Skulpturen in der Auenlandschaft Insel Hombroich: Arkadien der Weltkunst am Rhein

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Neuss. Wo liegt das Arkadien der Weltkunst? Auf der Museumsinsel Hombroich bei Neuss. Ein Besuch in unserer Serie „Sommerkultur“.

Gotthard Graubners Farbkörper dehnt sich ins Sonnenlicht. Vor dem aufgepolsterten Bild mit den dunkelgrünen Farbschlieren liegen Blätter auf dem Betonboden. Eine Hummel summt durch den Raum. Von draußen wispert leises Rauschen aus den Baumkronen, durch die der Sommerwind streift. Irgendwo plätschert Wasser. Ein Besuch im Museum? Nicht wirklich. Oder?

Auf der Museumsinsel Hombroich bei Neuss sind Kunst und Natur eine einzigartige Symbiose eingegangen. Sanfte Auenlandschaft und Ausstellungspavillons, Bäume, Teiche und dazu Gemälde und Skulpturen. Hombroich genießt als Arkadien der Künste einen einzigartigen Ruf. Das Kunstareal als Erlebnismaschine? Das trifft es wohl. „Hier geht es darum, das Erlebnis zu leben“, sagt Frank Boehm, Geschäftsführer der Stiftung Insel Hombroich. (Hier weiterlesen: Sommerflimmern - Kino auf dem Land) .

Gesamtkunstwerk am Rhein

Was ist dieses Terrain zwischen Düsseldorf und Köln? Museum, Park, Skulpturengarten, Architekturdenkmal, Denkraum? Nichts von alledem und doch all dies gleichzeitig. Angefangen hat alles 1987. Der Kunstsammler Karl-Heinrich Müller (1936-2007) eröffnet mit der Museumsinsel ein Gesamtkunstwerk. 1982 erwirbt der als Makler von Industrieimmobilien erfolgreiche Müller zunächst eine Villa mit Park am Ufer der Erft. Er kauft Felder dazu, hat am Ende 25 Hektar zusammen. Das einstige Agrarland wird renaturiert. Wer heute das Kassenhaus durchschritten hat, blickt in eine einladende Landschaft. Wiesen, Bäume, Fluß und Teiche prägen das Bild - und kantige Gebäude im Klinkerlook. Sie heißen „Labyrinth“ und „Schnecke“, „Zwölf-Räume-Haus“ und „Hohe Galerie“. Insgesamt zehn dieser Ausstellungsgebäude verteilen sich im Gelände. (Hier weiterlesen: Der Skulpturengarten am Dümmer) .

„Begehbare Skulpturen“

Unter den Schritten knirscht der Kies. Wärme steht über den Wiesen. Am Teich fliegt unvermittelt ein Reiher auf. „Wir nennen die Ausstellungshäuser begehbare Skulpturen“, erzählt Frank Boehm, und Tatjana Kimmel, Pressesprecherin auf Hombroich ergänzt: „Die Leute sollen hier auf Wahrnehmung und Erlebnis konzentrieren“. Gelten auf diesem Terrain eigene Regeln? Ein bißchen schon. Über Events mögen Frank Boehm und Tatjana Kimmel nicht sprechen, auch die Zahl von jährlich rund 75000 Besuchern kommt ihnen schwer über die Lippen. Sie laden lieber dazu ein, sich „mit dem Zeitlosen zu beschäftigen“. An den Wegen gibt es keine Hinweistafeln oder Richtungspfeile, an Kunstwerken keine Beschriftungen. Alles spricht für sich selbst, scheinbar auf ewig. (Hier weiterlesen: Worpswede - Sommerausstellung in drei Museen) .

Tor in der Landschaft

Im „Turm“ hallen die Schritte. Der Klinkerkubus steht wie ein Tor in der Landschaft. Aus dem Gebäude führen Wege in die vier Himmelsrichtungen. Der „Turm“ funktioniert als Drehkreuz und als Symbol der Entscheidungsfreiheit des Menschen. Erwin Heerich (1922-2004), der mit dem Osnabrücker Piepenbrock-Preis ausgezeichnete Bildhauer, hat das Gebäude wie ein Kunstwerk in den Raum gesetzt. Aus dem Kubus ist ein Stück in der Form eines imaginären Würfels ausgeschnitten. Der „Turm“ funktioniert als Haus, Skulptur, Passage. Alles an diesem Kubus appelliert an den empfindenden und denkenden Menschen. Wer achtlos hindurchgeht, hat eine Chance vertan - und Hombroich nicht verstanden. (Hier weiterlesen: Eduard von der Heydt - der Sammlertycoon auf dem Monte Verità) .

Poet der Farbräume

Erwin Heerich, der Perfektionist geometrischer Formen, Gotthard Graubner (1930-2013), der Poet der wirbelnden Farbräume, Anatol Herzfeld, der Alles-Künstler, der 1973 den vom damaligen NRW-Kultusminister Johannes Rau entlassenen Joseph Beuys in die Düsseldorfer Kunstakademie „heimholte“: Diese drei Künstler prägen die Museumsinsel mit ihren Ateliers, Gebäuden, Kunstwerken. Erwin Heerich errichtet die Ausstellungsgebäude als begehbare Skulpturen, Graubner ist ebenso wie Heerich selbst, aber auch Norbert Tadeusz, Eduardo Chillida oder Alexander Calder in den Ausstellungshäusern mit großen Werkgruppen vertreten. Hans-Heinrich Müller hat auch Kunst der Khmer gesammelt, dazu alte Schränke und Stühle aus China, Objekte aus Thailand und Persien. In den Klinkerpavillons finden westliche Kunst und Asiatica zur Symbiose. In den von Erwin Heerich klar geschnittenen Räumen entstehen Ausstellungssituationen als kleine Gesamtkunstwerke - perfekt, ästhetisch, zeitenthoben. (Hier weiterlesen: Die Sommerausstellung in der Kunsthalle Emden) .

Kein wirklicher Wandel?

„Wir sehen die Ausstellungen als permanente Installationen“, deutet Frank Boehm vorsichtig an, dass dieses kleine Reich der Schönheit keinen wirklichen Wandel kennt. Dabei arbeiten auch andere Künstler auf dem Terrain, unter ihnen war der berühmte Lyriker Thomas Kling (1957-2005). Und inzwischen gehören auch eine ehemalige Raktenstation mit weiteren Künstlerhäusern und der von Architekturstar Tadao Ando gebaute Langen-Foundation zu dem Gesamtkomplex. (Hier weiterlesen: Der Skulpturenpark Waldfrieden in Wuppertal) .

Zwischen den Flußarmen

Die eigentliche Insel Hombroich meint ein Terrain zwischen Flußarmen der Erft und zugleich ein Eiland im übertragenen Sinn. Die von dem Maler Gotthard Graubner eingerichteten Ausstellungssituationen sollen den Besucher dazu anleiten, sich ganz auf die eigene Wahrnehmung zu verlassen. Beschriftungen, didaktische Hinweise, Erklärungen: All dies sucht der Gast vergebens. Hier spricht die Kunst selbst, leise, aber eindringlich. Langsamkeit statt Reizüberflutung - so funktioniert Hombroich. (Hier weiterlesen: Sommerkultur - Votum von Klaus Terbrack)

„Der Pfau war eines Tages da“

„Wir sind anders als andere Institutionen“, sagt Frank Boehm. Sein Dilemma – den einzigartigen Charme Hombroichs erhalten und doch auf den Wandel der Kulturwelt reagieren. Projekte mit zeitgenössischen Architekten zum Beispiel sollen in die Zukunft führen. Dabei bleibt die Botschaft des Eilandes der Kunst weiter gültig: die Zeit vergessen, Erfahrungen geschehen lassen. „Der Pfau war eines Tages da“, sagt Frank Boehm, als wir dem Prachtvogel auf einem der Wege begegnen. Wie gut, dass dieses kleine Paradies nicht nur im Hochsommer verzaubert. Tatjana Kimmel sagt: „An klaren Wintertagen ist es hier auch schön“.

Info:www.inselhombroich.de


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