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Musikalisch hervorragend Jubel für „Tristan“: Bayreuther Festspiele 2015 eröffnet


Viel Jubel für Christian Thielemann und für Katharina Wagner: Das Premierenpublikum mochte „Tristan und Isolde“ bei den Bayreuther Festspielen 2015.

Christian Thielemann wartet nicht gern. Deshalb bahnt sich das schmachtende Eingangsthema des „Tristan“-Vorspiels seinen Weg durch das Rascheln und Rumpeln der Premierengäste, die sich auf den Stühlen im Bayreuther Festspielhaus zurechtruckeln. Noch schlimmer im zweiten Akt: Da drängen ein paar Menschen durch die engen Stuhlreihen, während unten im Graben schon die stürmische Ungeduld eines todgeweihten Liebespaares tobt.

Macht der Musik

Die Unruhe legt sich allerdings schnell. Denn Thielemann  erzeugt einen Sog, der die Aufmerksamkeit auf die Musik zieht. Sehnen und Stürmen, Tod und Verrat, Liebe und Zorn: Die Palette der Emotionen findet sich in Thielemanns Dirigat wieder; er zeichnet große Bögen, lässt die Musik anschwellen, innehalten, Luft holen und auf die nächste Klimax zustreben – ja: Er erschließt die sinnliche, erotische und todessüchtige Dimension dieser Musik.

Gleichzeitig schafft er seinem Sängerensemble eine verlässliche Umgebung. Stephen Gould singt den Tristan mit dunklem Glanz in der Stimme und einer Kraft, die ihn auch durch den Wahn und den Todeskampf des dritten Aktes trägt. Ihm ebenbürtig ist  Evelyn Herlitzius , wenngleich die in Osnabrück geborene Sängerin keine ideale Isolde ist: Dafür mangelt es ihrem Sopran an Zartheit. Umso besser aber realisiert sie im ersten Akt den Furor, den Zorn der irischen Königin Isolde. Christa Mayer ist eine wunderbare Brangäne, Iain Paterson ein feiner Kurwenal. Georg Zeppenfeld  schließlich begeistert als König Marke mit seinem noblen Bass.  Sie alle aber dürfen sich auf ihren Dirigenten verlassen, und wenn es überhaupt noch einen Beweis für Thielemanns Qualifikation als Musikalischer Direktor der Bayreuther Festspiele gebraucht hat: Mit  „Tristan und Isolde“ erbringt er ihn.

Auf Eschers Treppen

Und Katharina Wagner? Eine gelungene Inszenierung würde sich sicher gut in der Bewerbungsmappe um die Leitung der Festspiele machen. Den Zusammenhang zwischen ihrer Zukunft als Chefin und ihrer Inszenierung wollte sie allerdings im Vorfeld nicht herstellen. Schaden kann dieser „Tristan“ aber nicht, auch wenn er nicht ganz aufgeht.

Für den ersten Akt haben die Ausstatter Frank Philipp Schlößmann und Matthias Lippert ein Treppengewirr wie von dem M.C. Escher geschaffen. Darin drückt sich   trefflich die Ausweglosigkeit der wahnhaften Liebesutopie aus, in die sich Tristan und Isolde verstrickt haben. Denn so magnetisch, wie beide sich anziehen, wird klar: Der „Handlung in drei Aufzügen“ ging ein intensives Vorspiel voraus. Da braucht es keine Zaubertränke mehr; die beiden schütten das Gebräu auf den Boden. Der zweite Akt verzerrt dann die Geschichte Richard Wagners stark, verkehrt sie fast ins Gegenteil. König Marke ist kein gütiger Herrscher, sondern Boss eines mafiosen Syndikats im senfgelben Mantel mit Pelzbeschlag (Kostüme Thomas Kaiser). Das Liebespaar, Brangäne und Kurwenal werden in einen Gefängnishof geworfen, in dem sich die Escher’sche Unentrinnbarkeit des ersten Aktes in realen Mauern manifestiert. Haken an der Wand pulverisieren sich, Gitter fahren aus der Wand, oben stehen Wärter und durchschneiden die Nacht mit Suchscheinwerfern. Hier feiert das Titelpaar seine Liebesnacht – statt in dunkler Einsamkeit unter ständiger Beobachtung, auch König Markes.

Doch so sehr Sand im Getriebe der Dramaturgie knirscht: Raum für traumhafte Bilder bleibt trotzdem. Zu „O sink hernieder, Nacht der Liebe“ entrückt und vereint eine Videoprojektion das Liebespaar von der Welt. Da kehrt Katharina Wagner zu Richard zurück und spannt den Bogen zum dritten Akt – der ihr wirklich gelungen ist.

Wielands Geist

Auf dunkler Bühne vollführt Stephen Gould den Todeswahn und -kampf des Tristan. In hell leuchtenden Pyramiden taucht Isolde auf: Traumgebilde des Todeswahns. Diese  reduzierte Bühnensprache könnte glatt dem Geist des Onkels Wieland entsprungen sein – eine Versöhnungsgeste in Richtung der Cousine Nike oder eine Provokation? Für die Pointe bürstet Katharina jedenfalls noch einmal mit der Drahtbürste gegen den Strich: Statt die niedergesunkene Isolde zu segnen, zerrt König Marke sie hinaus, einem sicher unschönen Schicksal entgegen.

Das ist plausibel und führt sogar die aufgepfropften Ideen des zweiten Aufzugs zu Ende. Dazu die formidable Musik, die Christian Thielemann mit dem Bayreuther Festspielorchester realisiert hat: Damit ist das Premierenpublikum höchst einverstanden und spendet der Regisseurin und Festspielleiterin begeistert Applaus. Vielleicht haben die meisten sie aber auch gar nicht bemerkt, wie sie mit ihrem Team inmitten der Statisten stand.


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