Folge 3: Stadtraum „Konkret mehr Raum“: Die Ausstellung im Qualitätscheck

Von Dr. Stefan Lüddemann


Osnabrück. „Konkret mehr Raum“ zeigt Werke von 20 Künstlern. Wie gut sind ihre Kunstwerke? Hier das Votum von „Herausragend“ bis „Fragwürdig“. Folge 3: Stadtraum.

„Konkret mehr Raum“: Der Ausstellungstitel formuliert ein Versprechen. Die 18 Werke von 20 Künstlerinnen und Künstlern sollen vorführen, wie Kunst konkrete Räume neu definieren, aber vor allem auch abstrakte Denk- und Vorstellungsräume eröffnen kann. Kunst verändert Wirklichkeit - als Medium für Erfahrungsalternativen. Diese Philosophie steuert das Kunstprojekt „Konkret mehr Raum“. Welche Ausstellungsbeiträge lösen diesen Anspruch ein und welche eher nicht? Wir besuchen die drei Ausstellungsbereiche Kunsthalle Osnabrück, Felix-Nussbaum-Haus/Kulturgeschichtliches Museum und den Stadtraum. Hier der kritische Blick auf drei ausgewählte Werke im Osnabrücker Stadtraum - gern als Anregung zum Mit- und Weiterdiskutieren. (Hier weiterlesen: Alle Infos zu „Konkret mehr Raum“).

Herausragend: Michael Johanssons „Public Square“

Radfahrer haben geschimpft, Passanten den Kopf geschüttelt, Facebook-Kritiker geschäumt: Kaum eine andere Arbeit der Ausstellung hat im Vorfeld so viel Unmut auf sich gezogen wie „Public Square“. Kein Wunder: Keine andere als die Installation von Michael Johansson ist auch derartig exponiert. Der schwedische Künstler hat das Heger Tor mit einer Installation aus Möbeln und Haushaltsgegenständen aller Art verengt. Aus dem Triumphbogen machte der Künstler eine enge Passage, aus dem Entree zur Altstadt einen Tunnel. Bravo! Mit seinem Werk rettet Johansson das Anliegen der ganzen Ausstellung fast im Alleingang. Denn an keiner anderen Stelle konnte eine Intervention der Kunst so schmerzen wie an dieser exponierten Passage. Johansson hat mit seinem Werk den Weg der Passanten verengt, den Radius ihrer Vorstellungen aber entscheidend geweitet. Er führt exemplarisch vor, wie Kunst der Partisan in der vertrauten Alltagswirklichkeit sein kann. Obendrein beeindruckt das Werk mit der Perfektion seiner Ausführung. Johansson hat Möbel, Bücher, Decken, Spüle, Spind und Tischtennisplatte zu einer verblüffend genau kalkulierten Bildwirkung gefügt. „Public Square“ wird sich mit dieser Qualität in das Gedächtnis prägen. Mit diesem Werk avanciert die ganze Schau zur bleibenden Erinnerung.

(Hier weiterlesen: „Konkret mehr Raum“ - die Ausstellungskritik).

Licht und Schatten: Pedro Cabrita Reis´ „The Gildewart Line“

,Er ist der gewichtigste Name auf der Künstlerliste von „Konkret mehr Raum“ - der Portugiese Pedro Cabrita Reis. Die Teilnahme des Documenta- und Biennale-Teilnehmers ziert die Ausstellung. Und das darf wörtlich verstanden werden. Denn die Linie aus LED-Leuchtstoffröhren, die Reis an der Fassade der Dominikanerkirche angebracht hat, versieht die Kunsthalle mit einem leuchtenden Kunstwerk, das alle Qualitäten besitzt, zu einem neuen Signet des Ausstellungshauses zu werden. Mit feinem Blick hat sich der Künstler auf die Eigenheiten der Architektur eingelassen und als mehr oder weniger einziger Künstler der Präsentation dezidiert mit dem Erbe des Osnabrücker Konstruktivisten Friedrich Vordemberge-Gildewart (1899-1962) beschäftigt. So viel Sorgfalt ehrt den prominenten Künstler, ebenso wie der Respekt für lokale Konstellationen. Auch der Purismus der weiß leuchtenden Linie besticht. Allerdings setzt sie als Bezug zur Konkreten Kunst auch das minimalste Signal: Linie und rechter Winkel - viel weniger dürfte es auch kaum sein, um einen Verweis auf die Geometrie der Vertreter der Konkreten Kunst herzustellen. Die hatten ihre Werke ohnehin als absolute Gefüge konstruiert, die einer Anlehnung an Gegebenheiten einer vorgefundenen Situation nicht bedürfen. Nicht nur das trennt sie von der Installation von Pedro Cabrita Reis.

(Hier weiterlesen: „Konkret mehr Raum“ im Qualitätscheck - Folge 1) .

Fragwürdig: Rüdiger Stankos „Die Farbe der Zukunft Osnabrücks“

Dürfte es noch mehr Blau sein? Oder ein wenig weniger Gelb? Und warum ist der weiße Streifen so schmal? Das klingt nicht nur beliebig, Rüdiger Stankos, mit Farbstreifen versehene Säule ist es auch. Vor Gestaltung der Säule hat der Künstler das Publikum in Kunsthalle und Felix-Nussbaum-Haus zwei Wochen lang abstimmen lassen. Die Besucher durften zwischen Farbvorschlägen wählen. Ihre Voten bestimmten die Auswahl der Streifen und die Breite der Streifen. Aber was sagt das heute noch? Nichts mehr. Die Farbsäule erscheint als Setzung der schönsten Beliebigkeit, als dekoratives Schaustück mitten im Verkehrsstrom. Diese Säule liefert das Musterbeispiel für eine Kunst, die nur mit ihrer Konzeptbeschreibung ein wenig Sinn gewinnt - und der zugleich unglaubliche Deutungslasten aufgebürdet werden. Laut Werkbeschreibung der Kuratorinnen soll es bei dieser Arbeit um nicht weniger als Partizipation und Basisdemokratie gehen. Und um die Zukunft des Stadtraumes ohnehin. Rüdiger Stankos Säule ist nicht stabil genug, um diesen ganzen Interpretationsballast tragen zu können. Werk und Deutung treten bestürzend weit auseinander. Und das ist ein klarer Hinweis auf mangelnde Qualität.

(Hier weiterlesen: Die Podiumsdiskussion zu „Konkret mehr Raum“).

(Hier weiterlesen: „Konkret mehr Raum“ im Qualitätscheck - Folge 2)

„Konkret mehr Raum“: Alles zum Kunstprojekt auf www.noz.de/kunsthalle