Folge 1: Kunsthalle Osnabrück „Konkret mehr Raum“: Die Ausstellung im Qualitätscheck

Von Dr. Stefan Lüddemann


Osnabrück. „Konkret mehr Raum“ zeigt Werke von 20 Künstlern. Wie gut sind ihre Kunstwerke? Hier das Votum von „Herausragend“ bis „Fragwürdig“. Folge 1: Kunsthalle Osnabrück.

„Konkret mehr Raum“: Der Ausstellungstitel formuliert ein Versprechen. Die 18 Werke von 20 Künstlerinnen und Künstlern sollen vorführen, wie Kunst konkrete Räume neu definieren, aber vor allem auch abstrakte Denk- und Vorstellungsräume eröffnen kann. Kunst verändert Wirklichkeit - als Medium für Erfahrungsalternativen. Diese Philosophie steuert das Kunstprojekt „Konkret mehr Raum“. Welche Ausstellungsbeiträge lösen diesen Anspruch ein und welche eher nicht? Wir besuchen die drei Ausstellungsbereiche Kunsthalle Osnabrück, Felix-Nussbaum-Haus/Kulturgeschichtliches Museum und den Stadtraum. Hier der kritische Blick auf drei ausgewählte Werke in der Kunsthalle - gern als Anregung zum Mit- und Weiterdiskutieren. (Hier weiterlesen: Alle Infos zu „Konkret mehr Raum“).

Herausragend: Susanne Tunns „Schwimmendes Raster“

Sie ist der Star der Ausstellung: Susanne Tunn. Die Bildhauerin, bis zum August 2014 noch im Landkreis Osnabrück ansässig, setzt mit ihrem „Schwimmenden Raster“ den Anspruch der Ausstellung mustergültig um. Ihr scheinbar einfacher Griff: Gemeinsam mit mehreren Helfen hat sie die Fugen der Bodenplatten im Kirchenschiff der Kunsthalle Osnabrück mit flüssigem Zinn ausgegossen. Eine Bodenplastik aus gegossenem Zinn hatte die Künstlerin schon 2009 zum Skulpturenprojekt „Colossal“ beigetragen. Jetzt hebt sie mit den geronnenen Metallbahnen hervor, was sonst keinen Blick wert scheint - die Struktur des Bodens der Kunsthalle. Mit flüssigem Zinn hat Susanne Tunn Bahnen auf den Boden gezeichnet, die nun im einfallenden Licht funkeln und schimmern. Diese Bodenplastik verändert den Raumeindruck entscheidend. Mit ihrem „Schwimmenden Raster“ antwortet die Bildhauerin auf den ganzen Kirchenraum. Ihr Ausstellungsbeitrag bringt die Philosophie von „Konkret mehr Raum“ auf den Punkt - als Raumkommentar und eigener Reflexionsraum. Perfekt auch die Symbiose mit der „Bank“ von Michael Beutler, dem an der Wand des Kirchenraums umlaufenden Möbelobjekt. (Hier weiterlesen: Susanne Tunn im Porträt).

Licht und Schatten: Baptiste Debombourgs „Distortion“

Dieser Raum im ehemaligen Kreuzgang des Dominikanerklosters kann in der Kunsthalle Osnabrück so ziemlich alles sein - Ausstellungsort, Schauplatz von Podiumsgesprächen, Arbeitsraum für Planungsrunden oder Pressekonferenzen. Im Kontext von „Konkret mehr Raum“ gibt es nun Kunst zu sehen. Oder nicht doch eher zu spüren? Baptiste Debombourgs „Distortion: a geometric aberration“ überfällt den Besucher wie ein Partisan der Kunst. Denn der spürt dieses Werk, bevor er es wirklich sieht. Mit eingebauten Raumelementen lässt der Künstler den ganzen Raum mehr und mehr zur Seite kippen, biegt den ganzen Raumkubus gleichsam zur Seite weg. Der in Lyon und Paris ausgebildete Objekt- und Raumkünstler versetzt den Besucher in einen leichten Schwindel, allerdings mit heilsamer Intention. Denn inmitten des geneigten Raumes erfährt sich der Mensch als aufrechtes Wesen neu. Lohnt das allerdings den erheblichen installativen Aufwand? Die Frage ist erlaubt. Denn so beeindruckend Debombourgs Installation zunächst auch sein mag, ihr Effekt erschöpft sich schnell. Schon beim zweiten Hinsehen löst sich das Werk in seine Botschaft auf. Und die ist rasch abgehakt. (Hier weiterlesen: „Konkret mehr Raum“ - die Ausstellungskritik).

Fragwürdig: Vincent Ganivets „C.3.1.3.

Der Eindruck von Risiko und Gefahr soll von der Plastik ausgehen, die Vincent Ganivet im Innenhof der Kunsthalle aus grauen Betonsteinen aufgerichtet hat. Die Türen zum Innenhof sind sogar geschlossen. Besucher sollen dem Bogengebilde, das sich nur durch das Gewicht der Steine selbst im Gleichgewicht hält, nicht zu nahe kommen. Könnte es nicht sein, dass das am Computer berechnete Werk nicht plötzlich kollabiert? Die offiziellen Ausstellungstexte raunen gerade um dieses Werk eine Aura des Geheimnisses herbei. Zunächst einmal illustriert diese Konstruktion, was seit Jahrhunderten Meisterstücke der Baukunst ausmacht: die Konstruktion sich selbst tragender Gewölbe. Entsprechende Nachbauten illustrieren diese Konstruktionsweise - als handwerkliche Demonstration ohne Kunstanspruch. Das zweite Problem: Gerade in der unmittelbaren Nähe der Gewölbe der Dominikanerkirche wirkt Ganivets Werk unweigerlich brav illustrierend. Darin darf sich Kunst allerdings nicht erschöpfen. Was bleibt also von dem Werk mit dem kryptischen Titel „C.3.1.3.“? Auf diese Frage möge jeder Besucher auf seine Weise antworten. Dennoch: Skepsis ist angebracht, auch wenn Ganivets Werke gefragt sind, unter anderem an der Kunsthalle Karlsruhe.

(Hier weiterlesen: Die Podiumsdiskussion zu „Konkret mehr Raum“).

„Konkret mehr Raum“: Alles zum Kunstprojekt auf www.noz.de/kunsthalle