Sommergeschichten der Kultur Statt Richard Wagner: Die Eremitage in Bayreuth

Von Ralf Döring


Bayreuth. In unserer Serie „Sommergeschichten der Kultur“ stellen wir faszinierende Orte vor, an denen sich während der Sommermonate Kultur auf ganz besondere Weise erfahren und genießen lässt. Heute geht es um einen Ort, an dem sich schon die Markgrafen von Bayreuth vor dem Getriebe des höfischen Lebens erholten: die Eremitage.

Tock tock tock tock tock. Pause. Tock tock tock tock tock. Pause. Kopfüber klopft ein emsiger Specht eine Buche nach Nahrung ab und legt eine perkussive Spur über das sanfte Rauschen des Windes im Laub. Dreißig Meter wachsen die Bäume hier in den Himmel; sie haben dazu ja auch zwei-, dreihundert Jahre Zeit. Womöglich hat schon Jean Paul  auf seinen Spaziergängen hier durch die Eremitage Inspiration gesucht: Der Schriftsteller aus Wunsiedel liebte seine Spaziergänge, und er liebte dieses Kleinod vor den Toren Bayreuths. „Heb alles auf, bis wir im warmen Schoß Abrahams sitzen, in der Eremitage; welches nach Fantasie der zweite Himmel um Bayreuth ist, denn Fantasie ist der erste, und die ganze Gegend der dritte“, dichtete er im „Siebenkäs“.

Eine Form der Weltflucht

Das andere Bayreuth, das schwere, mitunter zerstrittene, das bis zum Bersten mit deutscher Mythologie aufgeladene Bayreuth Richard Wagners  ist hier weit weg. Zwar sind es nur fünf Kilometer Luftlinie bis zum Festspielhaus, das sind zehn Minuten mit dem Auto oder eine Stunde zu Fuß. Doch spirituell ist die Distanz größer. Da steht die Eremitage für eine andere Form der Weltflucht. Das war ihr Zweck von Anfang an.

Markgraf Georg Wilhelm hat sich die weitläufige Anlage vor rund 300 Jahren eingerichtet. Pfade und Arkaden führen wie Adern zum Herzen des 45 Quadratkilometer große Geländes: dem Schloss, das der Markgraf hier errichten ließ, um sommers gelegentlich dem harten politischen Tagesgeschäft zu entfliehen. Dann lud er Besuch und Hofstaat ein, den Luxus des feudalen Lebens gegen das schlichte Dasein religiöser Eremiten einzutauschen, freilich nur im Spiel. Daher rührt aber der Name der Anlage.

Ungewohnte Demut

Um seine Gäste auf ihre Klausur vorzubereiten, hatte sich der Markgraf einiges einfallen lassen. Zum Beispiel das Eingangszeremoniell: Statt über ein repräsentatives Portal führte der Weg ins Schloss durch eine kleine Kellertür. Das zwang die höfischen Besucher von Anfang an in eine gebückte, für viele vermutlich ungewohnt demütige Haltung, war aber nur der erste Schritt. Denn dem Eingang folgte die rituelle Reinigung in einer prachtvoll mit Muscheln und Glasstein verzierten Grotte. Darin versteckt sind 200 Düsen für Wasserspiele, deren Pracht der Markgraf von einem Balkon aus genießen konnte, während die Besucher bis auf die Haut nass gespritzt wurden. Eine Art ritueller Reinigung.

Ein paar Jahre später wird aus der Eremiten-Klause ein Rokoko-Kleinod. Denn Markgraf Friedrich, der Nachfolger Georg Wilhelms, schenkt die Eremitage seiner Gattin, der Markgräfin Wilhelmine, ein wahrhaft fürstliches Geschenk.

Die bauwütige Markgräfin

Vermutlich ist Wilhelme die einzige Figur, die sich in Bayreuth und Umgebung ähnlich nachhaltig verewigt hat wie Richard Wagner. Das war ihre Form, sich mit der fränkischen Provinz zu arrangieren, denn die Königliche Hoheit fühlte sich hier nur mäßig wohl. Mit Malerei und Musik hielt sie sich bei Laune, sie schrieb ihre Memoiren – und sie baute. Opernhaus , Neues Schloss im Stadtzentrum, etliche Schlösschen und eben die Eremitage als barocker Ziergarten: All das geht auf die Schwester von Friedrich II. zurück.

Das Schloss gestaltete sie nach ihren Vorstellungen um: mit allegorischen Deckenfresken voller Selbstbezüge, einem Ballsaal, einem Spiegel- und einem japanischen Kabinett. Sie ließ ein Ruinentheater bauen, das heute noch für Freiluft-Theater genutzt wird; in diesem Sommer steht „Im Namen der Rose“ auf dem Programm. Hinter dem Schloss ergießt sich eine Kaskade bis hinunter zum Roten Main, außerdem ließ sie ein weiteres Schloss errichten; seither verfügt die Eremitage über ein Altes und ein Neues Schloss. Zwei Arkadentrakte umschließen hier ein ovales Wasserbecken und lenken den Blick auf den Sonnentempel mit krönender Quadriga im Zentrum: Apoll lenkt darin den Sonnenwagen über die Welt, die sich unter ihm ausbreitet. Ein feudaler Traum aus Kristall, Büsten in Blattgold und den unvermeidlichen Wasserspielen.

An künstlichen Seen und einer „Drachenhöhle“ vorbei führt der Weg zur unteren Grotte. Ruhe herrscht auf den schattigen Wegen, ein Pärchen sitzt auf einer Bank und diskutiert die nächste Documenta, in einer der vielen Arkaden um die Grotte hat ein Mann ein kleines Büffet aufgebaut: Ein einheimischer Politiker führt Gäste durch die Eremitage und nimmt hier einen Imbiss, bevor es zum Ruinentheater, zum „Namen der Rose“ geht. Selbst in Bayreuth muss sich nicht alles um Richard Wagner drehen.