Fiktiver Brief: Katze schreibt den Menschen Weltkatzentag: Katzensprung durch 5000 Jahre Kultur

Von Dr. Stefan Lüddemann


Osnabrück. Die Katze durchstreift die ganze Kulturgeschichte. Wie erklärt sich dieser Erfolg? Wir antworten mit dem fiktiven Brief einer Katze an die Menschen.

Geneigte Menschen! Heiß und staubig war es in Ägypten vor über 5000 Jahren. Ich saß auf Stufen von Heiligtümern, in Basaren, vor Pyramiden, saß aufrecht, den Schwanz um die Pfoten gelegt, in der mir eigenen lässigen Vollkommenheit. Die Pharaonen erhoben mich zur Gottheit Bastet. Ein angemessener Einstieg in eine Karriere, die bis heute andauert. Ich dankte den Pharaonen natürlich mit keinem Maunzer, sondern blickte nur stoisch ins Leere – als stille Hüterin eines unergründlichen Geheimnisses. (Hier weiterschauen: Katze im Video) .

Geheimnis der Stille

Jetzt habe ich mich noch gar nicht vorgestellt. Nennt mich Minou. Ich bin keine bestimmte, ich bin die ewig anwesende Katze, Eure Begleiterin, Euer Widerpart, Euer ewiges Rätsel. Es gibt mich so lange wie den Butt von Günter Grass. Wie der Plattfisch beobachte ich das Treiben der Menschen, ihre Jagd nach dem Glück, ihre Angst vor dem Tod. Ich sitze als regloser Beobachter am Rande Eures Lebens, etwa so wie die schwarze Katze auf Max Beckmanns Gemälde „Frankfurter Hauptbahnhof“ (1942). Ich kuschele mich in den Schoß des Mädchens, das Auguste Renoir 1887 malt, ruhe zu den Füßen von Adam und Eva, die Albrecht Dürer 1504 in Kupfer sticht, bewache als Mosaikfigur von Niki de Saint Phalle ein Grab. Ihr Menschen findet in mir das Muster der Sanftmut und lasst Euch doch von mir zu Torheiten verführen. Ihr sucht in mir das Geheimnis der Ruhe in Lebensstürmen und fürchtet mich zugleich als Botin des Unglücks. (Hier weiterlesen: Katze und Recht)

Geheimnis der Unberechenbarkeit

Um es in einem Wort zu sagen: Das Geheimnis meines Erfolges liegt in meiner Unberechenbarkeit. Ihr Menschen schaut mich mit mal sehnsüchtigen, mal scheelen Augen an. Warum? Weil ich Eure Sehnsucht nach der Freiheit lebe. Und um Euch bin, ohne Euch zu gehorchen, wie jene anderen Vierbeiner, die ich jetzt so anschaue, wie Cartoon-Kater Garfield es zu tun pflegt – aus halb geschlossenen Augen. Dabei liebe ich die Ordnung, solange ich an ihrer Spitze stehe. Ich pflege mein Fell wie eine Aristokratin am Hofe. Kein Wunder, dass ich auf Gemälden des 18. Jahrhunderts, vorzugsweise fein gepinselter Ware von Antoine Watteau oder François Boucher, auf Hauptrollen abonniert bin. Nächtens treibe ich mich aber auch gern auf dem Terrain der Schatten herum, kratze und balge mich durch herzhafte Gossenraufereien, erweise mich dabei als wilde Anarchistin. (Hier weiterlesen: Weltliterat und Katzenliebhaber: Marcel Proust)

Das Tier der sieben Leben

Denn in mir pulsieren nicht nur sieben Leben, in mir pochen auch mindestens zwei Herzen. Ich gebe mich gern so verwöhnt und romantisch wie die flauschigen „Aristocats“ in dem Zeichentrickfilm von 1970, schlüpfe aber auch mit Hingabe in die Rolle des grantelnden Katers Paul in Volker Reiches Comicstrip „Strizz“, der seit 2002 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erscheint. Ihr eitlen Menschen bekommt mich nur so gut zu fassen wie Batman seine Gegenspielerin Catwoman, die seit 1940 durch eine aufregend undurchschaubare Comicwelt hechtet und hangelt, springt und sprintet. Also: überhaupt nicht. (Hier weiterlesen: Batman und Catwoman)

Katze aus „Alice im Wunderland“

Aber das hält Euch in unablässiger Bewegung. Ihr verehrt in mir, der Katze Minou, das Geheimnis des Lebens und der Liebe selbst – dass man sie nur leben, aber niemals besitzen kann. Ich erscheine Euch deshalb wie Cashire Cat aus Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“, jenes Tier, das von seinem Schwanz her verschwindet, bis nur sein höhnisches Grinsen übrig bleibt. Oder wie jene fadendünne Katze, die der Bildhauer Alberto Giacometti aus Bronze formt – ein Lebewesen als Chiffre der Unfassbarkeit. (Hier weiterlesen: Feinfühlige Kunst - der Impressionismus)

Gestiefelter Kater

Wie gut nur, dass ich dann wieder zur Stelle bin, um Euren holprigen Lebensverlauf wieder in geschmeidigen Fortgang zu bringen. Als Gestiefelter Kater eile ich Euch märchenhaft schnell voraus, bringe ins Gleis, was Euch hemmen könnte. Als namenlose Katze bringe ich ein wenig Wärme in jene zur Feindschaft ausgekühlte Ehebeziehung, der Jean Gabin und Simone Signoret 1971 in der Verfilmung des Romans „Die Katze“ von Georges Simenon beklemmende Gegenwart verleihen. Aber am liebsten halte ich mich von solchem Zwist fern. Lieber sitze ich statuenhaft neben einem steinernen Buddha, selbst ein Gefäß der Stille, ein Reservoir der Zeit. Aber ich, Eure geschätzte Minou, bin ja auch ewig. Das sagte ich eingangs schon. So grüße ich Euch aus der Zeitlosigkeit mit Miau und Pfotendruck. Minou (Nach Diktat irgendwohin entschwunden).