Brunhilde Pomsel: Die letzte Zeugin Die Geschichte der Frau, die Goebbels Sekretärin war

Von André Groenewoud

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Berlin. Die heute 104-jährige Brunhilde Pomsel arbeitete drei Jahre lang als Sekretärin von NS-Propagandaminister Joseph Goebbels. Uns erzählt sie ihre Geschichte.

Die alte Dame zu finden ist schwierig. In dem Appartementhochhaus in München-Schwabing, in dem sie viele Jahre lang offiziell gemeldet war, fehlt ihr Klingelschild an der Eingangstür. Ihren 100. Geburtstag hat Brunhilde Pomsel dort in ihrer Zweieinhalbzimmer-Wohnung gefeiert. Doch nun? Ist sie umgezogen? Verstorben? Postbote, Handwerker, Hausmeister wissen nichts. Eine ehemalige Nachbarin, die zufällig aus der Haustür kommt, gibt den entscheidenden Hinweis: Frau Pomsel wohnt ein paar Hundert Meter weiter in einer Seniorenresidenz, auch die Zimmernummer hat sie parat. Und fügt hinzu, dass es ihr gut gehe und sich sicherlich über den Besuch freuen werde.

Eine halbe Stunde später ein kurzes Klopfen im ersten Stock des Altenheims, ein leises „Moment, bitte“, schon geht die Tür auf. Brunhilde Pomsel bittet hinein und nimmt Platz am Esstisch vor dem Fenster. Den Fernseher lässt sie laufen. Brunhilde Pomsel ist inzwischen 104 Jahre alt. Ihren Geburtstag könne man sich leicht merken, sagt sie belustigt, das sei der 11.1.11. „Aber in meinem Alter feiert man nicht mehr so doll.“

Doch das Interesse von Journalisten, mit Brunhilde Pomsel ins Gespräch zu kommen, liegt nicht an ihrem Methusalemalter. Der Grund liegt mehr als 70 Jahre zurück. Brunhilde Pomsel war die Sekretärin von Joseph Goebbels. Oder anders herum gesagt: Der Agitator und engster Vertrauter Adolf Hitlers war ihr Chef. Von 1942 bis zur Kapitulation 1945 arbeitete sie als eine von sechs Vorzimmerdamen im Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda in Berlin. Brunhilde Pomsel ist die letzte noch lebende Zeitzeugin des Dritten Reichs, die die Macht der Nazis in unmittelbarer Nähe miterlebt hat.

Ganz freiwillig kam sie in diesen elitären Zirkel nicht. 1933 fing Brunhilde Pomsel als Sekretärin und Stenografin beim Berliner Rundfunk an. Sie trat in die NSDAP ein, verdiente 250 Mark im Monat und war zufrieden. Doch 1942, so hieß es, bräuchte man sie im Propagandaministerium. „Beim Berliner Rundfunk war ich einer der schnellsten Stenotypistinnen. Ich hätte mich nicht weigern können, es war ein Befehl“, sagt sie. Zudem, das gibt sie unumwunden zu, hätte sie der gute Verdienst gelockt, und ihr Arbeitsplatz sei sehr schick gewesen. Als Minister residierte Goebbels im Ordenspalais am Wilhelmplatz, in direkter Nachbarschaft zu Hitlers Reichskanzlei an der Voßstraße. Das Büro von Goebbels lag im Hochparterre, Pomsel und die anderen Sekretärinnen arbeiteten ein Stockwerk darüber in der Bibliothek.

Diktat beim Chef

„Die Arbeit war ganz schön, ein angenehmes Büro“, erinnert sie sich. Der Chef sei oft weg gewesen. Kam er am Sonntag ins Büro, hätten seine Kinder an ihrer Schreibmaschine herumgespielt. Die alltägliche Arbeit sei aber eher langweilig gewesen; Briefe schreiben, Diktate beim Chef, Post sortieren – das Übliche halt.

Brunhilde Pomsel winkt ab, als ob sie die Frage ahne, die auf der Hand liegt. „Nein, vom Holocaust habe ich erst nach dem Krieg erfahren“, sagt sie. „Ich war völlig unpolitisch. Dass es um den Krieg nicht gut stand und alles furchtbar enden würde, habe ich aber schon aus den als „Geheim“ deklarierten Presseberichten aus dem Ausland mitbekommen.“ Brunhilde Pomsel überlegt, dann sagt sie: „Bei mir im Zimmer stand ein Panzerschrank, und ich hatte einen Schlüssel dafür. Aber ich hätte es niemals gewagt, mir ohne Goebbels’ Erlaubnis die Geheimdokumente anzugucken.“

Brunhilde Pomsel hat Goebbels als höflichen, aber auch unzugänglichen Chef in Erinnerung. „Er war überhaupt nicht nahbar. Ich glaube, er wusste bis zuletzt noch nicht einmal meinen Namen.“ Bei einem Mittagessen in Goebbels’ Villa in Schwanenwerder saß sie direkt neben dem Reichspropagandaminister. „Aber er hat mir nicht eine einzige Frage gestellt.“ Aufmerksamer sei dagegen Goebbels’ Ehefrau Magda gewesen, die ihr, als sie 1943 ausgebombt wurde, ein blaues Kostüm schenkte. „Das Kleid war aus blauem Cheviot. Kennen Sie diesen Stoff? Ein wunderbarer, sauteurer Wollstoff. Edelst. Dieses Kostüm hab ich damals jeden Tag getragen.“

Brunhilde Pomsel legt ihre Wolldecke über ihre Schulter und guckt aus dem Fenster. Sie sei nun 104, doch immer wieder werde sie nur auf ihre dreijährige Tätigkeit bei Goebbels reduziert. Sie habe eigentlich keine Lust mehr, darüber zu sprechen. Bereut sie es denn, für den NS-Verbrecher gearbeitet zu haben? „Nö“, sagt sie. „Ich schäme mich nicht. Aber stolz bin ich auch nicht darauf.“

