Kurt Vonneguts „Schlachthof 5“ Das Trauma der Luftangriffe auf Dresden 1945


Osnabrück. In einer Serie blicken wir auf Kunstwerke zurück, die das Kriegsende vor 70 Jahren thematisiert haben: Heute beschließen wir diese Reihe mit Kurt Vonneguts Roman „Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug“ aus dem Jahr 1969, der zur Pflichtlektüre für Vietnamkriegsgegner wurde.

Kurt Vonneguts (1922–2007) autobiografisch geprägter Roman „Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug“ gilt als einer der wichtigsten Antikriegsromane, mit dem wir unsere Serie zu Kunstwerke, die das Kriegsende vor 70 Jahren thematisiert haben, beschließen. Mit diesem Roman gelang dem amerikanischen Science-Fiction-Autor international der literarische Durchbruch.

Vonnegut hatte 20 Jahre gebraucht, um für das erlebte Grauen in jener Dresdner Bombennacht am 13. Februar 1945 Worte sowie eine passende Romanform zu finden. Auch von diesem Schreibprozess handelt das Buch. Der damals 23-jährige Infanterist der US-Army saß während der schweren Luftangriffe der Alliierten auf Dresden als deutscher Kriegsgefangener im Keller des titelgebenden Schlachthofs 5 in der Stadt. Er war bei der Bergung der Leichen aus den zerstörten Gebäuden dabei.

Als der Roman des Zeitzeugen dann 1969 in den USA erschien, wurde er zur willkommenen Lektüre für Gegner des anhaltenden Vietnamkrieges. Nicht nur, weil er darin von einem heiklen, düsteren Kapitel der US-Geschichte sarkastisch auf ein damals Gegenwärtiges verwies: „Und jeden Tag gibt mir meine Regierung die Zahl der Toten an, die durch die militärische Wissenschaft in Vietnam zustande gekommen sind. So geht das.“

Die lange Nachwirkung des Kriegstraumas der Überlebenden, das Vonnegut beschreibt, ist ein zeitlos gültiges. Es geht um den Irrsinn des Krieges, der im Roman den US-Veteran Billy Pilgrim in den Wahnsinn treibt.

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Die Form, die er schließlich für seinen Roman dann fand, war eine Absage an die konventionelle Erzählstruktur: Vonnegut sprengte sie geradezu, um die Wucht eines gefühlten Weltuntergangs – tiefe seelische Erschütterung durch das Durchlittene, die Zerrissenheit, die Ohnmacht und den Kontrollverlust – maximal greifbar und lesbar zu gestalten. Dazu nutzte er eine Collage aus verschiedenen Erzählebenen, schnellen Zeitsprüngen, Perspektivwechseln – und das alles immer wieder mit sarkastischer Gesellschaftskritik und aberwitzigen Science-Fiction-Elementen durchzogen.

„Hört: Billy Pilgrim hat sich von der Zeit losgelöst. Billy ist als seniler Witwer schlafen gegangen und an seinem Hochzeitstag erwacht.“ So beginnt der Roman im Roman des fiktiven Autors Yon Yonson über den „Pilger“. Nach einem Flugzeugunglück, das der Optiker und Veteran als Einziger überlebt, verliert er sein Zeitgefühl. Billy erzählt im Rundfunk davon, dass er, 1967 von Außerirdischen entführt, auf dem Planeten Tralfamdore landete und dort nackt in einem Zoo ausgestellt wurde. Seine Umwelt nebst Tochter hält ihn für verrückt. Das Zeitgefühl habe er erstmals im Dezember 1944 verloren – „lange vor seiner Reise nach Tralfamadore“. Damals zieht der junge Billy in den Zweiten Weltkrieg nicht als Soldat, sondern als „Helfer eines Geistlichen“. Er trifft auf den 18-jährigen US-Soldaten Roland Weary, der ihm mehrfach das Leben rettet, mehrfach verprügelt und letztlich bis in alle Ewigkeit verflucht.

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Billy wirkt im Kriegsgeschehen und unter seinen Kameraden wie ein Außerirdischer – wie aus der Zeit gefallen. Jemand, dem seine Seele in tausend Stückchen zersplittert, weil er das Erlebte nicht fassen kann, weil ständig etwas gegen jegliche Vernunft passiert. Je näher die Handlung der Dresdner Schreckensnacht kommt, umso häufiger flieht Billy in die Fantasie: Er „springt“ in eine andere Zeit, eine andere Episode seines Lebens, das nur noch in ungeordneten gedanklichen Bruchstücken existiert, oder ihn zieht es ganz weit weg ins Weltall.

Das lakonische „So geht das“, das Leitmotiv des Romans, wirkt wie ein kurzes Aufflackern einer unterdrückten Verzweiflung und Fassungslosigkeit über den gnadenlosen Lauf der Welt. In ihm klingt aber auch der Pessimist Kurt Vonnegut durch, der nicht glaubt, dass der Mensch aus den Fehlern seiner Kreuzzüge gegen sich selbst lernt. Und dieses bittere „So geht das“ hat bis heute überlebt.


Kurt Vonnegut: „Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug“. Roman. 208 S., Übersetzt von Kurt Wagenseil. Rowohlt Verlag, Taschenbuch. 8,99 Euro.

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