Ein Bild von Dr. Stefan Lüddemann
06.08.2015, 06:30 Uhr AUFTRITT BEI BAYREUTHER FESTSPIELEN

Tristan-Sänger Gould: In der Falle aller Tenöre

Kommentar von Dr. Stefan Lüddemann

Traumpaar für Wagners „Tristan“: Evelyn Herlitzius (Isolde) und Stephen Gould (Tristan). Foto: dpaTraumpaar für Wagners „Tristan“: Evelyn Herlitzius (Isolde) und Stephen Gould (Tristan). Foto: dpa

Osnabrück. Müssen Tenöre nicht nur schön singen, sondern auch schön sein? Sänger Stephen Gould klagt über Anforderungsdruck. Vollkommen zu Recht. Ein Kommentar.

Tristan-Sänger Stephen Gould sitzt in der Falle aller Tenöre. Sie sollen nicht nur schön singen, sondern auch noch bestechend aussehen. Leider kann nicht jeder von ihnen ein Placido Domingo sein, also ein Mann mit eiserner Stimme und dem unverwüstlichen Charme des ewigen Latin Lovers. Mancher Tenor singt blendend, taugt aber nicht für Titelseiten. Ist das ungerecht? Ja, und leider nicht erst seit gestern. Goulds Klage berührt einen ewigen Konflikt.

Es ist der in der Oper unausweichliche Konflikt zwischen schöner Stimme und profaner Person. Und der Kontrast zwischen dem Alter der Bühnenfigur und dem Lebensalter ihres Darstellers. Tenöre müssen sich erst die rechte Stimme erwerben, um wie junge Liebhaber singen zu können. Da hat Gould recht.

Musikvermarktern fehlt für solche Bedenken hingegen die Geduld. Sie müssen die Kunstwelt der Klassik verkaufen und haben sie dafür auf den Starkult des Pop und die entsprechenden Wahrnehmungsmuster zurechtgeschnitten. Figuren wie Tenor Jonas Kaufmann oder Sopranistin Anna Netrebko bieten sich da regelrecht an. Sie singen famos und verzaubern mit Charisma. Es reicht eben nicht, nur schön zu singen. Leider.


Der Artikel zum Kommentar

Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN