Meisterwerke in Emder Museum Kunsthalle Emden zeigt Sommerausstellung „Zeitreise“

Von Dr. Stefan Lüddemann


Emden. Ein Jahrhundert Kunstgeschichte im Schnelldurchlauf? Die Kunsthalle Emden bietet den Zeitraffer mit der Ausstellung „Zeitreise“.

Was haben sittsam gekleidete Damen mit achtlos hingeknüllten Pullovern zu tun? Etwa so viel wie Gemälde der Kandinsky-Gefährtin Gabriele Münter und des Gegenwartskünstlers Cornelius Völker. Beide Gemälde trennen satte 110 Jahre – und in der Kunsthalle Emden 200 weitere Bilder. Münters „Promenade“ von 1904 und Völkers „Kleidung“ von 2014 bilden Start- und Zielpunkt der Ausstellung „Zeitreise“. Das Museum in Meeresnähe hat seinen Kernbestand nach Jahreszahlen aufgereiht. Eine simple Sache? Nein, eher ein Stresstest für die Kollektion. (Hier weiterlesen: 25 Jahre Kunsthalle Emden) .

Unterschiede eingeebnet

Warum? Weil die Reihe der Jahreszahlen unerbittlich fordert. Sie will gefüllt werden, duldet keine Fehlstellen. Sie lässt keine thematischen Gruppen zu, ebnet den Unterschied zwischen Meisterwerk und Depotbild radikal ein. Die Reihe geht einfach weiter, Jahr für Jahr, Bild für Bild. Mit dieser eisernen Regel krempelt Kuratorin Katharina Henkel die Hauskollektion auf links. Natürlich zeigt auch sie die Ikonen des von „Stern“-Macher Henri Nannen gegründeten Museums, Heiner Altmeppens „Norddeutsche Landschaft“ etwa, Max Beckmanns „Quappi auf Rosa und Violett“, Karl Schmidt-Rottluffs „Zwei Freundinnen“ und, natürlich, Franz Marcs „Blaue Fohlen“, das Signet des Hauses. Aber der rabiate Takt der Jahreszahlen lenkt den Blick in andere Richtungen – hin zu unerwarteten Bilderdialogen, zu sonst kaum beachteten Malern. Vor allem deckt er auf, was sonst gern kaschiert wird: Lücken und Fehlstellen der Sammlung. (Hier weiterlesen: Kunsthallen-Chefin Eske Nannen im Gespräch) .

Nicht die gewohnte Sommerausstellung

Kuratorin Henkel wiederholt deshalb mit der „Zeitreise“ nicht das gewohnte Format der aus eigenem Bestand bestückten Sommerausstellung, mit der die Kunsthalle vor allem das Ferienpublikum ansprechen möchte. Die Bilderreise auf dem Zeitpfeil zeigt die Moderne so, wie sie eigentlich war – als vielstimmiges, zuweilen disharmonisches Konzert der Stile, Themen und Handschriften. (Hier weiterlesen: Hitzefrei im Sommer? Museen und ihre Klimatechnik).

Wenig Kunst der Gegenwart

Daneben treten die Grenzen der Sammlung schmerzend scharf hervor. Die von Henri Nannen begründete Kollektion bezieht ihren Impuls aus der Expression von Brücke, Blauem Reiter, später dem Informel und der Malerei der Jungen Wilden um 1980. Das Raster der Jahreszahlen macht deutlich, wie wertvoll die Schenkung der Sammlung des Galeristen Otto van de Loo rückblickend wirklich ist. Ohne seine Bilder von Emil Schumacher, Pierre Alechinsky, Asger Jorn und Expressiven nach 1945 fehlte der Kunsthalle Emden die Brücke in die Gegenwart fast vollständig. Die „Zeitreise“ stellt den Wert der privaten Gabe noch einmal deutlich heraus. (Hier weiterlesen: Star der Moderne - Vor 75 Jahren starb Paul Klee).

Große Formate von Fetting und Baselitz

Auf der anderen Seite offenbart die Bilderreihe ihre Lücken in der zeitgenössischen Kunst. Sicher, es gibt Großformate von Georg Baselitz und Jörg Immendorff, richtig gute Bilder von Rainer Fetting oder eben Cornelius Völker. Aber das Konzept eines Malereimuseums trägt für die Gegenwart allein nicht mehr weiter. Foto, Objekt, Video oder Installation: Fast alles, was Gegenwartskunst ausmacht, fehlt im Eigenbestand. Der aufmerksame Beobachter mag darin einen Appell sehen, einen Appell an Ausstellungsmacher wie an potenzielle Stifter. Denn nur mit ihrem Einsatz wird es künftig möglich sein, mit der Sammlung auch die Kunsthalle selbst behutsam für zeitgenössische Kunst weiter zu öffnen. (Hier weiterlesen: Mit dem Selfie Stick zur Mona Lisa? Das sagen Museumsleute zum Selfie-Trend) .

Kritik an der eigenen Gegenwart

Allerdings bietet der Bestand auch jede Menge Qualität. Besonders auffällig jene Werke, mit denen Künstler auf Zeitereignisse kritisch reagieren, etwa Wolf Vostell („So leben wir Abend für Abend vor dem Fernsehschirm“, 1968) mit seiner Kritik am Vietnamkrieg, Jörg Immendorff mit seiner „Vorratskammer“ (1979), einem bitteren Kommentar auf den Stillstand des geteilten Deutschland¨, oder Lyonel Feininger mit seiner „Schwarzen Woge“ (1937), einer kaum verhüllten, bissigen Attacke auf das Dritte Reich. (Hier weiterlesen: Die Kunsthalle Emden unter Kostendruck) .

Da lohnt sich ein Besuch

Jahreszahlen zwingen in der Ausstellung zusammen, was künstlerisch eigentlich mit Macht auseinanderstrebt, so Otto Modersohns „Frühling“ und Josef Scharls „Brennende Sonne“. Das Landschaftsidyll und die düstere Prophetie sind beide 1933 entstanden. Schärfer lässt sich eine Reaktion auf bedrängende Gegenwart kaum scheiden. Allerdings lässt sich das Bilderdefilee auch einfach genießen. An noblen Bildern von Beckmann, Jawlensky, Pechstein, Modersohn-Becker, Emil Nolde, Franz Radziwill fehlt es ja nicht. Kunsthalle Emden – da lohnt sich ein Besuch: Mit diesem Slogan warb das Museum zu Henri Nannens Zeiten. Diese Ära des Aufbruchs mag lange vergangen sein. Das Werbemotto besitzt weiter seinen wahren Kern.

Emden, Kunsthalle: Zeitreise. Die Sammlung von 1904 bis 2014. Bis 20. September. Info: www.kunsthalle-emden.de