Spurensuche auf dem Monte Verità Eduard von der Heydt: Sammlertycoon und Lebensreformer

Von Dr. Stefan Lüddemann


Ascona. Er war Sammlertycoon der Moderne - Eduard von der Heydt. Wer seinen Spuren folgt, landet bei der Aussteigerkommune Monte Verità in Ascona. Ein Widerspruch?

Zürich/Ascona. Auf dem Traum vom befreiten Naturleben liegt zentimeterdick der Staub. Holzwände, Panoramafenster, abgerundete Ecken, Sonnenterrasse – die Casa Anatta auf dem Monte Verità im schweizerischen Ascona (großes Bild: Copyright: imago/Joana Kruse) war einmal die Vorzeigevilla eines alternativen Lebens auf luxuriösem Niveau. Der Bankier Eduard von der Heydt (1882–1964) begann hier seine Tage mit Meditation, genoss dann den Champagner am Pool. Im Haus lebte er mit einem Teil seiner Kunstschätze, Gemälden der Avantgarde, Holzplastiken aus dem Kongo. Den Monte Verità, seit seiner Gründung im Jahr 1900 Europas Eldorado der Lebensreformer, Aussteiger und Sinnsucher, hatte von der Heydt 1926 kurzerhand gekauft. (Hier weiterlesen: Wie in Wuppertal eine Impressionistenausstellung entsteht) .

Wer sich heute in der Casa Anatta umsieht, durchstreift eine Welt des Zwielichts hinter geschlossenen Jalousien. Der Putz bröckelt, aus Wänden starren blanke Nägel, die engen Stiegen sind mit Vorsicht zu betreten. Ein gewaltiges Hangardach schützt das morsche Gebäude vor Wind und Wetter. Die Casa wird aufwendig renoviert. Auf dem ganzen Monte Verità läuft ein mehrere Millionen Schweizer Franken teures Renovierungsprogramm. Seit 1989 betreibt eine Stiftung hier den Tagungsbetrieb der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich. Zuvor zog der Berg über Jahrzehnte Aussteiger an – und Geistesgrößen von Literaturnobelpreisträger Hermann Hesse bis Anarchist Michail Bakunin, von Ausdruckstänzer Rudolf von Laban bis eben dem Bankier und Kunstsammler Eduard von der Heydt. (Hier weiterlesen: Was macht eine Kunstsammlung wertvoll?) .

Person mit vielen Facetten

Gerhard Finckh, Direktor des Wuppertaler Von-derHeydt-Museums, beschreibt den Kunstmäzen als Person mit vielen Facetten und untertreibt dabei noch höflich. Finckh stellt den Sammler von der Heydt ab dem 29. September in seinem Museum aus. Museumsdirektor Gerhard Finckh schwebt dabei mehr vor als eine klassische Bilderschau. Er will die originalen Sammlungsräume von der Heydts rekonstruieren, will dabei den Picasso neben der Plastik aus Afrika, das Cézanne-Bild neben dem steinernen Buddha aus China zeigen. „Dieser Sammler vertrat die Idee der Ars una, der Weltkunst“, erläutert Finckh. Eduard von der Heydt – ein Missionar der Kunst als Therapeutikum für die Zerrissenheiten einer Epoche zwischen Reformaufbruch und Weltkriegsdesaster? Von der Heydts Lebenszeit reicht immerhin vom Kaiserreich bis in die Bundesrepublik, vom Kavalleristen des Ersten Weltkriegs bis hin zum Kunstmäzen, der seiner Heimatstadt Wuppertal ab 1952 Bilder von Pablo Picasso, Paula Modersohn-Becker, Paul Cézanne, László Moholy-Nagy und vielen weiteren Stars der Avantgarde stiftet. Das Museum wird 1961 in Von-der-Heydt-Museum umbenannt – eine Geste der Dankbarkeit, die bis heute für Kontroversen sorgt. Denn der steinreiche Kunstsammler war 1933 sogleich in die NSDAP eingetreten, hatte später über seine Konten Zahlungen abgewickelt, mit denen die Nazis Spione im Ausland honorierten. (Hier weiterlesen: Der Skandal um den Kunstsammler Achenbach).

Leben in der Reformkommune

Wie passt das zu einem von der Heydt, der auf dem Monte Verità in Shorts wie ein Lebensreformer auftrat, jüdischen Galeristen wie dem von den Nazis verfolgten Alfred Flechtheim die Treue hielt? Wie konnte es sein, dass der Bankier und Sammler in ein und demselben Jahr 1926 das Aussteiger-Paradies Monte Verità kaufte und in den stramm nationalistischen Frontkämpferbund „Der Stahlhelm“ eintrat? Wer die Kunstschätze des Mäzens ausstellt, der präsentiert unweigerlich auch eine Person, die in ihrer Lebensgeschichte alle Widersprüche der Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts wie in einem Brennspiegel vereint. Bis heute wird vor allem immer wieder die Frage gestellt, inwieweit Eduard von der Heydt als zeitweiser Gefolgsmann der Nazis heute noch Namensgeber eines Museums und eines Kulturpreises sein kann. Eine Historikergruppe um Eberhard Illner hat die Person von der Heydts bereits intensiv durchleuchtet. Im Dritten Reich war er Mitläufer, kein Täter, so das bisherige Fazit. Im Herbst folgt parallel ein weiteres Symposion, bei dem die Person Eduard von der Heydts kritisch diskutiert werden soll. (Hier weiterlesen: Warum ist Kunst so teuer?) .

