Ein Kasten Buntes Telekom: Sprayer sollen legal Farbe in das Grau der Kabelkästen bringen

Von Waltraud Messmann


Osnabrück. Mit einem Kasten Buntes will die Deutsche Telekom Farbe in das triste Grau an deutschen Straßenrändern bringen. Das Telekommunikationsunternehmen ermöglicht es Sprayern seit einigen Tagen, ihre Kreativität völlig legal auf den bundesweit mehr als 100000 Verteilerkästen zu versprühen. Die Aktion unter dem Motto „Grau raus, bunt rein“ erntet aber nicht nur Beifall.

So wirft der in Osnabrück geborene Graffiti-Künstler René Turrek der Telekom vor, sie wolle so die Kosten für die längst fällige Reinigung und Instandsetzung vieler Kästen auf die Künstler abwälzen. „Die Aktion ist doch nichts anderes als ein großes Sparprogramm des Unternehmens “, kritisiert Turrek im Gespräch mit unserer Zeitung . Er fordert die Telekom auf, die Sprayer angemessen zu vergüten. Auch auf der Webseite des Unternehmens empören sich Kreative: „Denkt denn jeder, dass Künstler von Luft und Liebe leben? Wieder ein gutes Beispiel für eine kostenlose Künstlerausbeute! Ein Riesenkonzern, der kein Cent für die Künstler zahlt!“, schreibt zum Beispiel Eugen.

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Bares für Buntes ist aber auch in dem neuen Genehmigungsverfahren der Telekom für die Verschönerung der Kästen nicht vorgesehen. Trotzdem haben sich nach Angaben von Unternehmenssprecherin Stefanie Halle schon wenige Tage nach Bekanntgabe der Aktion an die 100 Bewerber gemeldet, die die grauen Kästen aufmotzen möchten. Das war übrigens auch vorher schon möglich. Die Antragsteller mussten allerdings so viel Papierkram bewältigen, dass das viele abschreckte.

E-Mail-Version

Jetzt hat die Telekom das Verfahren erheblich vereinfacht: Der Antrag steht nun als E-Mail-Version zur Verfügung, die nur noch formlos bestätigt werden muss. In einem Flyer sind alle wichtigen Bedingungen zusammengefasst. Und unter der E-Mail-Adresse „produktion@telekom.de“ gibt es eine zentrale Anlaufstelle. Angesichts der anhaltenden Debatte über eine mögliche Ausbeutung der Künstler betont Telekom- Sprecherin Halle ausdrücklich: „Wir haben nur die ,Barrieren‘ gesenkt und den Ablauf vereinfacht. Wir rufen aber nicht mit Nachdruck auf, sich bei uns zu melden.“

Doch auch, wenn einige Hürden für die Sprayer nun aus dem Weg geräumt wurden, von freier Kunst kann nicht die Rede sein: Bewerber müssen Standort, Entwurfsskizze und Informationen über den aktuellen Zustand des Gehäuses einreichen. Kommerzielle, aber auch religiöse Botschaften sind tabu. In den Regionen wird dann von der Niederlassung geprüft, ob es sich überhaupt um ein Gehäuse der Telekom handelt und ob das gewünschte Motiv umsetzbar ist.

Schwarz geht nicht

Auch bei der Wahl der Farben gibt es eine Einschränkung. Die hat allerdings ausschließlich technische Gründe: „Klar ist, dass unsere Kästen nicht tiefschwarz angemalt werden dürfen“, erläutert die Corporate Bloggerin der Telekom Luisa Vollmar. Der Grund: Die verstärkte Wärmeentwicklung könnte einen Hitzestau hervorrufen und der Technik schaden. Aus gleichem Grund dürfen auch die Lüftungsauslässe, Schließvorrichtungen und Scharniere nicht bemalt oder lackiert werden. Für die künstlerische Gestaltung empfehlen die Telekom-Experten wetterbeständige Farbe auf Dispersionsbasis.

Damit sei es aber längst nicht getan, meint Graffiti-Künstler Turrek: „Bevor die Kästen besprüht werden können, müssen die Künstler sie intensiv reinigen und grundieren, sonst haftet die Farbe nicht auf der Oberfläche und blättert schon nach kurzer Zeit ab. Und wie erbärmlich das dann aussieht, kann man ja überall sehen.“

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Nach Schätzungen kostet es im Schnitt etwa 100 Euro, einen Kasten von missratener Kunst zu befreien. Etwas preiswerter dürfte die Reinigung sein, wenn das Gehäuse zwar schmutzig aber noch unbemalt ist. „Bei etwa 100000 Verteilerkästen bundesweit müssten die Unternehmen dafür ganz schön tief in die Tasche greifen“, meint Turrek. Er sieht auch noch einen anderen Vorteil für die Besitzer der Kabelkästen, zu denen neben der Telekom auch RWE und zum Beispiel die jeweiligen Stadtwerke gehörten: „Wenn Sprayer sie einmal farbig gestaltet haben, werden sich wohl so schnell keine anderen Graffiti-Künstler illegal über sie hermachen.“

Digitaler Wandel

Der digitale Wandel hat dafür gesorgt, dass es im Stadtbild inzwischen sehr viele unterschiedliche Varianten des Kabelkastens gibt: Schon lange präsent sind die gewöhnlichen Kabelverzweiger, die mit einer Höhe von 135 Zentimetern und einer Breite von 75 Zentimetern keine aktive Technik enthalten. Mehr und mehr kommen aber sogenannte Multifunktionsgehäuse, die für die Glasfasertechnik nötig sind, hinzu: 1,60 Meter hoch, ein Meter breit und 50 Zentimeter tief – sie sind so klotzig, dass viele Bürger sich an ihnen stören.

So mussten jüngst in Nordhorn Kommunalpolitiker darüber diskutieren, wie solch ein unattraktives Sammelsurium grauer Plastikkästen in zentraler Lage der Stadt verschönert werden könnte. Der Vorschlag aus dem Dezernat des Stadtbaurates, die Verteilerschränke unterschiedlicher Größe mit einer Holzkonstruktion „einzuhausen“, sollte allerdings rund 30000 Euro kosten und fand allein schon deshalb keine Zustimmung. Auch die Aussicht, dass diese Gesamtkonstruktion die Möglichkeit zum Sitzen bietet und mit vier unterschiedlichen Höhen zu einem „attraktiven Erscheinungsbild“ beitrage, konnte nicht überzeugen.

Turreks Vorschlag, die grauen Kästen von Graffiti- Künstlern gegen Bezahlung verschönern zu lassen, wäre da preiswerter. Doch es gibt ein Problem: Ausgerechnet die Multifunktionsgehäuse, deren große Flächen für Bürger besonders störend, für Sprayer dagegen besonders attraktiv sind, bleiben für Künstler wohl weiterhin tabu: Denn die Giganten unter den Kabelkästen stehen unter Strom. Sie beherbergen aktive Technik, Stromversorgungseinrichtungen inklusive. Und beim unsachgemäßen Hantieren mit Flüssigkeiten droht den Sprayern die Gefahr eines elektrischen Schlages.

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