Neues Buch vom Tatortanalytiker Profiler Axel Petermann löst im Ruhestand ungeklärte Mordfälle

Von Joachim Schmitz


Osnabrück. Deutschlands bekanntester Tatortanalytiker Axel Petermann legt sein drittes Buch vor: „Der Profiler – Ein Spezialist für ungeklärte Morde berichtet“. Darin erzählt er erstmals auch von einem Fall, den er als ruheloser Ruheständler bearbeitet hat.

Halblanges grau-blondes Haar, traurige Augen, sanfte Stimme. Wer mit diesem Mann zusammensitzt, mag kaum glauben, dass er sich jahrzehntelang mit menschlichen Abgründen auseinandergesetzt hat. Doch so langsam wird er selbst zum Serientäter: Bereits zum dritten Mal legt Deutschlands profiliertester Profiler Axel Petermann in diesen Tagen ein Buch vor, in dem er über sein Spezialfach berichtet: ungeklärte Mordfälle.

Grauen auf dem Dachboden

Und doch ist diesmal vieles anders als in den beiden ersten Werken „Auf der Spur des Bösen“ und „Im Angesicht des Bösen“, die später als Vorlage zu mehreren exquisiten Frankfurter „Tatort“-Folgen mit Nina Kunzendorf und Joachim Król dienten: Petermann ist seit letztem Herbst pensioniert, er erzählt nicht mehr vom oftmals gruseligen Alltag bei der Bremer Kripo, sondern zumindest im ausführlichsten Kapitel des Buchs aus seinem neuen Leben als Privatermittler: „Heike Rimbach – das Grauen auf dem Dachboden“.

Das Böse lässt also auch dem Ruheständler keine Ruhe, und so engagiert sich Petermann heute für private Auftraggeber, die vom niemals aufgeklärten Tod eines ihnen nahestehenden Menschen innerlich zerfressen werden. Wie die Eltern von Heike Rimbach aus Bad Harzburg, die vor 20 Jahren erstochen, erwürgt und erhängt wurde.

Er fühlt sich im Wort

Auf die Frage, warum er sich denn nicht wenigstens als Rentner den schöneren Dingen des Lebens zuwendet, antwortet Petermann im Gespräch mit unserer Redaktion: „Noch zu meinen aktiven Zeiten wurde ich immer wieder von Menschen angesprochen, in deren Umfeld jemand unter nicht geklärten Umständen ums Leben gekommen war. Damals habe ich immer darauf hingewiesen, dass ich noch arbeite und mich deshalb nicht kümmern kann. Jetzt fühle ich mich bei diesen Menschen im Wort. Noch in der Nacht nach meiner Pensionierung erreichte mich per Mail die erste Anfrage.“

Auch die Mutter von Heike Rimbach hatte sich an den Mann gewandt, der die operative Fallanalyse in Deutschland bekannt gemacht hat. 1995 wurde ihre damals nicht einmal 20-jährige Tochter grausam getötet, bis heute konnte kein Täter ermittelt werden. Und noch immer wird ihre Mutter von dem Gedanken geplagt, dass der Mörder unter uns lebt und niemals zur Rechenschaft gezogen wurde.

Deshalb hat sie sich an Axel Petermann gewandt und zugestimmt, dass der langjährige Mordermittler seine Recherchen für das Buch verwendet. Petermann erzählt davon spannender als es viele Kriminalromane tun, obwohl seine Sprache eher nüchtern und analytisch als reißerisch ist.

Extrem schwierig

Die neue Aufgabe ist extrem schwierig: Axel Petermann verfügt über keinen Polizeiapparat mehr, der ihn bei seiner Arbeit unterstützen könnte. Zeugen lassen sich nur schwer auftreiben und haben oft eine im Laufe der Jahre getrübte oder aber in ihrer Gedankenwelt mittlerweile verformte Erinnerung an das Geschehen. Tatorte sehen heute meist ganz anders aus als zur Tatzeit.

Also geht Petermann seinen eigenen Weg. Ein Kernsatz seines Buches lautet: „Es ist nicht der klassische Fingerabdruck an der Tatwaffe, der blutige Profilabdruck eines Schuhs auf dem Linoleum oder das verlorene Haar auf der Kleidung des Opfers – es ist vielmehr die Spur hinter der Spur, mit der ich mich auseinandersetze.“ Jeder Täter, davon ist er überzeugt, hinterlasse einen „psychologischen Fingerabdruck“, der ihn von anderen Tätern unterscheide. Langsam entsteht vor den Augen des Ermittlers ein Profil des Mörders.

Nicht nur ausgedacht

Wichtig ist dem Fallanalytiker, sich dem Motiv oder den Motiven des Täters so zu nähern, dass er daraus Rückschlüsse auf Geschlecht, Alter, Sozialisation und der Beziehung zum Opfer ziehen könne. Er beschreibt in seinem Buch niemals nur, wie er handelt, sondern immer auch, warum er so handelt wie er handelt. Das tut er in einem spröden Tonfall, der aber gerade durch die sachliche Schilderung Spannung erzeugt. Denn der Leser weiß bei jeder Zeile: Das hat sich keiner nur so ausgedacht. Gerade deshalb sollte auch der eine oder andere Autor von Fernsehkrimis zu dieser Lektüre greifen.

Auch jetzt ist Petermann wieder unterwegs in Deutschland und Griechenland, um Jahre nach der Tat ungeklärte Fälle zu recherchieren. Stoff für ein viertes Buch des schriftstellerischen Serientäters wird es also ganz sicher geben. Ob es wieder ein Sachbuch wird, steht allerdings in den Sternen. „Wahrscheinlicher ist ein Drehbuch, vielleicht aber auch ein Krimi,“ sagt Axel Petermann. Ganz nah am wirklichen Leben und Sterben wird es jedenfalls sein. Denn wie sagte Axel Petermann schon im letzten Jahr im Interview mit unserer Redaktion : „Man kann sich vieles ausdenken, aber die Realität schreibt einfach die besten Fälle.“

Axel Petermann: „Der Profiler – Ein Spezialist für ungeklärte Morde berichtet“. Heyne, 304 Seiten, 9,99 Euro.