Kollwitz, Reylaender, Mammen Sommerausstellung: Worpswede zeigt drei Künstlerinnen

Von Dr. Stefan Lüddemann


Worpswede. Käthe Kollwitz, Ottilie Reylaender, Jeanne Mammen: Die Worpsweder Museen vereinigen drei starke Frauen der Kunst zu ihrer großen Sommerausstellung.

Über sieben Brücken mussten die drei Künstlerinnen vielleicht nicht gehen. Aber zwei schwarze Balken haben Käthe Kollwitz (1867-1945), Ottilie Reylaender (1882-1965) und Jeanne Mammen ( 1890-1976) auf jeden Fall überquert. Auf dem Boden des Entrees der Großen Kunstschau in Worpswede markieren die zwei Zonen der Düsternis die beiden Weltkriege. Darüber laufen als geschlängelte Bänder die Lebensläufe der drei Künstlerinnen im Design eines Mensch-ärgere-Dich-Nicht-Spiels. Ein Spiel waren diese Lebensläufe natürlich nicht. Sie weisen nicht nur die harten Karambolagen mit der Zeitgeschichte auf, sie handeln vor allem vom steinigen Weg gerade der Kunst schaffenden Frauen in die Moderne, von Problemen der künstlerischen Ausbildung und Anerkennung im Kunstbetrieb.

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Worpswede hat für die Große Sommerausstellung in der Großen Kunstschau, der Kunsthalle und dem Barkenhoff drei sehr unterschiedliche Künstlerinnen ausgewählt. Die Bildhauerin und Grafikerin Käthe Kollwitz mit ihren sozialen Anklagen, die Malerin Ottilie Reylaender mit Bildern aus der exotischen Welt Mexikos und die Berlinerin Jeanne Mammen mit ihren gesellschaftskritischen Szenen aus dem Milieu - diese drei fallen in Persönlichkeit und Werk zu unterschiedlich aus, um sich zu einer Bestandsaufnahme eines Jahrhunderts fügen zu können. In diesem Jahr ist die „Große Sommerausstellung“ Worpswedes in Wirklichkeit als Trias dreier sehr unterschiedlicher Einzelpräsentationen zu lesen.

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Das gilt auch für den Nachruhm der Künstlerinnen. Käthe Kollwitz muss niemand mehr vorstellen. Ihre Zyklen „Die Weber“ und „Der Krieg“ fügen sich zu wuchtigen Anklagen des Leids der Proletarier. Ihre Plastiken - in Worpswede ist unter anderem die massige Bronzeplastik „Die Klage“ (1938-40) zu sehen - haben die Qualität, unmittelbar als Ikonen des Leids die Bedrängnisse der Zeitgeschichte zu fassen. Zu den insgesamt rund 200 Exponaten der Verbundausstellung zählen 70 zur Präsentation von Kollwitz. Und dennoch ergibt sich nicht der Eindruck einer wirklichen Werküberschau. Dafür macht die Präsentation klar, dass die wuchtigen, im parteipolitischen Sinn eindeutigen Darstellungen der Künstlerin für ihre Wiedererkennbarkeit gesorgt haben. Käthe Kollwitz ist bis heute eine Marke. Ottilie Reylaender und Jeanne Mammen konnten das niemals werden. Ihre Lebenswerke weisen markante Brüche auf.

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Das gilt etwa für das Oeuvre von Ottilie Reylaender, der einzigen der drei Künstlerinnen, die in Worpswede gelebt und gearbeitet hat. Ihre „Zwei Freundinnen aus Bergedorf“ stehen für den Stil der Worpsweder Landschaftsmalerei. Zudem nehmen sie ein Motiv auf, dem sich auch Paula Modersohn-Becker immer wieder zugewandt hatte: Mädchen und junge Frauen im Übergang der Lebensalter. Ausführlich würdigen Kuratorin Katharina Groth und Reylaender-Enkelin Susanna Böhme-Netzel in der Kunsthalle die Bilder Reylaenders, die zwischen 1910 und 1927 in Mexiko entstanden. Die Künstlerin malt Indios und Landschaften, wiederholt gar in Darstellungen junger Indio-Mädchen ihre Worpsweder Motive. Die Kuratorinnen haben die Bilder dicht an dicht gehängt. Ihnen geht es spürbar darum, diese Malerin neu im kunsthistorischen Gedächtnis zu verankern. Aber nicht alle der stilistisch und qualitativ uneinheitlichen Werke lohnen die Wiederentdeckung.

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Das ändert sich schlagartig auf dem Barkenhoff. Jeanne Mammen gilt allgemein als künstlerische Protagonistin der Zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Entsprechend gibt es in Heinrich Vogelers ehemaligen Wohn- und Atelierhaus die „Frau mit Absinthglas“ oder „Transvestitenlokal“ zu sehen. Doch Barkenhoff-Leiterin Beate C. Arnold bestätigt keine Mammen-Klischees, sondern inszeniert mit präziser Werkauswahl trennscharf ein Lebenswerk der Umbrüche und konsequenten Neuorientierungen. Wer weiß schon, dass Mammen - sie lebte von 1920 bis 1976 in einem Wohnatelier am Berliner Kurfürstendamm - auf die Machtergreifung der Nazis mit dämonischen Gemälden wie „Der Würgeengel“ reagierte? Wer kennt die abstrakten, zum Teil aus gebogenem Draht gefügten Bilder wie „Profile“, die unmittelbar nach Kriegsende entstanden? Oder wem ist bewusst, dass Mammen abstrakte Materialbilder fertigte, die Anregungen des Surrealismus verarbeiten? Mit Jeanne Mammen auf dem Barkenhoff hat die Worpsweder Ausstellungstrias ihren rasanten Höhepunkt, ihre wirkliche Neuentdeckung.

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Der Vergleich der Positionen macht klar, dass Reylaender und Mammen trotz früher Beteiligungen an prominenten Ausstellungen ihre Stil- und Themenwechsel damit bezahlt haben, alsbald von der Kunstwelt vergessen zu werden. Nur die Label-Kunst des Leidens, wie sie die Kollwitz vertrat, hat sich gehalten. Die Worpsweder Ausstellungstrias stellt die nachdrückliche Frage nach den Auswahlkriterien der Kunstgeschichte. Aber die ist im Zweifelsfall zu Künstlerinnen wie Künstlern gleich ungerecht.

Worpswede, Große Kunstschau, Kunsthalle, Barkenhoff: Kunstwege - Lebenszeichen. Kollwitz, Reylaender, Mammen. Bis 1. November 2015. Mo.-So., 10-18 Uhr. www.worpswede-museen.de


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