Hitzefrei für Rembrandt und Co Museen: Im Hochsommer stellt sich die Klima-Frage

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Osnabrück. Hitzestress im Ausstellungsraum: Extreme Temperaturen fordern die Klimaanlagen der Museen heraus. Experten erklären warum.

„Die Klimaanlage hat jetzt richtig zu tun“, sagt Ilka Erdwiens, Sprecherin der Kunsthalle Emden, im Hinblick auf die heißen Tage. Wenn draußen Menschen an Badeseen oder in Biergärten die Sonne genießen, muss es Franz Marc zum Beispiel mild temperiert haben. Sein Bild „Die blauen Fohlen“ von 1913 ist die Mona Lisa des Museums an der Küste. „Ein Tafelbild reagiert wie eine hochsensible Geige“, erläutert Gerd Korinthenberg, Sprecher der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf. Kunstwerke vertrügen nur langsame Temperaturschwankungen, so Korinthenberg im Hinblick auf die Düsseldorfer Sammlung, die mit Meisterwerken von Max Beckmann, Wassily Kandinsky oder Jackson Pollock internationale Klasse darstellt.

Kühl im Nussbaum-Haus

Stabiles Klima in allen Räumen: Diese Botschaft ist allerdings nicht in allen Museen selbstverständlich. Für das Kulturgeschichtliche Museum und das als Anbau konzipierte Felix-Nussbaum-Haus in Osnabrück etwa gelten nicht die gleichen Bedingungen. So ist der Altbau nach Angaben von Kurator Thorsten Heese nur teilweise klimatisiert. Der Bestand der Stüve-Sammlung mit niederländischer Malerei sei ebenso wie der Raum für die Drucke Albrecht Dürers klimatisiert, die stadtgeschichtliche Ausstellung allerdings nicht. Ganz anders das Nussbaum-Haus. Hier sorge eine separate Anlage für eine Vollklimatisierung, berichtet Heese. Kein Wunder, das Haus beherbergt ja auch die kostbaren Bilder des Malers Felix Nussbaum, der 1944 in Auschwitz ermordet wurde.

Meisterwerke im Museum: Das beste Beispiel liefert die Kunstsammlung NRW mit Joan Miró. Lesen Sie hier die Ausstellungskritik.

„Bei Hitzegraden müssen Klimaanlagen in Museen vermehrt arbeiten. Das bedeutet auch höhere Energiekosten“, erläutert Gisela Bunhagen vom Museum Schloss Wilhelmshöhe in Kassel. Ihr Haus punktet mit Meisterwerken von Rembrandt, Rubens oder van Dijk als eine der wichtigsten Altmeistergalerien in Deutschland. Wie andere Kunstexperten auch spricht sie die Grundregel der Klimatisierung aus: 20 Grad konstante Raumtemperatur. Milde Schwankungen von ein bis zwei Grad sind tolerabel. Ab fünf Grad beginnt die Krisenzone.

Das Osnabrücker Felix-Nussbaum-Haus ist selbst längst ein Klassiker. Lesen Sie hier die Architekturkritik.

Alles ein Thema für wenige Spezialisten? Nein. Die Klimafrage ist für Kunstmuseen zukunftsentscheidend. Nach Einschätzung von Gisela Bunhagen wird der Klimawandel die Anforderungen an Klimatisierungen weiter erhöhen. „Das wird sich in den Kosten der Museen niederschlagen“, sagt die Kunsthistorikerin, die im Deutschen Museumsbund als Sprecherin der Fachgruppe für kulturgeschichtliche und Kunstmuseen fungiert. „Manche Häuser werden investieren müssen“, prognostiziert sie. Keine leichte Sache angesichts der Unterfinanzierung vieler Museen. Gerade die kleineren unter ihnen verfügen nur über unzureichende technische Möglichkeiten.

Die Kunsthalle Emden zeigt gerade Werke von Paul Klee. Lesen Sie einen Rückblick auf Paul Klee zu dessen 75. Todestag.

Dieses Manko schlägt allerdings bei den Zukunftschancen der Museen jetzt schon voll durch. Wer publikumsträchtige Sonderausstellungen mit kostbaren Leihgaben anbieten möchte, muss erstklassige technische Bedingungen nachweisen. „Das ist die Voraussetzung dafür, Leihgaben zu bekommen“, sagt Jasmin Mickein, Sprecherin der Kunsthalle Bremen. Und Gerd Korinthenberg aus Düsseldorf ergänzt: „Kein Leihgeber würde uns seine Kostbarkeiten anvertrauen, wenn nicht unter anderem für perfektes Raumklima gesorgt wäre.“ Wer in diesem Wettlauf der technischen Ausstattung nicht mithalten kann, fällt unweigerlich zurück – bei Ausstellungsangeboten, Besucherzahlen und in der Folge bei den heute gerade für Kunstmuseen unerlässlichen Sponsorengeldern.

Kampf um Leihgaben

Bestens stehen jene Häuser da, die erst kürzlich um- oder ausgebaut wurden. So verfüge etwa die erst 2011 im Zuge der Erweiterung eingebaute Anlage der Bremer Kunsthalle über internationalen Standard, berichtet Jasmin Mickein. Wie bei Museumserweiterungen bis in Feinheiten technisch nachgerüstet werden kann, macht auch Ilka Erdwiens klar. Die Kunsthalle Emden wurde 2007 mit LED-Beleuchtung ausgestattet. Diese Lampen minimieren die Wärmeentwicklung in den Räumen und damit die Anforderung an die Klimaanlage, die in allen großen Museen über Sensoren mit Informationen versorgt wird und automatisch das Raumklima nachsteuert.

Das Kasseler Museum Schloss Wilhelmshöhe ist für seine Altmeister-Ausstellungen bekannt. Lesen Sie hier den Bericht zu einer Schau mit Rembrandts „Belsazar“.

Unter der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf läuft etwa ein eigenes Kraftwerk. „Wie ein Krankenhaus sind wir unabhängig von der Stromversorgung und autark. Das gilt gerade für Klima und Sicherheit“, sagt Gerd Korinthenberg und verweist auf eine Anlage, die permanent überwacht wird und selbsttätig nachregelt. Übrigens fächeln Klimaanlagen nicht nur der Kunst, sondern auch den Besuchern angenehme Kühlung zu. „Museen sind bei Hitze ein guter Anlaufpunkt“, sagt Jasmin Mickein mit einem Lächeln. Aber das ist im Zweifelsfall sicher nicht der einzige Grund für den Museumsbesuch.

Wie übersteht man die Hitzetage am besten? Hier nützliche Tipps für das Wohlbefinden im Hochsommer.


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