Kunsthalle zeigt eigene Sammlung „Enlight my Space“: Kunst ab 1990 in Bremen

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Bremen. Kunst als Bilanz der Zeit nach der Wende? In Bremen zeigt die Kunsthalle Werke zum Thema Zeitgeist. Titel der Schau: „Enlight my Space“.

Kunst als Bestandsaufnahme der Welt nach dem Mauerfall? In Bremen gelingt das Projekt mit Werken von Stars wie Olafur Eliasson oder Pipilotti Rist. Wichtiger als das Namedropping ist allerdings eine Inszenierung, die zielgenau thematische Dialoge stiftet und so hilft, Zeittendenzen einzukreisen. Notfalls passt die Welt auch auf ein Regalbrett. Pipilotti Rist hat sie so jedenfalls inszeniert, als Ensemble aus Globus, Lexikon und Modell des menschlichen Herzens. Das Videolicht dringt aus einem Miniaturberg, es bricht sich auf dem kreiselnden Plastikabguss einer Hirnschale. „Enlight my Space“, erleuchte meinen Raum, lautet der Titel dieser Installation wie der Ausstellung mit Kunst seit 1990 in der Bremer Kunsthalle.

Die 2008 erworbene Videoinstallation fasst, worum es in dieser großen Präsentation geht. Künstlerinnen und Künstler rekonstruieren noch einmal die ganze Welt und loten zugleich die Grenzen ihres wagemutigen Vorhabens aus. Schließlich operieren sie in der Zeit nach Mauerfall und Ende der großen Ideologien. Die realpolitische Welt hat ihre vertrauten Kartierungen eingebüßt, der Alltag seine prägenden Muster verloren. Was verspricht da noch Halt?

Um die Antwort auf diese Frage zu geben, haben die Kuratorinnen Eva Fischer-Hausdorf von der Kunsthalle und Matina Lohmüller von der Bremer Landesbank die Kollektionen des Museums und die des Kreditinstituts auf Zeit miteinander verzahnt. Das Vorhaben gelingt so perfekt, dass kaum eine Distanz zwischen den beiden Kollektionen zu spüren ist.

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Das Kreditinstitut fördert unter anderem Präsentationen der Kunsthalle, zuletzt die für konservative Bremer Geschmacksverhältnisse provokanten Installationen von Jason Rhoades. Die eigene Kollektion umfasst rund 600 Werke zeitgenössischer Kunst, die in den Geschäftsstellen in Bremen und Oldenburg Räume mit ihrer Aura erfüllen. Mit dieser Sammlung sei keine ökonomische Absicht verbunden, betont Matina Lohmüller im Hinblick auf die aktuellen Diskussionen über Kunstverkäufe. Die Kontroversen um die Kunstbestände von der ehemaligen WestLB bis zum WDR und deren Verkauf markieren das aktuell brisante Themenfeld.

In der Kunsthalle darf sich der Blick hingegen wieder auf die Kunst richten und dabei vor allem eine Kunst, die überraschend deutlich auf Probleme der Wahrnehmung abhebt. Auch wenn Katharina Sieverding mit ihrer Fotoarbeit „Deutschland wird deutscher“ schon 1992 auf das Wiedererstarken rechter Tendenzen abhebt – die meisten anderen Positionen führen Erlebnisse der Unschärfe vor und kehren damit die Zeitstimmung der Zeit nach der Wende viel plastischer hervor, als es jede Bekenntniskunst vermöchte.

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Ilya Kabakovs Installation „Metaphysischer Mensch“ (1989) führt Differenzen zwischen den Lebensgefühlen in Ost und West vor. Olafur Eliassons Farbraum „Room for One Colour and Windy Corner“ (1998) hingegen schafft mit intensiver Gelbstrahlung einen Raum der Erlebnisintensität – bei gleichzeitiger totaler Indifferenz. Wichtige Positionen bezeichnen die Gemälde von Peter Doig mit ihrem Wechselspiel zwischen Traum und surrealer Vision und das große Lackbild „Big Ben“ (2012) von Sarah Morris. Sie verwandelt die Kontur des berühmten Uhrturms in eine geometrische Konstruktion aus Farbflächen. Auch eine Form, Vertrautes zu verfremden.

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In diesem Kontext lohnt es einen Seitenblick, um die Bremer Ausstellung mit dem Kunstprojekt „Konkret mehr Raum“ in Osnabrück zu vergleichen. Den Aspekt des Raumes tragen beide Präsentationen im Titel, im Sinn einer Erweiterung des Blicks. In Bremen wird noch einmal deutlicher als in Osnabrück, wie intensiv zeitgenössische Künstler das Erbe der konkreten Kunst aufnehmen und dabei die Frage nach der Qualität von Wahrnehmung und der Möglichkeit stellen, sich zuverlässig in der Welt zu orientieren. Die große Synthese gelingt selten – und wenn, dann als Tischformat von Pipilotti Rist.

Zu den wichtigsten Vertretern der Konkreten Kunst gehört der Osnabrücker Friedrich Vordemberge-Gildewart. Lesen Sie hier Fragen und Fakten zu dem Künstler und der „VG-Initiative“.

Bremen, Kunsthalle: Enlight my Space. Kunst nach 1990. Bis 11. Oktober. Di., 10–21 Uhr, Mi.–So., 10–17 Uhr. www.kunsthalle-bremen.de


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