„Number 32“ in der Kunstsammlung NRW „Mona Lisa“ der Moderne: Pollock-Bild wird gereinigt

Von Dr. Stefan Lüddemann


Düsseldorf. Jedes Museum hat seine „Mona Lisa“. In der Düsseldorfer Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen ist das Jackson Pollocks „Number 32“ von 1950. Jahrelang hing das Riesenbild im „Amerikanersaal“. 2015 wird es gereinigt.

Otto Hubacek zieht an dem raumhohen Metallrahmen. Auf Gummirollen gleitet die Depotwand nach vorn. Nach und nach wird „Number 32“ sichtbar – 457 und ein halber Zentimeter Weltruhm. Auf über zweieinhalb Meter Höhe schießen schwarze Kurven in den Bildraum, verknoten sich zu Zentren voll vibrierender Energie. „Number 32“: Das ist eine Explosion der puren Malerei, ein Manifest der Kunst als Freiheitsakt und ein Bild von unschätzbarem Wert obendrein. Otto Hubacek, Leiter der Restaurierung in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, wird das Bild reinigen. Ein Routineakt? Nein, ein Jahrzehntereignis. (Hier weiterlesen: Hitzefrei für Rembrandt und Co? Museen und ihr Klima im Sommer) .

Reinigung während des Umbaus

„Das Bild wird danach noch dynamischer wirken“, sagt Hubacek. Er will beseitigen, was er „atmosphärische Verunreinigung“ nennt. Das gigantische Bild besitzt keine schützende Firnisschicht, es hängt auch nicht hinter Glas. Seine offene Textur nimmt an, was über Jahre in der Luft liegt – Staub, Schmutzpartikel aller Art. Jetzt nutzen die Museumsleute eine Umbauzeit für die Reinigungsprozedur. Nach den Worten von Gerd Korinthenberg, Sprecher der Kunstsammlung, wird gerade die Entwässerung auf dem Dach des Museums erneuert. Große Teile der Schausammlung sind dafür geschlossen worden. Der „Amerikaner-Saal“, hier hängen neben dem Bild Pollocks Meisterwerke von Andy Warhol, Robert Rauschenberg, Frank Stella und anderen Kunststars, wurde geräumt, die Werke magaziniert. (Hier weiterlesen: Wie Museen mit Blogs Besucher ansprechen) .

„Gemälde ist ein Jahrhundertbild“

„Dieses Gemälde ist sicher ein Jahrhundertbild“, sagt Regine Prange, Professorin für Kunstgeschichte an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main, zu dem Werk, das schon auf der Documenta, auf Biennalen und in großen Museen zu sehen war. 1964 wurde es für Düsseldorf erworben. „Number 32“ sei das einzige große „Dripping“-Bild Pollocks in einem europäischen Museum. Die beiden Gegenstücke – alle drei Riesenformate entstanden 1950 – befinden sich in New York. „Das Bild ist extrem wichtig für alle Kunst, die danach entstand, sein Einfluss auf Performancekunst und Installation kaum abzuschätzen“, sagt Prange weiter. Sie erinnert daran, dass Pollock die auf dem Boden liegende Leinwand bearbeitete, um das Bild regelrecht herumtanzte, von Stöcken die Farben auf das Bild tropfen und spritzen ließ. Mit Pollocks Action-Painting, so der Fachbegriff, war mitten im Kalten Krieg auch ein westlicher Kunstmythos der Freiheit geboren, der gegen die Kunst des Ostblocks ausgespielt wurde. (Hier weiterlesen: Zum 100. Geburtstag von Jackson Pollock) .

„Wohltuende Veränderung der Bilder“

Otto Hubacek hat sich in New York, unter anderem bei Kollegen des Museum of Modern Art, über die Restaurierung anderer Großformate Pollocks informiert. „Die Restaurierungen ergaben eine wohltuende Veränderung der Bilder“, berichtet er. Für „Number 32“ hat er ebenfalls eine Reinigung vorgeschlagen, deren Verfahren derzeit in der Kunstsammlung diskutiert wird. Der Kniff: Hubacek will dem Bild nicht mit Schwämmchen oder Bürsten zu Leibe rücken, sondern es mit einem Weichstrahler behutsam reinigen. Ein Flow feinster Zellulosefasern soll Verunreinigungen beseitigen. Hubacek will alles vermeiden, was das berühmte Bild belasten könnte. Berührungen der Oberfläche sind tabu. Die Leinwand wird auch nicht vom Rahmen abgespannt. Das Risiko wäre schlicht zu hoch. (Hier weiterlesen: Joan Miró in der Kunstsammlung NRW) .

Fachgespräch über die Prozedur

Wie der Restaurator und Gerd Korinthenberg betonen, läuft im Haus gerade das Fachgespräch über die zu wählende Prozedur. Die mit Industrielacken auf die bloße Leinwand aufgebrachte Malerei soll natürlich nicht beeinträchtigt werden. Das Bild zeigt sogar Farbspritzer von Leinwänden, die direkt neben „Number 32“ gelegen haben. Auch einzelne Kaffeespritzer sind zu sehen. „Jack the Dripper“, so der Spitzname von Jackson Pollock, hat das Bild in rasantem Malakt gefertigt. Ein Film dokumentiert den Prozess.

Derartige Spuren gehören für Otto Hubacek zur Geschichte des Bildes. In einem eigens gebauten Gehäuse will er mit dem Weichstrahl den Schmutz der Zeit von „Number 32“ regelrecht wegstreicheln. Ende 2015 soll der gemalte Geniestreich wieder für das Publikum zu sehen sein.