Aber da ist noch diese eine Rede, die sie nicht loslässt, auch nach über 70 Jahren nicht: Goebbels Auftritt im Berliner Sportpalast am 18. Februar 1943. „Wollt ihr den totalen Krieg? Wollt ihr ihn, wenn nötig, totaler und radikaler, als wir ihn uns heute erst überhaupt vorstellen können?“, schrie Goebbels wenige Tage nach der Niederlage von Stalingrad Tausenden fanatischen Anhängern zu. Brunhilde Pomsel holt Luft, überlegt kurz, dann sagt sie: „Es war einfach furchtbar, dass diese Masse genau das wollte. Es war schrecklich und erschütternd zu sehen, was dort passierte, unerklärbar für normal denkende Menschen. Grauenvoll. Ich hatte einfach nur Angst. Nicht die Fragestellung ‚Wollt ihr den totalen Krieg?‘ hat mir Angst gemacht, sondern die Reaktion des Publikums, als die Menge brüllte „Ja, wir wollen“.

Ein SS-Mann hatte Brunhilde Pomsel und eine Kollegin zum Sportpalast gefahren. „Wir saßen direkt vor Magda Goebbels auf reservierten Plätzen“, sagt sie. „Als Goebbels rumbrüllte, standen wir wie versteinert und hielten uns verkrampft an den Händen. Bis der SS-Mann, der uns dort hingebracht hatte, uns von hinten auf die Schulter klopfte und zuraunte: ‚Nun klatscht wenigstens.‘ Wir standen ja so eisern da. Wir haben dann völlig in Erstarrung angefangen zu klatschen.“ Wenn sie nun nach über 70 Jahren an diesen Tag denkt, fehlen ihr noch immer die Worte. „Ich kann nicht erklären, warum ich auch später nie wieder etwas Vergleichbares erlebt habe, dass mich innerlich derart entsetzt hat. Aber so etwas hatte ich vorher noch nie erlebt und danach auch nicht mehr. Die Erinnerung an den Sportpalast-Auftritt hat sich festgefressen in mir.“ Sie hält kurz inne, dann sagt sie: „Es war wie eine Verzauberung.“ Sie streift sich über den Arm, guckt ihren Besucher an und sagt: „Die Gänsehaut muss ich immer wieder wegschütteln.“

Hitlers letzter Geburtstag

Das Ende des Krieges hat sie in unwirklicher Erinnerung. „Hitlers letzter Geburtstag am 20. April 1945 war ein Freitag und herrlicher Sommertag“, sagt sie. Während russische Soldaten vor den Toren Berlins stehen und das Artilleriegrollen überall zu hören ist, stellt Brunhilde Pomsel ihre Schreibmaschine auf die Terrasse von Goebbels’ Privatwohnung in der Stresemannstraße gleich neben dem Brandenburger Tor. Es sollte ihr letzter Arbeitstag für den Agitator sein. Am nächsten Morgen zieht sie in den Luftschutzkeller des Propagandaministeriums unter dem Wilhelmplatz. Zehn Tage harrt sie Tag und Nacht in den primitiven Kellerräumen aus. Anfangs, so erzählt sie, hätte sie nichts zu essen gehabt, dann aber Konservenbüchsen gefunden und Wein, guten Wein. Eine Möglichkeit zum Kochen gab es nicht, also aß sie den Spargel aus der Büchse. Verwundete Zivilisten und Soldaten wurden hereingetragen. Von den Selbstmorden von Hitler und Goebbels erfuhr sie durch Kuriere, die die Nachrichten aus dem Führerbunker in unmittelbarer Nachbarschaft zu ihr in den Keller brachten.

Knapp fünf Jahre russische Gefangenschaft folgten, in Pferdeställen und Lagern in Deutschland und Polen, darunter in Posen, Landsberg an der Warthe, Buchenwald, Sachsenhausen und Berlin-Hohenschönhausen. 1950 kehrte sie nach Hause in ihre Charlottenburger Wohnung zurück – und fand im Schrank das blaue Goebbels-Kleid, das sie dann noch jahrelang trug. Geheiratet hat sie nach dem Krieg nie, „darauf war ich nie wild“, sagt sie. Sie arbeitete beim Südwestfunk in Baden-Baden, später dann bei der ARD in München. Mit 60 ging sie in Rente, das war 1971. Sie reiste nach China und ging auf Safari nach Kenia. Mit 102 rutschte sie auf der Straße aus und brach sich das Schienbein. Fit im Kopf sei sie, sagt sie. Aber ihre Augen ließen sie im Stich, den Besucher könne sie nur schemenhaft erkennen. „Ich bin zwar geistig fit, aber damit kann ich nichts anfangen“, sagt sie. „Ich kann kein Fernsehen mehr gucken und keine Zeitung mehr lesen.“

Ach, da fällt ihr noch etwas ein, und das will sie noch loswerden. Ja!, Doktor Goebbels sei immer picobello angezogen gewesen und, ja!, er hätte tadellose Tischmanieren gehabt. Sie wisse, dass das alles banal und komisch angesichts seiner Verbrechen klingt. Deswegen, und das ist ihr ein Anliegen, will sie es noch loswerden: Goebbels habe sich durch seinen Selbstmord viel zu feige seiner Verantwortung entzogen, sagt sie. Seine Verbrechen seien unverzeihlich. Und dann sagt sie zum Abschied noch diesen Satz: „Ich hätte nie geglaubt, dass ich nach 1945 noch einmal ein glückliches Leben werde führen können.“


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