Serie zum Osnabrücker Museum Felix-Nussbaum-Haus: „Selbstbildnis mit Judenpaß“


Osnabrück. In der Serie „Eine Stunde im Felix-Nussbaum-Haus“ blicken wir auf die „Mona Lisa“ des Osnabrücker Hauses - das „Selbstbildnis mit Judenpaß“.

In der Serie „Eine Stunde im Felix-Nussbaum-Haus“ schauen wir hinter die Kulissen von Osnabrücks wichtigstem Museum. Wir eröffnen die Serie mit einem Blick auf das wichtigste Exponat - Felix Nussbaums „Selbstbildnis mit Judenpaß“.

Wie lange hat Felix Nussbaum in Auschwitz noch gelebt? Hier eine Reportage mit neuen Erkenntnissen zu Nussbaums Zeit im Todeslager.

Es klingt unvermeidlich nach einem Klischee. Aber Inge Jaehner, Direktorin des Osnabrücker Felix-Nussbaum-Hauses, weiß, dass vor diesem Bild nur eine Formulierung passend sein kann. „Den Louvre verbindet man mit der Mona Lisa, unser Haus mit diesem Bild“, sagt und weist auf Felix Nussbaums „Selbstbildnis mit Judenpaß“. Die Gestalt in der Mauerecke, der hochgeschlagene Mantelkragen, unter dem der Judenstern sichtbar wird, dazu der Paß mit dem eingestempeltem „Juif - Jood“: Das Gemälde von 1943 brennt sich unmittelbar in das Gedächtnis, auch wenn es mit seinen 56 mal 49 Zentimetern nicht gerade zu den großen Formaten zählt. Natürlich macht sich das Format dieses Bildes nicht an Zentimetermaßen fest. „Der Blick, mit dem der porträtierte Nussbaum uns anschaut, hat mich vom ersten Augenblick an nicht mehr losgelassen“, erzählt Inge Jahner von ihrer ganz persönlichen Beziehung zu diesem Gemälde.

Das Felix-Nussbaum-Haus präsentierte erst kürzlich eine Ausstellung zu Nussbaums Stillleben. Lesen Sie hier die Ausstellungskritik.

Dabei kam das Bild erst in einer zweiten Etappe nach Osnabrück. 1970 brachten Erben Nussbaums ein Konvolut von Bildern Felix Nussbaums nach Osnabrück. 1971 wurden sie in der Kunsthalle ausgestellt. „Das Selbstbildnis tauchte aber erst 1974/75 auf“ erzählt Inge Jaehner. Zunächst gehörte es zur Präsentation der Bilder Felix Nussbaums im Kulturgeschichtlichen Museum. Mit der Eröffnung des Felix-Nussbaum-Hauses als Anbau an das Kulturgeschichtliche Museum im Juli 1998 scheint auch der Ruhm des „Selbstbildnisses“ stetig gewachsen zu sein. Inge Jaehner bezeichnet das Werk als „Ikone der Holocaust-Kunst“.

Bild in den Enzyklopädien

Zugleich hat sich Nussbaum mit dem Werk aber auch unter den großen Porträtisten des 20. Jahrhunderts eingereiht. Dieses Bild fasst mit den Themen Exil und Verfolgung ein Jahrhundertthema wie in einem Brennspiegel zusammen. Und es liefert einen fundamentalen Beitrag zur Geschichte der Selbstdarstellung von Künstlern. In diesem Bild fehlen die klassischen Attribute wie Staffelei, Palette oder Pinsel. Dafür zeigt sich Nussbaum als leidend und ausgestossen, als einsamer Künstler. Auch diese Pose hat Vorläufer und Vorbilder. Nussbaums Bild findet sich längst in kunstgeschichtlichen Enzyklopädien.

Das Pariser Museum der Modernen Kunst präsentierte Künstlerbilder zum Thema Exil und Verfolgung. Dabei wurden auch Bilder Nussbaums gezeigt. Hier der Rückblick.

Kein Wunder also, dass gerade das „Selbstbildnis mit Judenpaß“ inzwischen eine reiche Ausstellungsvita aufgebaut hat. Das Bild war in Ausstellungen etwa in Amsterdam oder Jerusalem zu sehen. Zwei Präsentationen sind allerdings besonders herauszuheben. 2007 bildete Nussbaums Selbstbildnis einen der Höhepunkte in einer Ausstellung mit Künstlerselbstbildnissen im Madrider Museum Thyssen-Bornemisza. „Nussbaums Bild bildete gemeinsam mit einem Selbstporträt von Frida Kahlo den Schlusspunkt der Schau. Einfach wundervoll“, erinnert sich Inge Jaehner. Und dann wurde das Bild auch 2010/2011 in der großen Nussbaum-Ausstellung im Jüdischen Museum von Paris präsentiert.

Oft als Leihgabe angefragt

„Kein anderes Bild Nussbaums wird als Leihgabe so oft angefragt“, bilanziert Inge Jaehner für das „Selbstbildnis mit Judenpaß“. Das Dilemma: Als wichtigstes Bild des 1904 in Osnabrück geborenen und 1944 in Auschwitz ermordeten Malers soll es möglichst auch immer im Felix-Nussbaum-Haus zu sehen sein. „Die Besucher erwarten das Bild einfach in unserem Museum“, sagt Jaehner. Und in dem Haus hat das Gemälde auch seinen angestammten Platz. Am Ende des großen Saales ist es vor der Tür zu sehen, die in den Gang führt. Es markiert so einen Übergang, auch im Gefüge des von Daniel Libeskind eigens für das Werk Nussbaums entworfenen Museums.

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Und wie geht es weiter mit dem berühmten Bild? Inge Jaehner meint, dass die kunstgeschichtliche Einordnung des Werkes noch genauer als bisher untersucht werden sollte. Wie sieht es aus mit Nussbaums Verhältnis zu den belgischen Surrealisten seiner Zeit? Wie sieht es aus mit Verweisen auf ältere Vorbilder in der Kunstgeschichte? Inge Jaehner will neue Fragen an das Bild stellen. Nur eines steht für sie fest. „Nussbaum zeigt sich nicht als Opfer. Sein Blick trifft uns. Auch mich“, blickt Jaehner bewundernd und fasziniert auf das wichtigste Werk in ihrem Museum.

Info: www.osnabrueck.de/fnh


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