„Die Schöpfung“ mit René Jacobs Ruhrtriennale 2015: Schrieb Joseph Haydn Filmmusik?

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Edel besetzt ist das Oratorium „Die Schöpfung“ für eine Produktion der Ruhrtriennale 2015. Für die Kraftzentrale im Landschaftspark Duisburg-Nord reicht das aber nicht: Da wird die Musik von Joseph Haydn mit einem Film von Julian Rosefeldt unterlegt. Oder ist es umgekehrt?

Die Kraftzentrale im Landschaftspark Nord in Duisburg riecht noch nach Maloche, so als wären hier gestern noch Schweißgerät und Schneidbrenner funkenstiebend am Start gewesen. Draußen tauchen Regen und Wolken das Areal in ein düsteres Grau in Grau: Hallo Ruhrgebiet. Für Schwerindustrie und Bergbau ist der letzte Vorhang längst gefallen; nur hier und da gibt vielleicht eine Erzgießerei ihre letzte Zugabe. Die Kraftzentrale aber hat sich von der Industriekathedrale zum Kunsttempel mit düsterem Charme geworden; wo einst der Dampf für die Hochöfen entstand, wird heute Hochkultur produziert. Umwidmung nennt man diesen Wandel, und im Idealfall sprühen jetzt die Funken, weil sich die Hochkultur an der schwerindustriellen Kulisse lustvoll reibt. Sogar reiben muss: Sonst verpufft der schöne Gegensatz.

Besonderer Ort, besondere Mittel

Deshalb reicht es für Intendant Johan Simons nicht, Joseph Haydns „Schöpfung“ in musikalisch exquisiter Darbietung für seine erste Ruhrtriennale zu holen. Ein besonderer Ort verlangt besondere Mittel, und so prangt hinter dem B‘Rock Orchestra und dem Collegium Vocale Gent eine riesige Filmleinwand, die der deutsche Film- und Videokünstler Julian Rosefeldt mit wirklich aufwändigen und prachtvollen Bildern füllt.

Dem musikalischen Urknall, der Haydns Oratorium eröffnet, folgt ein breites, dissonanzenreiches Largo, als sei darin der Geburtsschmerz der Schöpfung eingefangen. Das B‘Rock Orchestra übersetzt das unter René Jacobs in ein edel transparentes Klangbild, weckt Erwartungen auf das, was da kommen möge. Rosefeldts Film hingegen ist da schon ein, zwei Schritte weiter: Er zeigt Menschen in Laboranzügen, die durch weite Wüstenlandschaften eine uralte Schlossanlage betreten.

Unser Bild vom Orient

Damit appelliert der Film an Vorstellungen, die wir uns in unsere westlichen Welt vom Orient zurechtgelegt haben, von der Region also, in der das Paradies stand und aus der, auch christlicher Sicht, seit jeher das Licht kommt. Punktgenau schwenkt die Kamera dann direkt in die Sonne, wenn der Chor ...und es ward Licht“ in gleißendem C-Dur bejubelt. Auch das klingt vorzüglich; das Collegium Vocale Gent singt nicht nur bezaubernd schön, sondern weiß Farben und Stimmungen punktgenau und präzise zu realisieren.

Derartig eng korrespondieren Film und Musik nur selten: Wenn die Tiere benannt werden, zeigt der Film Fabelwesen, halb Widder, halb Löwe, die einen Tempel aus der Pharaonenzeit bewachen, zum Gottesbefehl „Werdet fruchtbar“ gibt es ein kopulierendes Hundepaar. Ansonsten aber schwebt der Film über der Musik, und das durchaus im wörtlichen Sinne. Rosefeldt hat mit Studenten der Münchner Akademie der Bildenden Künste Marokko bereist und zurückgelassene Filmkulissen aufgesucht. In atemberaubenden Kamerafahrten fängt er die Wüstenlandschaft aus der Vogelperspektive ein, überfliegt vermeintlich antike Burg- und Tempelanlagen, die sich als Filmkulissen entpuppen, schickt seine Labormenschen wie Aliens durch die Landschaft. Es ist nicht klar, ob diese Welt im Entstehen oder im Verschwinden begriffen ist. – auf jeden Fall beschreibt er eine Welt nach Haydns Schöpfungsakt.

Sonniger Optimismus

Sonniger Optimismus prägt Haydns Werk ; er findet etwa in den freudestrahlenden Koloraturen der Sopranistin Sophie Karthäuser ihren Ausdruck. Diese Fröhlichkeit stehen aber grüblerische Momente gegenüber: Dann wird der Orchesterklang fahl und ausgedünnt, dann reiben sich Klänge, reflektiert die Musik in vertrackter kontrapunktischer Mehrstimmigkeit – erst diese Vielschichtigkeit macht Haydns Oratorium zu einem Vermächtnis. Chor, Orchester und Dirigent setzen das mit gebotener Energie um, und das Solistenterzett –neben Karthäuser sind das der Tenor Maximilian Schmitt und der Bass Johannes Weisser – hat die nötigen schlanken, gleichzeitig präsenten Stimmen. Nur: Der Film zieht Haydns Werk unverkennbar eine Metaebene ein – eine Metaebene allerdings, die hoch über Haydns Musik schwebt.

Die Welt nach dem Sündenfall: Das Ruhrgebiet

Trotz der brillanten Bilder, trotz der geheimnisvollen Choreografie, der die Labormenschen folgen, trotz der spektakulären Perspektiven: Rosefeldt löst sich weit von der Komposition, als hätte er Skrupel, sich der Musik zu nähern. Allenfalls als Reflexion auf den Text Gottfried van Swietens mit den biblischen Wurzeln und den Wurzeln in John Miltons „Paradise Lost“ funktioniert der Film, zumal im dritten Teil des Oratoriums, wo Adam und Eva auftreten: Da betreten Rosefeldts Aliens eine schrundige, aufgerissene, geradezu dystopische Welt nach dem Sündenfall –das Ruhrgebiet, die Industriebrachen des Landschaftsparks Nord.

So stellt die Produktion wenigstens den Bezug zur Umgebung her. Einen neuen Zugang zu Haydns Musik, eine neue Perspektive auf das Werk eröffnet der Film indes nicht. Im Gegenteil: Es klingt fasst zu edel, wie René Jacobs die Musik realisiert; er müsste schroffer, plakativer zu Werke gehen, um sich gegenüber den zugegebener Maßen kraftvollen, starken Bildern zu behaupten. Dabei würde die Musik sich selbst genügen, und Haydn und die Kraftzentrale hätten sich sicher auch ohne filmische Mediation hervorragend verstanden.


Am 2. September gibt René Jacobs mit der „Schöpfung“ sein Debüt beim Musikfest Bremen. Er gastiert dort mit derselben Besetzung wie in Duibsburg - nur ohne Film. Tickets: www.musikfest-bremen.de

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