Konflikt des Bürgertums

Aber repräsentiert der weltgewandte Bankier aus dem Bergischen Land nicht alle Widersprüche eines Großbürgertums, das auf Tradition Wert legte und dennoch zukunftsversessen war? Das mit dem alternativen Leben kokettierte und dennoch niemals von Geld und Privilegien gelassen hat? „Mit Eduard von der Heydt hat das Geld auf dem Monte Verità Einzug gehalten“, kritisiert Documenta-Kurator Harald Szeemann (1933–2005) das Wirken des Bankiers. Szeemann, Kurator der legendären Documenta 5 von 1972, entdeckt den Monte Verità, den Berg der Wahrheit, in den Siebzigern wieder und installiert 1978 eine Kunstausstellung in der Casa Anatta, von der Heydts ehemaligem Refugium. Szeemann ist es auch, der Elisar von Kupffers Wandbild „Klarwelt der Seligen“, eine kitschige Erlösungsfantasie, auf den Monte bringt und in einer ehemaligen Liegehalle präsentiert. (Hier weiterlesen: Paul Durand-Ruel, Kunsthändler der Impressionisten) .

Auch die alternative Lebensreform braucht ihre Ressourcen. Über diesem Widerspruch zerstreiten sich schon Monte-Verità-Gründer und -Adepten wie Henri Oedenkoven und Gusto Graeser, Vorkämpfer einer ganzen „Gesellschaft von Naturverehrern in malerisch exotischen Kostümen und Sandalen“, wie Hermann Hesse 1911 nach seinem Monte-Verità-Erlebnis süffisant in seiner Erzählung „Der Weltverbesserer“ schreibt. Eduard von der Heydt findet es ganz selbstverständlich, mit Blick auf den Lago Maggiore der Freikörperkultur zu huldigen und gleichzeitig Dienstboten in Anspruch zu nehmen. Mit ihren gerundeten Formen folgt die Casa Anatta den Reformideen der Anthroposophen. Und mit Kammern und engen Treppchen hält sie Räume und Wege für das Personal bereit. Das Paradies der lebensreformerischen Sonnenanbeter kennt seine gut versteckten, aber genau markierten Klassenunterschiede. (Hier weiterlesen: Camille Pissarro - der Maler im Hotel).

Villa mit Dienstboten

Nicht ohne Grund lockt ja auch die Malerin Marianne von Werefkin den nach außen hin reservierten Bankier auf den Berg bei Ascona. Sein Geld stabilisiert die kriselnde Kommune. Von der Heydt gibt dem Monte prompt sein bis heute präsentes Gesicht – mit dem von Emil Fahrenkamp 1929 im eleganten Bauhaus-Stil errichteten Kur- und Tagungshotel. Zur gleichen Zeit operiert der Kunstsammler Von der Heydt im Zenit seines Einflusses. Als Präsident des Freundeskreises der Berliner Nationalgalerie und Mitglied der Ankaufskommission dieses führenden Hauses lenkt Eduard von der Heydt die Wege der großen Museumspolitik mit. Vor allem verhilft er der Moderne zum Durchbruch. Er kauft Kunst in großem Stil, beschickt internationale Ausstellungen als Leihgeber, beschäftigt selbst mit Karl With einen Museumsfachmann, der die in die Tausende Exponate gehende Von-der-Heydt-Sammlung katalogisiert. Eduard von der Heydt – sein Urgroßvater war immerhin preußischer Finanzminister – übernimmt 1922 gemeinsam mit seinem Bruder August die Kunstsammlung der Eltern, eine Kollektion mit Werken von den alten Niederländern bis zu den Impressionisten. Der stets übervorsichtige Sammler unterhält Deposita mit insgesamt 2500 Kunstobjekten in 69 internationalen Museen. Zeit seines Lebens treibt ihn die Angst vor den Launen der Machthaber um. 1943 wird die Furcht traumatisierende Wirklichkeit: Das Wuppertaler Stammhaus der Familie geht im Bombenhagel unter, unersetzliche Kunstschätze mit ihm. (Hier weiterlesen: Nussbaums „Selbstbildnis mit Judenpaß“ - ein Jahrhundertbild) .

Angst um Kunstschätze

Eduard von der Heydts Kunstschätze haben dieses Schicksal nicht geteilt – zum Glück für die Kunstwelt. Seine europäische Kunst bildet das Rückgrat der Kollektion des Wuppertaler Von-der-Heydt-Museums, das Leihgaben aus den Ankäufen seines Stifters in internationale Ausstellungen verleiht. Rund 2500 Exponate der asiatischen und afrikanischen Kunst gehören heute zum Bestand des Rietberg-Museums in Zürich. Dieses Haus in der ehemaligen Villa der Richard-Wagner-Mäzene Otto und Mathilde Wesendonck hat erst 2007 einen Erweiterungsbau erhalten. In zwei Souterrain-Etagen werden Eduard von der Heydts kostbare Buddha-Steine oder afrikanische Holzmasken in makellos schönen Museumsräumen erlesen präsentiert. Viele dieser Objekte gehen nach Wuppertal, um dort für die Ausstellung „Weltkunst“ erneut die Symbiose mit den Gemälden der europäischen Avantgarde einzugehen. (Hier weiterlesen: Japans Ästhetik und die Moderne).

