begegnungen mit ihnen.

  • Joseph Roth, Charles Dickens, Agatha Christie, Camille Pissarro oder Udo Lindenberg und viele andere: Das Hotel gehört für Künstler zu den reizvollsten Motiven. Es diente ihnen schon oft als Arbeits- und Wohnort, wurde zum Schauplatz privater Schicksalsschläge.
  • Die Sommerserie „Künstler im Hotel“ präsentiert jede Woche Schriftsteller, Maler, Fotografen und Musiker und ihre Werke, mit denen sie ein Stück Hotelgeschichte geschrieben haben. Zudem besuchen wir auch Originalschauplätze.
  • Das heutige Romantik Hotel Walhalla geht mit Diskretion und Unterstatement mit seinen vielen Kü nstlern und Prominenten um, die dort nächtigen.

Erich Maria Remarque hat dem heutigen Osnabrücker Romantik Hotel Walhalla ein einprägsames literarisches Denkmal gesetzt. In seinem Roman „Der schwarze Obelisk“ lässt er den jugendlichen Held und Grabsteinverkäufer Ludwig Bodmer mit seinem Chef im Speiseaal des Hotels einkehren, weil dort gut gekocht wird. Und weil die beiden Schlitzohren beizeiten ein Riesen-Kontingent von Essens-Abos erworben haben, mit dem sie nun im Zuge der grassierenden Inflation am Ende der Weimarer Republik tagtäglich günstiger speisen - zum wachsenden Verdruss von Walhalla-Besitzer Eduard Knobloch. Daraus machen sich die Grabsteinspezialisten täglich ein diebisches, mit jugendlich-frechem Übermut und verbaler Schlagfertigkeit garniertes Vergnügen und ziehen ihre Künstler-Freunde mit hinein.

Mit Lortzing-Zimmer

Künstler hat es immer wieder in Osnabrücks ältesten Gasthof mit der schmucken Barockfassade gegeben, übermütige Lebensfreude siche auch. 1690 hatte Gerichtsvogt Gerdt Heindrich Meuschen den Bau an der Bierstraße im Herzen der Altstadt errichten lassen. Der Opernkomponist Albert Lortzing kehrte dort ab 1825 häufig ein. Ihm wurde das auch Dichter-Klause genannte Lortzing-Zimmer gewidmet, das sich im heutigen alten Gastraum befand und im Zuge von Umbauten dem heutigen Thekenbereich weichen musste. Heute trägt ein anderer kleiner Festsaal seinen Namen und prunkt mit einem Teppich, in den ein Zitat aus Lortzings Oper „Zar und Zimmermann“ eingewebt ist. Um 1900 war Heidedichter Hermann Löns zu Gast.

Doch anders als andere Hotels oder Lokale stellt das „Walhalla“ unter der Leitung von Andreas und Tanja Bernard prominente Gäste nirgendwo aus - außer im Gäste-Buch, das eine freiwillige Sache ist. Kein Foto hängt an den Wänden, kein weiteres Zitat oder gar Autogramm, läuft man durch die 2008 renovierten Räumlichkeiten. Nirgends zu erkennen, wie viele gekrönte Häupter Europas oder Präsidenten sich hier schon eingefunden haben. Unaufgeregtheit, Diskretion und schlichte Eleganz überall, passend zu alten schwarzen Holzbalken des Fachwerks. Kein Andenken an die Hip-Hop-Band „Fanta 4“ oder die Rockband „Revolverheld“, die kürzlich im Juli beim Schlossgarten-Open Air hier nächtigten. Warum auch, das Walhalla hat schon so viele Prominente beherbergt und tut es immer wieder, von denen Künstler nur einen kleinen Teil ausmachen.

Thron für den Dalia Lama?

Hier muss die eigene Vorstellungskraft reichen. Etwa, was der so gern mal herzhaft lachende Dalai Lama 1998 wohl beim Anblick des goldenen, weich gepolsterten und muschelartig überdachten Thron-Sessel im Bad seines Zimmers gedacht haben mag, als er.dort wohnte.

Obwohl das „Walhalla“ auch auf seiner Homepage wenig Werbung mit Prominenten macht, kommen sie gern, die internationalen Künstler etwa des „Morgenland-Festivals“ oder der Kammermusiktage „Classic con brio“. TV-Star wie Iris Berben, Thomas Gottschalk oder Maria Furtwängler stiegen hier ab. Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass hat sich hier 2002 von Lesung und Marathon-Autogrammstunde in der Stadthalle erholt und bis in die frühen Morgenstunden geselliges Durchhaltevermögen im „Walhalla“ bewiesen.

Selige Gesprächsrunden

Sein Kollege Martin Walser gab zwei Jahre später in der Nähe der einstigen Dichter-Klause ein Interview. Eugen Ruge erzählte der Journalistin im leeren Tagungsraum von der Osnabrücker Dramatisierung seines Romans „In Zeiten des abnehmenden Lichts“. Und schon manche selige Gesprächsrunde hat sich nach Lesungen oder anderen Auftritten in der Stadt dort eingefunden, beflügelt von der Neugier auf den Künstler oder Intellektuellen und der Freude, ihm oder ihr einmal so nah zu sein. Literaturkritiker Hellmuth Karasek schwärmte dort noch einmal von der Schauspielerin Barbara Auer, die damals jung am Osnabrücker Theater anfing und der gegenüber er als Dramatiker seinen nicht unerheblichen Charme spielen ließ. Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil erzählte von seiner ersten, zufälligen Bar-Begegnung mit dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl. Und immer hatte der Walhalla-Raum mit seinen halbrunden Sitzbänken, allerdings noch vor der Renovierung 2008, etwas Intimes, Familiäres, was die Scheu vor Prominenz bald schwinden ließ. Erich Maria Remarque würde das gefallen.


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