Kritik an der Zivilisation

„War nicht ringsum alles faul und verdorben […] Unsere Häuser, Möbel und Kleider geschmacklos, […] unsere Geselligkeit hohl und eitel?“: Diese Abrechnung mit der bürgerlichen Welt, hier von Hermann Hesse vor über hundert Jahren in „Der Weltverbesserer“ formuliert, treibt seinerzeit auch Eduard von der Heydt an. Sie macht den distanzierten Bankier zum Partisanen der Lebensreform, lässt ihn zeitweise den steifen Geschäftsanzug gegen den Sandalenlook tauschen. Wie andere Sammler auch, etwa Karl Ernst Osthaus, der Gründer des Essener Museums Folkwang, strebt der Eduard von der Heydt mit seiner weltumspannenden Kunstkollektion einer Idee der Schönheit nach, die die Widersprüche der bürgerlichen Erwerbsgesellschaft heilen soll. In der renovierten Casa Anatta auf dem Monte Verità wird diese Vorstellung demnächst ebenso neu erstrahlen wie im Wuppertaler Von-der-Heydt-Museum im Zeichen der „Weltkunst“. Eduard von der Heydts Botschaft wirkt weiter. Das seltsam diffuse Bild, das er als Liebhaber des Schönen wie als, wenn auch kurzfristiges NSDAP-Mitglied gegeben hat, allerdings auch.

Info: http://vdh.netgate1.net/


Eduard von der Heydt: Die Ausstellung in Wuppertal

Weltkunst. Von Buddha bis Picasso. Die Sammlung Eduard von der Heydt“: Unter diesem Titel präsentiert das Wuppertaler Von-derHeydt-Museum vom 29. September 2015 bis zum 28. Februar 2016 die bislang größte Ausstellung mit Kunstgegenständen der Sammlung Eduard von der Heydts. Der 1964 verstorbene Bankier gehört zu den wichtigsten Kunstsammlern des 20. Jahrhunderts. Seine Kollektion umfasst europäische Kunst der Moderne mit Meisterwerken von Paul Cézanne bis Pablo Picasso und zudem Tausende Kunstgegenstände aus den Kulturen Afrikas und Asiens. Von der Heydt wurde dabei von der Idee der „ars una“, einer weltumspannenden Vorstellung der Schönheit, angetrieben. Der Wuppertaler Museumsdirektor Gerhard Finckh (rechts, hier mit Albert Lutz, Direktor des Rietberg-Museums Zürich, Foto: Marion Meyer) will Von der Heydts originale Räume rekonstruieren.

Eduard von der Heydt und der Monte Verità

Der Urgroßvater August von der Heydt (1801–1874) ist preußischer Finanzminister. In seiner Berliner Villa residiert heute die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die – natürlich – an der Von-der-Heydt-Straße liegt. Der Vater August von der Heydt (1851–1929) ist vermögender Bankier und Stifter. Auf seine Initiative gehen in Wuppertal unter anderem der Bau des Stadttheaters und des Zoos zurück. Seine Kunstsammlung bildet den Grundstock der Kollektion des Von-der-Heydt-Museums. Sohn Eduard von der Heydt (1882–1964) verbringt sein Leben als vermögender Bankier, Diplomat und Kunstsammler in höchsten gesellschaftlichen Kreisen. Seine Kunstsammlung stiftet er dem Zürcher Rietberg-Museum und dem Von-derHeydt-Museum in Wuppertal. Mit seiner Kunststiftung wird das Kunstmuseum 1961 mit dem heutigen Namen versehen. Auch ein Kulturpreis wird nach Von der Heydt benannt. Die Mitgliedschaft des Mäzens in der NSDAP führt zu jahrelangen Kontroversen um diese Benennung.

Eduard von der Heydt verbringt lange Phasen seines Lebens auf dem Monte Verità in Ascona am Lago Maggiore. Dort wohnt er in der Casa Anatta, einer Villa, die er mit Teilen seiner Kunstsammlung ausstattet. Die schweizerische Stadt Ascona zieht über Jahrzehnte Sinnsucher und Lebensreformer an. Die im Jahr 1900 gegründete Künstlerkolonie auf dem Hügel in der Stadt Ascona wird zu einem wichtigen Impulsgeber für Alternativbewegungen aller Art im 20. Jahrhundert. Auf dem Monte Verità finden Anarchisten, Lebensreformer, Anthroposophen, Ausdruckstänzer und andere mehr einen Anlaufpunkt. Später werden auf dem „Berg der Wahrheit“ ein Sanatoriumsbetrieb und ein Tagungshotel installiert. Der „Monte“ ist heute eine Stiftung.